Ausgabe 
(25.9.1896) 80
Seite
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Edith fühlte sich fremd, zwischen ihr und Rudolflag eine nicht zu überbrückende Kluft.

Sie erhob sich bald, um zu gehen. Umsonst batsie Trixy noch länger zu bleiben.

Soll Rudolf einen Wagen holen?" fragte die Tante,oder gehst Du lieber?"

Sie wird gehen", bemerkte der junge Mann plötz-lich,und ich begleite sie."

Die Nacht ist sternenhell und herrlich. Die altenZeiten kehren wieder, das alte Gefühl zufriedener Ruhe,mit dem sie sich auf Nudolf'S Arm stützte.

O, wie heimisch ich mich fühle", rief sie,mir ist,als hätte ich erst gestern Sandypoint verlassen, als zeigtestDu mir wie damals die Wunder New-Iorks."

Erinnerst Du Dich, was ich damals zu Dir sagte?Hast Du in den drei Jahren nie gewünscht, ich möchteDich nicht von Sandypoint weggeholt haben?"

Nein; ich habe auch Niemand getadelt, als mich.Meines Lebens Unglück habe ich mir selbst geschaffen;käme aber Alles noch einmal, ich ginge wieder. Ich habeviel gelitten, aber auch geliebt."

Ich freue mich, das zu hören, es hat mich oft be-unruhigt. Um zu erfahren, ob Dn mich tadelst, wollteich Dich heimgeleiten und um", er stockte,um DirLebewohl zu sagen."

Lebewohl?" wiederholte sie erbleichend.

Ja, und nachdem unsere Lebensbahnen so weitauseinandergehen, ein Lebewohl auf immer. Morgenreise ich nach Saint Louis, wo unser Haus eine Filialehat und ich dauernd bleiben werde. Die Firma schenktmir Vertrauen, es eröffnen sich mir glänzende Aussichten.Zu Weihnachten kehre ich allerdings wieder auf kurzeZeit hierher zurück. Trixy wird Dir gesagt haben, wes-halb, dann aber bist Du wohl wieder nach England abgereist."

Trixy hat mir nichts gesagt", antwortete Edithund wunderte sich über die Festigkeit ihrer Stimme.

Nicht? Und da soll das Zeitalter der Wundervorüber sein? Trixy bewahrt Geheimnisse! Nun, ichkehre zur Hochzeit wieder, und nach derselben begleitetmich die Mutter in meine westliche Heimath."

Edith ist wie betäubt, sie versteht nichts. DieHoch-zeit" ist natürlich feine Hochzeit mit Julie Seton; Trixyhat sie in ihrer Aufregung ganz vergessen. Sie fühlte,oaß die Zeit des Leidens nun erst recht für sie begann.

Ich wünsche Dir von ganzem Herzen Glück."

Nun ja", entgegnete er kalt,eine Heirath in derFamilie ist stets ein Gegenstand der Glückwünsche, undich muß sagen, sie hat sich als das beste, bravste Mäd-chen erwiesen. Wie lange gedenkst Du noch in New-Uork Zu bleiben?"

Ich werde sofort abreisen."

Sie waren dem Hotel nahe. Unwillkürlich klammertesie sich au Nudolf'S Arm. Ihr war's, als müßten infünf Minuten die Wasser tosend über ihrem Haupte zu-sammenschlagen und Alles ein Ende haben.

Hier sind wir", sprach er,ich freue mich, Edith,daß Du die Vergangenheit nicht bereust und die Zukunftreich und schön vor Dir liegt. Und nun leb' wohl, Gott segne und behüte Dicht"

In stummem Schmerz hebt sich das Auge zu ihm,und er ahnt, daß Edith ihn liebt, daß das Herz, fürdas er sein Leben gegeben hätte, endlich ihm schlug. Erhält ihre Hand und blickt ihr tief ins Auge. Jemand

geht vorüber und sieht sich um. Rudolf will auf derStraße keine Scene veranlassen.

Lebewohl!" ruft er nochmals, drückt ihr die Handund eilt fort.

Wie eine Statue steht Edith, sie fühlt, daß er auSihrem Leben gestrichen war.

10. Kapitel.

Zum zweiten Male vermählt.

Am nächsten Morgen kam Julie Seton, um RudolfAdieu zu sagen. Bleich nimmt er von ihr Abschied.Edith's stummflehendes Auge hatte ihn die ganze Nachthindurch verfolgt, folgte ihm nach, noch als der Zugwestwärts dampfte. Edith liebte ihn. Er halte es niebezweifelt, nun aber brauchte er nur ein Wort zu sagenund sie würde ihm die Hand reichen, und Arbeit undTrennung wären vorbei auf ewig. Dieses Wort aberwollte er nie sprechen; was Edith Darrell ihm einst ver-weigert, sollte Lady Chateron mit all' ihrem Reichthumvon ihm nicht erlangen.

In Saint Louis fand er keine Zeit, sentimentalenGedanken nachzuhängen, im Herzen des Amerikaners er-stickten Geschäftsangelegenheiten der Liebe zarte Saat.

Ein Brief von Trixy meldete, daß Edith i« Laufeder folgenden Woche nach Europa zurückkehren werde.

O Rudolf, warum muß sie überhaupt gehen?Wenn Edith Darrell Dich lieb hatte, ist das bei EdithChateron um so wehr der Fall; sie erzählte mir dieGeschichte ihrer Ehe, und Niemand kann sie tadeln."

Ernst und gedankenvoll liest er den Brief, aber ererschüttert nicht seinen Vorsatz. Die Tage vergingen;eines Abends erhielt er ein Telegramm:

New-Iork, 28. Oktober 1670.

Edith gefährlich erkrankt, ist sterbend. Komme sofort.

Beatrics."

Er laS es wieder und wieder. Edith am Sterben.Da fühlte er, daß all' seine Härte und Gleichgiltigkeitnur erkünstelt waren, eine Mauer von Hochmuth, welchedie leiseste Berührung einstürzen ließ, daß die alte Liebesein Herz noch entflammte.

Er reiste, nachdem er feine Anordnungen getroffen,Tag und Nacht, und stand endlich bleich und müde ander Mutter Haus. Eine Ewigkeit hattte ihm die Fahrtgeschienen.

Komme ich zu spät?" fragte er heiser.

Nein, sie lebt noch", entgegnete Trixy weinend.

Was fehlt ihr?"

Der Arzt erklärt es für Gehiruiyphus und gibtsie auf."

«Ist keine Hoffnung?"

So lange sie lebt, ist Hoffnung! DaS Schlimmsteist, daß ihr am Leben nichts liegt, daß sie nichts znhaben scheint, wofür zu leben ihr der Mühe werthdänchte.Mein ganzes Leben ist ein Mißgriff", sagtesie zu mir.Stolz und Selbstsucht führten mich auffalsche Wege, und es ist besser, wenn ich sterbe." Inden ersten Tagen ihrer Krankheit machte sie ihr Testa-ment und vererbte Dir beinahe Alles, worüber sie freiverfügen kann.Bei Lebzeiten hätte tch mir nicht er-laubt, ihm etwas anzubieten", meinte sie;der TodtenWünsche sind heilig. Mein ganzes Leben lang habe ichihm nur Kummer und Enttäuschung bereitet, mein letztesGebet soll ihm Glück erflehen." Wenn sie phantafirt,