Es war der erste Ton, der zwischen diesen beidenSchmerzgebannten hörbar wurde.
Dann trat die junge Blonde nahe auf sie zu, legteeine kalte bebende Hand auf die der Alten und fragtestockend und kaum hörbar:
„Suchen Sie — ein Kreuz — das Kreuz — IhresKindes? Hier — nehmen Sie —" und sie ließ denSchmuck in die hastig ausgestreckte Rechte seiner Besitzerinzurückgleiten.
Ihres Kindes! Was war das? Was wußte dieseFremde von ihrer verlorenen Tochter? — Und doch —blitzschnell fuhr eS der Alten durch den Sinn — wennsie eine Spur von ihr hätte? Wie emporgeschnellt sprangsie auf, um in den Zügen der Anderen zu forschen.
(Schluß folgt.)
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Das Grab der allersel. Jungfrau Maria .
Von Dr. G. Müller.
(Mit einer Original-Abbildung.)
Seit den frühesten Jahrhunderten hören wir vonder Verehrung, in welcher das Grabder Mutter Jesu bei Gethsemani inJerusalem stand, und die Geschichteder heiligen Stätten Palästina's be-richtet uns, daß auch über der einst-igen Ruhestätte Mariens eine herr-liche Basilika sich erhob. Nach ur-alter Tradition der jerusalemitischenGemeinde ist die Gottesmutter aufSion gestorben, von den Aposteln imThal Josaphat, unweit vom GartenGethsemane, in einer Felsengruft —wohl der Begräbnißstätte ihrer Eltern— beigesetzt und nach wenigen Tagenbei lebendigem Leibe von ihrem gött-lichen Sohne in den Himmel auf-genommen worden. Die historischeKritik bestätigt die Thatsache , daßin den Tagen der Kaiserin EudoxiadteGrabkirche Mariens aus dem Schuttund der Vergessenheit bedrängter Zeitenwiedererstand, und daß man das Grableer und darinnen nur Tücher fand,in die der hl. Leib einst gehüllt ge-wesen war. Der Ort des Grabes und die thatsächliche stete Er-innerung an seine Echtheit ist bezeugt durch die Traditionder Jahrhunderte und die hohe Wahrscheinlichkeit der Um-stände. Wir geben hier eine Abbildung derGrabkirche, die für das von mir herausge-gebene „Illustrierte Centralblatt für christ-liche Alterthumskunde" eigens angefertigtworden ist. Die Kirche ist in eine obere und unteregetheilt, zu welch letzterer 4 Stufen hinabführen, als dereigentlichen Felskapelle mit dem Grabe Mariens. DasGebäude ist ein kleiner Ueberbau über der Grabeshöhle,welcher eigentlich nur ein Dach der Eingangstreppe zurunteren Grabkapelle bildet. Dieser Ueberbau in der Formeines plattgedeckten Hauses ragt ansehnlich über den ver-tieften Vorplatz, unbedeutend aber über den an die Ost-,Nord- und West-Seite des Gebäudes stoßenden Erdbodenhinauf. Das Innere der Kirche ist geschmückt mit einerMenge von Lampen und mit Altären der christlichen Be-kenntnisse. Die Grabkapelle ist viereckig und so klein, daß
sie nur für wenig Personen Raum hat. Das GrabMariens stellt einen ziemlich hohen Sarkophag vor, dessenDeckel schwarzgeäderter Marmor ist. Teppiche und Seidebekleiden Altar und Wände, das Aeußere zeigt wiederdie Spitzbogen-Architektur. Drei dünne Wand-Säulenzu beiden Seiten des Spitzbogen-Einganges tragen einverziertes Horizontal-Gesims, auf welchem die Spitzbogenaufsitzen, die der Anordnung der Wandsäulen conformso eingestuft sind, daß der weitere äußere die beidenkleineren inneren Bogen über dem Eingangsthor einschließt.Auch hier ist die Bedachung flach. In den Zeiten desKönigreiches Jerusalem befand sich hier eine Benediktiner-Abtei, welche Gottfried von Bouillon stiftete und reichdotirte. Das Kloster war südlich angebaut, so daß derjetzige viereckige Vorplatz den Klosterhof bildete.
Gegenüber der uralten jerusalemitischen Tradition,wonach Maria in Jerusalem starb und dort begrabenwurde, kann die viel jüngere, willkürliche Legende, daßdie Hochgebenedeite bei Ephesus starb, nicht aufkommen.Die neuesten Forschungen haben die volle Richtigkeit deralten Ueberlieferung und die Echtheitdes Grabes Mariä in Jerusalem unwiderleglich erwiesen.
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Zu unseren Bildern.
Redacteur und Besitzer der „MälzerZeitung" in Spever, vertritt seit demJahre 1887 den Wahlkreis Dillingen inder bayerischen Abgeordnetenkammer. Erist geboren am 28. August 1842 zu Ann-weiler in der Pfalz , studirte an denGymnasien in Mannheim und Speyer und besuchte das Polytechnikum in Karls-ruhe, München und Zürich und die Uni-versität München . Herr Dr. Jäger hateine Reihe von wichtigen socialpolitischenund volkswirtbschaftlichen Schriften ver-faßt und ist besonders dadurch bekanntgeworden, daß er zu Beginn der letztenLandtagspenode, unterstützt vomCentrum,eine Reihe von tiefeinschneidenden An-trägen zu Gunsten der Landwirthschaftstellte, welche zum Theil in der im heu-rigen Sommer zu Ende gegangenen Ses-sion des Landtags Gesetzeskraft erlangthaben.
KtaUtragSdie.
Eine ungewöhnliche Erregung herrscht heute in dem zurNachtzeit sonst so stillen Stalle. Kein Wunder! — ist es dochder List des durchtriebenen Meister Reinecke, der unserer fried-lichen Hühnerfamilie längst Tod und Verderben geschworen hat,endlich gelungen, derselben seinen „halsumdreherischen" Besuchabstatten zu können. In ängstlicher Eile sucht die Henne ihreKüchlein, die vor Schrecken in buntem Gewirr über einanderpurzeln, mit ihren breiten Flügeln zu decken, während der Hahnim Gefühle seiner Verantwortlichkeit als Haupt der Familiesich dem Eindringling gegenüber energisch zur Wehre setzen will.Doch da wird er wenig ausrichten: Meister Reinecke ist ein ge-riebener Raubmörder, er hat schon manchem tapferen Hahneden Hals umgedreht, worauf es ihm dann ein Leichtes ist, mitden übrigen — vollends aufzuräumen.
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Goldköruer.
Das schönste Glück des denkenden Menschen ist: das Er-forschliche erforscht zu haben, und das Unerforschliche ruhig zuverehren. Goethe.
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Dr. Eugen Jäger.
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