Ausgabe 
(25.9.1896) 80
Seite
609
 
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LL 8V. IreiLag, den 25. September 1898.

k?ür die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg .

Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Borbesttzer vr. Max Huttler ).

Ein furchtbares Geheimniß.

Dem amerikanischen Originale der Mrs. Mary AgneSFlemming nacherzählt von LinaFreifrau v.Berlepsch.

(Schluß.)

8. Kapitel.

Vergeben und vergessen.

Rudolf Stuart, das Original des Bildes, das Tagund Nacht auf ihrem Herzen ruhte. Ihr schwindelte vorUeberraschung, sie lehnte sich an den Ladentisch und blickteihn ungläubig an.

Rudolf I "

Edith!"

Ja, es ist seine Stimme, sein Lächeln, er reicht ihrdie Hand über den Ladentisch. Sie sinkt in einen Stuhl,Alles schien sich zu drehen, ihr Herz hüpft vor Freude, siehatte den wiedergefunden, nach dem sie unbewußt sichgesehnt.

Rudolf faßte sich zu erst, wenn er die Fassungüberhaupt verloren hatte.

DaS ist einmal eine Ueberraschung", sagte er, «ichglaubte, Du seiest abgereist."

Wußtest Du, daß ich hier war?"

Natürlich, ich lese täglich den Anzeiger und weißfolglich, welche vornehme Fremden ankommen. NachDeinem Befinden brauche ich nicht zu fragen, Du sahstnie besser aus."

Du wußtest, daß ich hier sei", rief sie vorwurfs-voll,und besuchtest mich nicht? Wußte Trixy es nicht?"

Nein, ich glaube es wenigstens nicht; denn wennsie es irgendwie erfahren, hätte sie unfehlbar davon ge-sprochen und sich vielleicht auch die Freiheit genommen,Dich zu besuchen."

Mit stummem, schmerzlichem Tadel erhob sie ihrAuge zu ihm. Er steht unbefangen vor ihr, spricht ingleichgiltiger Weise und sieht aus, als habe er jede Er-innerung der Vergangenheit begraben.

Darf ich Deine Mutter besuchen?" fragte Edithnach einer Pause verlegen»ich möchte sie so gernewiedersehen."

Gewiß, es wird sie sicherlich sehr frenen, wennLady Chateron sie beehren will."

Er sprach mit der alten Nonchalance, aber mit derdeutlichen Absicht, sie nicht zu verschonen.

Hier ist die Adresse", fuhr er fort,wir bewohnenallerdings kein aristokratisches Quartier, und Trixy kommtvor sieben Uhr nicht nach Hause. ^ Sie ist in einer Mode-

waarenhandlung in Kondition, ich hole sie gewöhnlichnach Ladenschluß und begleite sie dann nach Hause."

Kleinlaut und mit bebender Hand nahm Edith die Karte.

Ich will gleich hingehen und bei Deiner Mutterwarten bis Trixy kommt."

Wie Dir's beliebt; ich bedaure nur, Dich nicht be-gleiten zu können, meine Stelle verhindert das natürlich."

Wie träumend verläßt Edith den Laden und fährtin die betreffende Straße. Die angegebene Adresse istein großes Miethhaus; sie eilt die Treppe hinauf, läutet,und Mrs. Stuart öffnet die Thür.

Tante Lotte!"

Mein Gott ! Edith, Du bist's?«

Ja, Edith küßt und umarmt. sie und seht sich indem kleinen Zimmer neben die überraschte Matrone.

Wie ganz anders ist eS hier, als einst in der Prachtdes Hauses in der fünften Avenue, wie anders dasschwarze Alpaccakleid, als die schwere Seide, die echtenSpitzen der damaligen Zeit! Tante LottenS gutmüthigesGesicht aber ist das gleiche. Tausend Fragen wurdengestellt und beantwortet.

Und so bist Du so jung Wittwe geworden, armesKind", sprach die Tante bedauernd,Hauptmann Ham-mond schrieb es uns, er steht mit Trixy noch immer inCorrespondenz."

Ja, es waren trübe Zeiten; wie aber ist eS ge-gangen, Tantchen?"

Anfangs sehr schlimm; mein Mann erlag demJammer. Alles wurde verkauft, wir sahen uns amBettelstab. Arbeit war schwer zu erhalten. Ich erkrankteund Rudolf verzweifelte beinahe. Alle alten Freundewaren verschwunden, und hätte uns die Vorsehung nichtJulie Seton geschickt, wir wären zu Grunde gegangen."

Wer ist Julie Seton?"

Sie war eine Jnstitutsfreundin von Trixy; ihreEltern geriethen früher ebenfalls in beengte Verhältnisse,und sie kam uns wie ein Engel zu Hilfe. Ihr verdanktTrixy ihre Stelle, mich pflegte sie wie eine Tochter, undRudolf beruhigte und erheiterte sie in den schwärzestenStunden."

Ist sie jung?" fragte Edith beklommen.

In Trixy's Alter und sehr geistreich. Sie hattedie litterarische Bahn betreten und befindet sich in ganzbehaglichen Verhältnissen. Wir zählen sie ganz zu unsererFamilie, und ich glaube, sie wird auch heute mit Rudolfund Trixy kommen, sie sind immer beisammen. DaS er«