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ab sichtige, in ein Kloster in London zu treten und denRest meines Lebens den Kranken und Hülflosen zuwidmen. Mein Bruder gebietet nun in Chateron Royals,er ist in jeder Hinsicht zu seinem Vortheile verändertund wird kein unwürdiger Nachfolger des Geschiedenensein. Sein Weib und seine Kinder lassen nichts zuwünschen übrig. Also komme bald, liebe Edith, zu Deiner
Dich liebenden Jnez."
Wieder hatte Edith ein Vermögen geerbt, war nununermeßlich reich — alles Gold der Erde aber vermochteihrem Leben keine Sekunde zuzusetzen. Welch' bittereIronie!
Die siebente Nacht brachte eine Krisis.
„Morgen werden wir wissen, ob sie stirbt odernicht", bemerkte der Arzt.
„Also noch Hoffnung?" fragte Trixy.
„Es wäre ein Wunder, wenn sie's überstünde unddie Zeiten der Wunder sind wohl vorbei. Uebrigcnssollten Sie Mr. Stuart heute nicht wachen lassen, er istvon den beiden letzten Nächten zu angegriffen."
„Wenn er weiß, daß die Krisis eintritt, wird ernicht gehen wollen. Geben Sie mir einen Schlaftrunkfür ihn, und wenn's zum Aergsten kommt, kann manihn ja wecken."
Der Doctor willfahrte.
„Ich komme mit Tagesgrauen wieder", sagte er.
Sie kehrten an's Krankenlager zurück, weinen konntensie nicht mehr. Wie stumpfsinnig saß Rudolf nebendem Bette.
„Ruhen Sie jetzt ein wenig, Rudolf", bat Julie.
„Heute Nacht?" fragte er schmerzlich, „die letzteNacht? Nein, ich verlasse sie nicht."
„Nur eine Stunde sollen Sie sich niederlegen,Rudolf, thun Sie's mir zu Liebe. Ich verspreche, Siebei der geringsten Veränderung zu wecken."
Nach längerem Drängen gab er endlich nach.
„Trinken Sie noch dieses Glas Wein", bat Julie.
Er trank es und ging.
„Gott sei Dank", rief Trixy, „ich hätte ihn heutenicht hier sehen können. Wenn sie stirbt, wird eS ihntödten."
Juliens Lippen bebten. Was Rudolf ihr gewesen,wie ihr ganzes Herz ihm gehört, wußte selbst Trixynicht. Ihres Lebens schönster Traum war vorüber. ObEdith lebte oder starb, in seinem Herzen hatte kein an-deres Weib mehr Raum.
Die Stunden verstrichen. Schwach flimmerte dieLampe . Alles ist still. Im Nebenzimmer lag Rudolfangekleidet auf einem Bette. Als er erwachte, war esbereits Tag. Er richtete sich auf und starrte verwirrtvor sich hin. Alles fiel ihm ein. Der Morgen war da,er hatte geschlafen, während sie dem Tode nahe war.Dem Tode! Wer sollte ihm sagen, daß Edith nicht todtwar? Wie trunken erhob er sich und ging auf die Thürezu. Ueberall herrschte tiefste Stille. Dnrch'S Fensterdrangen der erwachenden Sonne erste Strahlen. Unfähig,weiter zu gehen, blieb er stehen; sollte er Leben findenoder Tod? Geräuschlos öffnete sich die Thür. Juliekam bleich näher. Voll Angst schaute er auf sie.
„Gottlob, der Arzt sagt, wir dürfen hoffen."
Das Schlimmste zu hören, war er vorbereitet, nichtdarauf.
Er machte einen Schritt vorwärts und sank ohn-mächtig zu Boden.
12. Kapitel.
Der Morgen.
Der Morgen war da und Edith lebte noch.
Sie erwachte von einem erfrischenden Schlummerund lächelte Trixy schwach zu.
Die Krisis war vorüber.
Sie ließen Rudolf nur zu ihr, wenn sie schlief,doch das war leicht zu tragen — Edith sollte ja nichtsterben.
„Es gibt Heilmittel, die entweder tödten oder retten",sprach der Arzt zu Rudolf, „Jhre Heirath war ein solches.Ich glaubte sie brächte den Tod und sie hat Heilung ge-bracht."
Viele Tage kehrte Edith das Gedächtniß nicht zurück,sie aß und trank begierig und fiel dann wieder in er-quickenden Schlaf.
Endlich vermochte sie, sich wieder zu erinnern, undTrixy bemerkte, daß ihr immer wieder eine Frage aufden Lipp m schwebte.
„Was möchtest Du denn eigentlich wissen?"
„Wie lange war ich krank?"
„Nahe an fünf Wochen; siehst Du, an mir sindnur mehr Haut und Knochen; was wird August sagen,wenn er kömmt?"
„Ich war zeitweise wohl im Delirium?"
„Freilich; aber deshalb brauchst Du nicht so betrübtauszusehen. Jetzt ist ja Alles gut."
„Ja", seufzte sie, „Ihr wäret Alle sehr liebevollmit mir. Es war wohl doch nur ein Phantasiegebilde?"
„Was?"
„Ich — o Trixy, ich glaubte, Rudolf sei bei mirgewesen."
„So, nun das war er auch."
„Ihre Augen leuchteten, wieder zitterte eine Frageauf ihren Lippen.
„Weiter, es liegt Dir noch etwas auf dem Herzen,heraus damit!"
„Ich fürchte, Du lachst mich aus, und eS ist jawohl nur ein Traum, aber ich dachte, Rudolf und ichwären —"
„Nun was?"
„Verheirathet. Sag ihm aber nichts davon, aberder Wahn schien so deutlich, daß ich Dir's mittheilenwollte."
Sie wandte sich ab. Trixy küßte sie.
„Arme Dithy, Du liebst Rudolf, nicht wahr? Nein,eS ist kein Wahn, ihr wurdet vor vierzehn Tagen getraut.Meines Lebens Hoffnung realistrte sich, Du bist meineSchwester und Nudolf's Frau."
Mit leichtem Aufschrei verhüllte sie das Gesicht.
„Er ist im Hause", fuhr Trixy fort, „der Arzt aberwollte ihn nicht zu Dir hineinlassen, wenn Du wachtest,weil er die Aufregung fürchtete. Jetzt kannst Du daSWiedersehen aber wohl ertragen, nicht wahr?"
Ohne eine Antwort abzuwarten, eilte sie aus demZimmer.
„Deine Frau wünscht Dich zu sehen", sagte sie zuRudolf, „bleib' aber nicht zu lange und sprich nichtzu viel."
Er wirft hastig die Zeitung weg, springt auf undeilt die Treppe hinauf.
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MrS. Rudolf Stuart erholte sich schnell. Ihre