Ausgabe 
(25.9.1896) 80
Seite
612
 
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ruft sie immer nach Dir, bittet Dich, wiederzukehren, ihrzu vergeben, und deshalb telegraphirte ich."

Weiß sie das?"

Nein, sie wollte, daß ihre Leiche in Sandypointneben ihrer Mutter beerdigt und nicht nach England ge-schickt würde. Du solltest erst nach ihrem Tode die Ge-schichte ihrer Heirath erfahren; soll ich sie jetzt Dir er-zählen ?"

Rudolf nickte.

Leise erzählte Trixy Alles; es war bereits dunkel,als sie endigte. Regungslos hörte er ihr zu.

Wann darf ich sie sehen?" fragte er endlich.

Wann Du willst, der Arzt glaubt, Deine An-wesenheit dürfte gut thun. Gegenwärtig ist die Mutterbei ihr. Julie pflegt sie aufopfernd, und denke, siemeint, Du seiest mit Julie verlobt."

, Eine halbe Stunde später betraten die GeschwisterdaS Krankenzimmer.

Die Patientin befindet sich sehr schlimm, und mitbesorgten Blicken betrachtete sie der Arzt.

Ihre Gleichgtltigkeit gegen den Tod ist das Aergste",sprach er,wenn sie sich zum Leben zwänge, wäre sievielleicht zu retten."

Langsam und widerstrebend trat Rudolf näher.

Großer Gott, ist das Edith?" rief er und sinktin einen Stuhl neben ihr Bett.

Sie erwacht, die Lider heben sich, das dunkle Augetrifft Rudolf.

Rudolf!" flüsterte sie kaum hörbar und ein Strahlruhiger Freude fliegt über das bleiche Gesicht.

Dachte ich's doch, daß es nicht schaden würde",nickte der Arzt zufrieden,lassen wir die Beiden eineZeit lang allein, meine Damen, es dürfte von günstigerWirkung sein. Ich bitte Sie jedoch, Mr. Stuart, dieKranke nicht durch vieles Reden aufzuregen."

Die Mahnung schien überflüssig; er war nicht zumSprechen geneigt. Er hält ihre Hand fest, legt seinGesicht auf ihr Kiffen und schweigt. So verstrichenmehrere Minuten.

Wann kamst Du, Rudolf?" fragte Edith schwach.

Vor einer Stunde."

Wer sandte nach Dir?"

Trixy. Aber Du sollst nicht sprechen, Edith."

Wieder legte er sein Haupt auf ihr Kissen.

Ich glaube, Du weinst, Rudolf, hassest Du michalso doch nicht?"

Dich hassen?" war seine einzige Antwort.

Einst sagtest Du's, und ich verdiente es. Wennich todt sein werde und sie Dein glückliches Weib ist"

Ihre Stimme brach; selbst im Tode war ihn zuverlieren bitterer, als der Tod.

Wer?"

Julie; sie ist Deiner werth und ich war eS nie.Sie liebt Dich und"

Du irrst; Julie liebt mich wie Trixy auch, sie istmeine zweite Schwester. Was ich auf dem See vonKillarney gesagt, werde ich halten wein Leben lang. WennDu mein Weib nicht sein kannst, will ich nie heirathen.Kein Wesen der Welt könnte mir sein, was Du mirwarst und bist."

Eine Pause.

Endlich, endlich, wenn eS zu spät ist!"

O Rudolf, wie ganz anders würde Alles sich ge-stalten, könnte ich die Vergangenheit zurückrufen. Ich

glaube aber, ich würde glücklicher im Grabe ruhen, stündeEdith Stuart auf meinem Leichcnsteine."

Er beugte sich über sie.

Also müßte es Dich lebend und todt glücklichermachen, mein Weib zu sein?"

Es ist zu spät", flüsterte sie.

Es ist nie zu spät, wir lassen uns noch heuteNacht trauen."

Rudolf!"

Du darfst nicht mehr sprechen; ich werde Allesbesorgen und einem mir bekannten Priester die Sachlageerklären. O Geliebte, Du solltest längst mein Weib sein,und selbst dem Tode trotzend, mußt Du eS noch werden."

Er eilte fort; Edith hat das Gefühl, daß sie soglücklich gewesen, endlich würde sie Nudolf's Weib sein.

Ruhig und entschieden theilte er den Ucbrigen dieSachlage mit.

Die Aufregung tödtet sie", bemerkte der Arzt,ichwerde solch' dramatische Effekte nicht zugeben."

Aber er läßt sich doch bereden.

^ Dem Priester ist eine Heirath auf dem Todtenbettenichts Neues. Die zehnte Abendstunde wird bestimmtund Beatrice und Julie treffen die wenigen Vorberei-tungen. Sie zieren das Zimmer und das Lager mitBlumen, hüllen Edith in ein weißes Nachtgewand undrichten sie in den Kissen auf.

In ihrem Gesichte und Blicke glüht das Fieber. Unddoch ist sie unendlich glücklich.

Ernst und bleich tritt der Bräutigam ein. Weinendumstehen die Andern das Krankenlager.

Welch' seltsame traurige Trauung!

Der Priester beginnt die Ceremonie. Sie reichensich die Hände. Edith wendete kein Auge von Rudolf.Sie antwortete schwach, er unsagbar traurig. Der Ringist an ihrem Finger, sie ist endlich, was sie längst hättesein sollen Rudolfs Weib.

Er beugte sich über sie: mit aller Kraft erhebt siesich zu einer Umarmung, aber schwer sinkt ihr Hauptzurück und kalt und leblos legt er seine Braut in dieKissen, ob todt oder in todtenähnlicher Ohnmacht werwußte es?

11. Kapitel.

Der Abend.

Mit Tagesanbruch erwachte sie aus der todgleichenErstarrung und blieb tagelang am Rand des Grabes.Die Reaktion war gekommen. Bleich, stumm und regungs-los lag sie. Selbst die geliebte Stimme hörte sie nicht,ihr Auge starrt in's Leere. Ein Erwachen aus dieserLethargie war zweifelhaft. Tod und Leben rangen umdie Oberhand. Es war eine trostlose Zeit, die Rudolfnie vergaß. Er verließ sie kaum je, thränenlos saß eran ihrer Seite, beinahe ebenso bleich und hohläugig wiedie Sterbende, und hielt gelegentlich einen Spiegel anihre Lippen, um sich des Athems zu vergewissern.

Düster standen die Aerzte dabei.

Die Aufregung der Trauung hat ihr den Nest ge-gegeben", brummte der Eine,ich hab' es ja gleichgesagt."

Ein schwarzgerändeter Brief aus England lief einund Meldete Lady Helena's Tod.

Sanft und friedlich ist sie eingegangen zur ewigenRuhe", schrieb Jnez,und hat ihr großes Vermögentestamentarisch zwischen Dir und mir getheilt. Es wäregut, wenn Du bald nach England kämest, denn ich be-