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nuten. Allmälig erlosch im Westen die Abendröthe, bleichblickte der Mond auf die ruhende Erde.
Sie kehrte zurück. Noch lag er, wie sie ihn ver-lassen, und sie glaubte ihn schlafend. Sie beugte sichüber ihn tiefer und tiefer.
„Und das Ende wird kommen und es soll nimmersein weder Trauer, noch Klage, noch Pein!"
Ein Schrei durchzitterte die Luft, gequälter Wittwen-brust entrungen. Auf die Kniee sank sie neben dem LagerdeS Todten.
Eine Stunde später erklang vom Thurme in Ches-holm dumpf die Todtenglocke; sie klagte um Sir VictorChateron, der zu früh zu den Vätern geschieden.
7. Kapitel.
Zwei Jahre später.
Ein schönes Schiff dampftean einem AugustnachmittageMajestätisch hinaus in dieoffeneSee. Alle Kajüten warengefüllt, alle Länder schienenvertreten. Man lernte sichkennen. Eine dunkle, schöneDame in Wittwentracht er-regte allgemeines Interesse.
Auf der Passagierliste standsie als Lady Chateron, einereiche, adelige Engländerin,mit Dienerschaft. Die Zofeerzähltenach Weiberart so vielsie wußte. Lady Chateron warseit zwei Jahren Wittwe desverstorbenen Sir VictorChate-ron, der im ersten Jahreihres ehelichen Lebens starbund ihr einen unendlichenReichthum hinterließ. Mehrwußte Sarah Betty nicht, siewar erst in London engagirt Hworden, um mit Lady Chate-'ron auf dem Continent zureisen. Nun begebe sich diesenach Amerika , weshalb, wissesie nicht.
Allüberall wurde die Damebewundert, aber sie schien kaltwie Marmor, stolz und gleich-giltig gegen Alles. Die Gesell-schaft besuchte sie nicht, der Verlust ihres Gatten habeihr das Herz gebrochen.
Das war Betiy's Geschichte; der Bediente war einwürdiger, schweigsamer Mann, den man unmöglich fragenkonnte. Er machte keine Mittheilungen, man mußte mitden Nachrichten der Zofe sich begnügen. So wurde LadyChateron an Bord die Heldin des Tages. Sie machtekeine Bekanntschaften. Ihr Schweigen aber konnte mankaum auf Rechnung des Stolzes setzen. Noch vor Endeder Reise war sie oft bet den Zwischendeckpassagieren,spendete reiche Gaben und wurde von Segenswünschenbegleitet.
Gewiß nicht Stolz — die tiefen, unergründlichenAugen waren so wunderbar weich — und doch hatte sieetwas so Unnahbares, daß Niemand ihr zu nah zu tretenwagte. Vom Anfang an war Lady Chateron interessantund geheimnißvoll und blieb es bis zum Ende.
Ja, es war Edith — Edith, die nach Hause ging.Ihr Vater sehnte sich nach seinem Kinde. Hoffte sie nochandere Freunde zu sehen? Je näher sie Amerika kam,desto heftiger schlug ihr Herz; sie wurde ruhelos.
Sie erreichte New-Iork, und schon am folgendenTage reiste Lady Chateron ohne alle Begleitung nachSandypoint.
In der Dämmerung eines Augusttages betrat siedas Hcimathstädtchen und schritt langsam durch dessenStraßen. Vor drei Jahren hatte sie es verlassen, einglückliches, hoffnungsvolles Mädchen von achtzehn Jahren,als einsame, trauernde Wittwe kehrte sie nun zurück.
Wie verändert war Alles, und doch so bekannt!Hier waren die Läden, in die sie zu gehen pflegte, umEinkäufe für den Familienbedarf zu machen. Hier dehnte
sich die lachende See aus, aufder Rudolf und sie zu schiffenpflegten. Dort lag die Wiese,auf der sie in jener Nachtsein Leben gerettet. Wärees nicht besser gewesen, wenndamals Beide gestorben? Dawar das Riff, wo er ihr unterströmendem Regen seiner Mut-ter Brief gegeben, worauf ihrLeben neu zu beginnen schien,dort die Thür, an derenSchwelle er gesagt: „Wasauch immer die Zukunft Dirbringe, mich darfst Du nichttadeln." Und sie tadelte ihnnicht. Das Glück des Lebenswar vor ihr gelegen, sie hattees von sich gestoßen.
Die Thüre öffnete sich, undein ältlicherMann trat heraus.Mit einemAufschrei derFreudelag sie in des Vaters Armen.Sie blieb eine Woche; wie be-kannt schien ihr Alles und dochso fremd. DieKinder lärmenderdenn je; der Vater grauer,stirngefurchter; die Stief-mutter immer gleich sauer-töpfisch, doch gegen sie höchstwillfährig. Die Leute, diesie kannten, kamen sie zusehen, oder starrten sie von Weitem an. Eine Zeitlangunterhielt sie das, dann überkam sie die alte Ruhelosig-keit und Sandypoint war, selbst um des Vaters willen,nicht mehr zu ertragen. Sie wollte in die Metropolezurückkehren, im Gewoge der Menschen würde sie Ruhefinden, hoffte sie.
Und so ging sie, nachdem sie den Vater der ma-teriellen Sorgen für die Zukunft für immer überhoben hatte.
Die Zeit verstrich; sie traf alte Bekannte, von derFamilie Stuart aber vermochte sie nichts zu erfahren.Sie war verschwunden, und Edith begann sich nach Eng-land zurückzusehnen, zu Tante Helena und Jnez, mitwelchen sie ein behagliches Stillleben zu führen und zuvergessen suchen wollte.
Vor ihrer Abreise machte sie noch einige Einkäufe.Sie betrat ein Magazin am Broadway und verlangteschwarzen Seidensammt zu sehen. Der junge Mann, der
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Prinz Max, Herzog zu Sachsen