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bc>8 etwas Großes, daß sie auf nacktem Pferde so behendreiten können? Das kann jeder Türke, ja jeder Roß-bube auf ungarischen Steppen. Oder ist es etwas Großes,daß er mit seinem Stutzen so sicher hantieren kann? Dertürkische Bosniake hantiert noch viel sicherer mit seinemHandjar und der Koffer mit seinem Affagai, und fürHandjar und Affagai braucht'? größere Kraft als füreinen Hinterlader, und vielleicht auch mehr Muth, dennder mit dem Hinterlader versteckt sich, jener mit dem Hau-messer muß heraus aus dem Busch.
Nimmt man aber die Boers als Nation, was habensie denn Großes gethan in Süd-Afrika s Dasselbe, wasalle nomadischen Völker heutzutage im Orient thun. VieleViehherden lassen sie wachsen und liegen dazu hin.Und hätten sie doch dieses Vieh verbessert Wer in Süd-afrika hat denn je gehört von einer verbesserten Viehracein Transvaal . Zur Bodenkultur haben die Bueren bisjetzt gar nichts gethan in Transvaal . Wo man sie anandern Orten noch trifft, wachsen ihnen die Dornen zuden Fenstern hinein. Betreffs anderen Fortschrittes inIndustrie, Eisenbahnen, Handwerken, Maschinen u. s. w.find sie noch keinen Schritt weiter als die Chinesen, undderselbe Aberglaube hat sie bis in die letzten Jahre vordem Dampfrosse erschreckt. Wodurch die Boers alle anderenNationalitäten in Südafrika übertreffen, ist der Fanatis-mus. Sich halten sie für das auserwählte Gottesvolk,alle andern aber um sie herum für Madianiter, Ebioniterund Moabiter , die gelegentlich auszurotten sind. Ist dasetwas Rühmliches? Solchen, denen das an den Buerengefällt, wünschte ich blos, 14 Jahre unter diesen Heldenleben zu müssen, um dann auch holländische Boers zuwerden.
Zum Glück hat man nicht überall solche Ansichtenwie einige Boersenthusiasten in Berlin und Frankfurt .Im Gegentheil war der weitgrößte Theil der Ausländer,sowohl der amerikanischen wie australischen, bis an denHals herauf satt der Buerenwirthschaft und der Liebens-würdigkeit dieser „Helden", von den Engländern gar nicht-u reden.
Ich kann es gar nicht begreifen, wie solche Leute,die Johannesburg aufgebaut, die alle von Ländern derFreiheit herkommen (Nordamerika ), die nie ein anderesals ein konstitutionelles Volksleben gewohnt waren, soviele Jahre sich geduldet haben, ohne Rechte zu genießen.Dies kann man nur dadurch erklären, daß sie zu sehrmit sich und der Erbauung der Stadt von fast andert-halbhunderttausend Einwohnern in diesen 9 Jahren be-schäftigt waren, um an den socialen und bürgerlichenDruck zu denken, wie auch arme und unterdrückte Kinderan gar keinen Christbaum mehr denken. Endlich diesesJahr pflanzte man in Johannesburg dem Volke einen Christ-baum auf, und an diesem Christbaume hingen die goldenenund glänzenden Früchte: „Stimmfrriheit", „Sprachen-gleichheit," „Schulglcichheit". Schon vorher hatte sichunter den UitlanderS (jeder Farbe und Sprache) eineNational-Union gebildet, die ein Komitee aus sich wählteMit einem Ch. Leonhard an der Spitze. Von diesem Komiteeerschien gerade in den Weihnachtstagen ein Programm,in dem alle jene Rechte aufgezahlt waren, welche sie vonnun an gleichheitlich mit den ungebildeten Boers ver-langen, resp. genießen wollen. — Da wurde jeder, dernoch Nerven und Adern im Leibe hat, in ganz Süd-afrika elektristrt, ich glaube der Boer nicht weniger alsalle Eingewanderten auf der entferntesten Farm der Nhodesia
und englischen Kolonien, nur mit dem Unterschiebe, diemeisten entwickelten Positivs Elektrizität, die Bueren abernegative. Es war beabsichtigt, jeder sollte dieses Programmstudieren, und am 6. Jänner (hl. 3 Könige ist in Süd-afrika kein gebotener Feiertag) sollte es in Johannes-burg zu einem großen Meeting (Zusammenkunft) kommen.Da sollten diese Rechte besprochen werden, und dann wollteman den alten Fuchs Krüger, den Präsidenten dieserBuerenwirthschaft, um Gewährung der Gleichheit allerangehen. Bis hieher konnte jeder beistimmen, denn daSBitten ist ja keine Sünde.
Die Aufregung in Johannesburg wuchs von Stundezu Stunde. In einem Tage werden alle Vorräthe vonHeu, Hafer und Mais, sowie alle eingemachten Früchtezusammengekauft für eventuelle Belagerung der Stadt,in wenigen Tagen alle Goldgruben geschlossen, Kauf-mannsgewölbe verbarrikadirt, — kein Geschäft mehr.Arbeiter (Kaffern), Weiber und Kinder stürzen auf allendrei Eisenbahnlinien fort, hinaus über die Grenzen vonTransvaal . Schon bilden sich Kompagnien von Frei-willigen zur Vertheidigung von Eigenthum und Leben. Manfürchtet mit Recht, die Bueren werden die Stadt um-zingeln und das Meeting der UitlanderS verhindern. AlleTageszeitungen in Afrika erleben 2—3 Auflagen, alleswill Zeitung lesen, man belagert die Druckereien. So-gar in Evans ist der einzige Zeitungsleser elektristrt. Tausendein Natal und Cap-Colonie möchten als Freiwillige ihrenBrüdern in Johannesburg helfen — aber es ist ihnenverboten, laut früherer Verträge. Während man so liest,politisirt und kombinirt, kommt auf einmal die Kunde:„Schon Blut geflossen"! Einer ließ sich nicht aushalten,seinen Landsleuten zu helfen — vr. Jameson kam mit 900Bewaffneten, meistens berittenen Polizeisoldaten, von Nord-westen her (von Betschuanaland) und — überschritt dieGrenze. Das war gefehlt, es war Friedensbruch. InEilmärschen ging's gegen Johannesburg , zwei Tage hattenweder Mannschaft noch Pferde etwas genossen. Hungrig,hundsmüde und halbtodt kamen sie in Krügersdorf, dreiStunden vor Johannesburg , an; werden aber in fastdoppelter Ueberzahl von den Bueren überfallen. WieLöwen kämpfen Jameson und die Seinen. Aber unbe-dingt muß er sich an die Bueren ergeben. Niemanddurfte ihm während des Gefechtes zu Hilfe eilen, denn indiesem Momente hatte der englische Kommissär (Gouverneurvon Cnpstadt) mit dem Präsidenten Waffenstillstand er-wirkt. Jameson mit 460 seiner Leute wird als Kriegs-gefangener nach Pretoria , Residenz der Bueren-Negierung,abgeführt — und das projektirte Meeting (Volksver-sammlung) in Johannesburg wird aufgehoben — ver-boten! Denke man diesen Umschlag! So viel Tausendeschauen gierig, freudig entzückt auf den glänzenden Christ-baum, langen schon nach den goldenen Aepfeln — auf ein-mal ein Patsch, alle Lichter ausgelöscht, die Kleinen stehenin der Finsterniß! Was ist loS? Gar nichts ist loSvon dem vielversprechenden Christbaum.
vr. Jameson mit seinen 400 wird auf Vermittlungdes englischen Kommissärs Robinson nach England ab-geführt — „zur Bestrafung"; auf allen Stationen inSüdafrika wird er mit Jubel empfangen. In Johannes-burg werden alle bewaffneten UitlanderS entwaffnet, dieWiderspenstigen aus Stube oder Bett abgeholt und ein-gekastelt. Ganz Johannesburg steht da mit offenem Mundeund zurückgehaltenem Athem — die Bauern, die „Helden"von Südafrika triumphiren. Während der ganzen Affaire