Ausgabe 
(25.9.1896) 80
Seite
610
 
Einzelbild herunterladen

61V

iNNttt mich, daß es Zeit ist, Thee zu machen, Du ent-schuldigst mich wohl gütigst."

Sie geht, und Edith sitzt im kleinen Zimmer allein.Ihr ist schwer um's Herz; was sie verloren, hat diebrave Julie wohl gewonnen. Sie verdient es, und dochempört sich ihr Herz bei diesem Gedanken.

Die Minuten verstrichen langsam; es ist beinahesieben Uhr. Wie wohl Trixy sie empfangen würde? Hattesie großmüthig die Vergangenheit vergessen, oder würdesie es sie fühlen lassen gleich dem Bruder?

Mrs. Stuart richtete den Tisch; wie sonderbar,Tante Lotte arbeiten zu sehen!

Bald ist Alles bereit, das Aroma des Thees durch-zieht duftend den Raum.

Auf der Treppe machen sich Schritte hörbar, dieThür fliegt auf, und Trixy ruft laut:

Ist der Thee fertig, Mama? Julie und ich sindentsetzlich hungrig. Wie im Salon; feierlich gedeckt!Besuch?"

Edith erhebt sich bleich. Trixy sieht die regungs-lose Gestalt und fährt mit einem Schrei zurück.

Trixy!"

Sie ist's, sie ist's!" ruft sie, stürzt auf Edith zuund umarmt sie, lachend, weinend und küssend in einemAthem.

9. Kapitel.

Der Abschied.

Der Empfang war nicht kalt, die unangenehmenErinnerungen der Vergangenheit waren vergessen, Trixy'swarmes Herz kannte nur Liebe und Vergebung.

O Edith, wie freue ich mich, Dich wiederzusehen?"ruft sie jubelnd,aber Rudolf, wo bist Du, kennst DuEdith nicht?"

Gewiß kenne ich sie und sagte ihr auch. Du wür-dest Dich freuen, sie zu sehen."

Sagtest es ihr, wo? Wann?"

Heute Nachmittag im Laden, wo sie schwarzenSeidensammt wollte, den sie, nebenbei bemerkt, nicht be-kam. Erlaube mir übrigens, Edith, Dich offiziell zuversichern, daß wir ein schönes Sortiment auf Lagerhaben. Aber, Trixy, wo sind Deine Manieren, Du hastja Julie noch nicht vorgestellt. Da muß ich wohl denEerrmoniennreister machen: Lady Chateron, Miß Seton."

Beide verbeugten sich und betrachteten sich forschend.Edith sah ein junges Mädchen vor sich, nicht schön, abersehr anmuthig. Die blauen Augen, der lächelnde Mundmußten sofort die Herzen gewinnen. Es war eine ge-fährliche Rivalin.

Lady Chaterons Name ist mir geläufig", lachteMiß Seton,Trixy erwacht mit ihm und geht mit ihmzur Ruhe. Lady Chateron weiß nicht, wie eifersüchtigich bisher auf sie gewesen."

Mit Thränen in den Augen reichte Edith der Cou-,me die Hände.

Du liebe, liebe Trixy!" rief sie gerührt.

So, nun laufe ich fort", sagte Julie,Tantchenwartet auf mich, und Trixy wird tausend Dinge zu sagenund zu fragen haben. Nein, Trixy, kein Wort, Rudolf,was thun wir mit Ihrem Hut? Legen Sie ihn gleichWeg, ich brauche Sie nicht und gehe lieber allein."

Als wenn ich das erlauben würde."

Er blickte sie lächelnd an, und Edith fühlte alleDualen der Eifersucht, als die Beiden plaudernd sichentfernten.

«Ist Julie nicht ein liebes Ding?" fragte Trixy,und was ohne sie aus uns geworden wäre, mag ichnicht denken, gewiß ist, daß sie Mama '8 und Rudolf'sLeben rettete."

Sein Leben?" stammelte Edith.

Es war eine schreckliche Zeit, wir verhungertenbuchstäblich. All' unsere alten Freunde hatten uns ver-lassen, Arbeit fanden wir nicht, zum Betteln schämtenwir uns. O, hättest Du damals den armen, hohläugigenRudolf gesehen, sein Anblick hätte Dich tief bewegt. Denlieben langen Tag suchte er Beschäftigung und kam immerwieder enttäuscht, müde und verzweifelnd heim. In einerregnerischen Abendstunde fand ihn Julie am Fluß. O,Edith, er war nicht so sehr zu tadeln, ich glaube, erwar nicht mehr bei sich. Was sie that oder sagte, weißich nicht, aber sie brachte ihn uns wieder. Am nächstenTage sandte die Vorsehung den Platz im Laden. Ichweiß nichts von seinen geschäftlichen Vorzügen, aber erist bei den Damen sehr populär. Wenn andere Com-mis beredt die Waaren anpreisen, schweigt Rudolf undläßt die Kunden reden. Faktum ist's, daß man ihnsehr gern hat. Du siehst, daß eS uns nun gut geht,ich habe beinahe ganz vergessen, daß wir einmal reichwaren, schöne Kleider trugen und kostbar tafelten."

Bist Du glücklich?" fragte Edith erstaunt.

Ganz glücklich, und nun ich Dich habe, kenne ichkeinen Wunsch mehr."

Edith seufzte tief und verglich ihre Feigheit MitTrixy's Muth, ihre Härte mit deren Großherzigkeit.

Eine peinliche Pause folgte.

Seit wann bist Du in New-Iork?" fragte Trixy,und ist es wahr, was Hammond schrieb?"

Was schrieb er?"

Daß es Unannehmlichkeiten gegeben und Du undDein Mann Euch am Hochzeitstage getrennt hätten.Wir wollten es natürlich nicht glauben."

Es ist wahr, wir trennten uns am Hochzeitstage,um erst an seinem Todtenbette unS wieder zu vereinigen.Doch ich darf davon nicht sprechen. Zwei Jahre sinddahingegangen, mein Schmerz aber ist sich gleich geblieben.Ich war ein elendes, gewinnsüchtiges Geschöpf und erder beste, edelste Mann. Gottlob, daß wir versöhnt ge-schieden. Doch lassen wir die trübe Vergangenheit, sag'Du mir lieber, ob mit Deinem Glücke Hauptmann Ham-mond zu schaffen hat."

Nun, Dir kann ich's sagen, daß wir um Weih-nachten Hochzeit haben."

Hochzeit?"

Ja, wir verlobten uns vor drei Jahren, als wirEngland verließen. August wollte damals gleich hei-rathen, davon aber konnte natürlich keine Rede sein.Wir waren verarmt, und er hatte nur seine Gage undseine Aussichten. Kürzlich nun kam ein schwarzgerän-derter Brief und brachte die Kunde, daß seine Großmuttergestorben und August zum Erben eingesetzt habe. UmWeihnachten will er kommen, und, Edith, er ist ein guterMensch und ich bin das glücklichste Mädchen in New-Aork."

Du wirst dann wohl in Schottland leben?"

Natürlich, die Mutter bleibt bei Rudolf, und Juliewird meine Stelle ausfüllen; wäre sie nicht eine reizendeSchwägerin? Doch, da kommt Rudolf, trinken wir end-lich Thee, ich habe gräulichen Hunger."

Die kleine Lampe wurde angezündet und das Abend-brod eingenommen.