Ausgabe 
(29.9.1896) 81
Seite
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liarden tanzenden Sonnenstrahlen, und ein Gefühl vonLicht und Wärme, wie sie es seit Jahrzehnten nicht ge-kannt, durchzuckte Leib und Seele des Weibes.

War's die Rückwirkung des Geständnisses, das siein dieser Nacht mehr noch vor sich selbst, als vorder traurigen Marinka abgelegt? War's der lachendeTag und das erhebende Gefühl, noch zu etwas in derWelt nütze zu sein, selbst elend und zermartert,andern Bedrängten noch hilfreich sein zu dürfen? Siewußte es nicht. Sie fühlte nur, daß an diesem Morgen,auf diesem stillen, einsamen Gange zum erstenmal seitlangen, langen Jahren wieder sanftere Gefühle ihr Herzdurchzogen, daß die wilde Empörung gegen ihren Gatteneiner Art milden Mitleids wich, und die herzbeklemmendeAngst um ihr dahingegebenes Kind sich in das schwacheHoffnungsfühlen wandelte, daß ihre Martha, all' ihrerfinsteren Sorge zum Trotz, am Ende doch nicht liebeleerdurch's Leben wandle.

Ganz im Gegensatz zu den meisten Frauen, denenTod oder Leben ihre Kinder geraubt haben auch zu denen,welchen Muttcrglück überhaupt versagt geblieben ist, undin deren aller Herzen oft eine völlige Empfindungslosigkeit,öfter noch Bitterkeit und Härte gegen Kinder einzuziehenpflegt, fühlte Mama Leibigs trauriges Gemüth warmund zärtlich für die kleine Welt, und dieses Fühlen kamihrer heutigen Mission zu gut. Wohin sie kam, wußtesie so beredt und eindringlich den Kleinen die Wunderdes Märchenzaubers zu schildern, die sich von den Bretternher ihnen erschließen sollten, so ganz das rechte Wort fürdas Auffassungs- und Anschauungsvermögen der Kinderzu treffen, daß die Jugend von Kümmeritz mit ahnungs-vollen Schauern die Wunder der zu schauenden Herrlich-keiten vernahm und nicht anders glaubte, als Frau Holleoder irgend eine andere ihrer geliebten Märchengestaltensei leibhaftig zu ihnen herabgestiegen, sie in ihr Reichzu entführen.

Der unfehlbare Charakterspteler hatte mit seinerBehauptung, daß Mama Leibig in Kümmeritz die weib-liche Rolle des Hamelner Rattenfängers spielen würde,wirklich einmal recht gehabt. Mit stetig sich füllenderBörse und naturgemäß ebenso stetig abnehmendem Einlaß-kartenvorrath schritt Mama Leibig von Haus zu Haus.So war es beinahe schon Mittag geworden, als sie dieeigentliche Stadt hinter sich hatte und in das Villen-viertel hinauspilgerte, in dem die wohlhabenden Fabri-kanten des Städtchens, fern vom Qualm ihrer rauchen-den Schornsteine, ihren Wohnsitz hatten.

Ohne besondere Wahl betrat die Zettelträgerin dieerste Villa linker Hand, die ziemlich weit von der Land-straße entfernt in einem verschneiten Garten lieblich ein-gebettet lag.

In dem geräumigen, wohldurchwärmten Vorflurspielten mehrere blondhaarige Knaben und MädchenHaschen, blieben aber wie festgezaubert vor Mama Leibtgstehen, als sie hörten, daß die Frau, die da plötzlich,wie mit den neufallenden Flocken hineingeweht, zwischenihnen stand, Karten zu Märchenvorstellungen anbot.

Eine Theatervorstellung und gar ein Märchen I O,da mußte MutterJa" sagen,Ja" um jeden Preis.Und die kleine lebhafte Schaar bat mit glänzenden Augenund rasch gerötheten Wangen, doch ein paar Minuten,zu warten, Mutter würde gewiß eine Menge, MengeKarten kaufen; sie selbst wollten sie bestürmen, und einkleiner Pfiffikus fügte mit großen Augen und wichtigen

Mienen hinzu:Sie können sich fest darauf verlassen,denn Vater ist nicht zu Hause, der arbeitet selbst heut',am Sonntag in der Fabrik, und wenn er nicht da ist,thut uns Mutter nochmal so leicht den Willen."

Und fort waren sie, in den ersten Stock hinauf.

Nach Minutenfrist erschienen sie wieder wie einBlüthenstrauß an einem Stiel erwachsen an derMutter hängend, einer Frau in der Kraft und Fülleder Jugend, blond und blauäugig wie ihre Kinder.

Ein unbändiger Schmerz erfaßte die Brust deskurz vorher noch fast frohgestimmten Weibes bei diesemholden Anblick. So heiß wallte das bitter brennendeWeh plötzlich in der Einsamen auf, daß sie, nach Athemringend, zu ersticken wähnte und die Knöpfe ihres ärm-lichen Mantels weit voneinander reißen mußte, nur umLuft zu schöpfen, die plötzlich versagende Sprache wiederzu gewinnen. Dann athmete sie erleichterter und zugleichbestürzt auf. Wie viele Mütter und Kinder hatte sie andiesem Morgen schon zärtlich beieinander gesehen? Wiekam ihr plötzlich bei diesen gerade, der heiß aufwallendeSchmerz, als umfasse sie gerade hier mit einem einzigen,furchtbar hellsehenden Blick alles, was sie verloren hatte?Wie durfte ein Glück sie erschüttern, wie durfte sie einesbeneiden, um daS sie sich selbst betrogen l Die herbe Er-kenntniß machte sie gefaßt; ruhiger trat sie der jungenFrau entgegen und brachte schlicht ihr Anliegen vor.

Der Herrin des Hauses, im Herabsteigen von denKleinen umkost und umplaudert, war die jähe, mühsamzurückgedrängte Erregung der Zettelträgerin bisher ent-gangen. Nun erst. als die leise wohllautende Stimmeder Frau ihr an's Ohr schlug, als sie in das gramdurch-furchte Antlitz sah, bemerkte sie, daß das arme Weib,das ihren Kindern ein Jubeln ohne Gleichen in's Hausgebracht hatte, leichenbleich und wie von Fieberfrost ge-schüttelt, zu Tode erschöpft, vor ihr stand.

Sie ergriff die kalte Hand und zog die Fremde,wie einen lieben Gast, gütig auf einen Stuhl nieder. ^

Sie sind krank, liebe Frau. Ruhen Sie aus underwärmen Sie sich dann wollen wir über die Märchen-vorstellung sprechen." Und scherzend, das gramvolle Ant-litz aufzuheitern, fügte sie hinzu:Hoffentlich reicht IhrKartenvorrat noch für meine begehrliche Schaar, die amliebsten Haus und Hof mit hineinschleppen möchte, indie lang ersehnte Wunderwelt."

Mama Leibig wollte erwidern, aber eine plötzliche,unüberwindliche Mattigkeit überfiel sie, und die Augenschließend, sank sie wie in tiefer Ohnmacht zurück. Siehörte nur noch die Stimme der lieblichen Frau, welcheleise sagte:Maxi, ein Glas Wein aber schnelll"Dann verließ sie das Bewußtsein.

Sie erwachte nicht in dem geräumigen Treppenflur,sondern auf einem bequemen Ruhebett in einem mittraulicher Behaglichkeit ausgestatteten Gemach. Ihrerster Blick fiel auf die junge blonde Frau, die mit angst-voll starr auf sie gerichteten Augen vor ihr stand. Ver-wirrt erhob sich die Zettelträgerin und blickte von derjungen, fast leblos dastehenden Frau auf sich selbst.

Man hatte ihr Hut und Mantel abgenommen unddas Oberkleid gesüftet. Mit einer raschen Bewegungschloß sie die Falten des Kleides wieder zusammen undtastete dabei instinktiv nach dem Kreuzchen mit dem Gottes-auge auf ihrer Brust. Die suchende Hand fuhr entsetztzurück. Das Kleinod war verschwunden. Laut aufstöhnte die Frau.