Ausgabe 
(6.10.1896) 83
Seite
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wollte noch heute die Wittwe aufsuchen und nach bestenKräften ihr helfen.

Lina würde kein Wort von ihr gesagt haben, wenndieses lächerliche Mißverständnis; nicht ihr Geheimniß ent-lockt hätte", dachte sie bei sich selbst.Sie ist zu eng-herzig und berechnend, will sich in meine Gunst ein-schmeicheln, um nach meinem Tode mein Vermögen sichoder ihren Kindern zu sichern. Ihre Habgier soll bestraftwerden. Ja, wein Entschluß steht fest, ich will nochheute die neue Verwandte aufsuchen."

Sie hatte Wort gehalten; schon im Laufe des Nach-mittags hielt eine elegante Equipage vor einem kleinenHause in der entlegenen Joscphstraße.

Wohnt Frau Wendtland hier?" fragte Frau vonSchalldorf, als eine ältliche, reinliche Frau, augenschein-lich die Hauswirthin, die Thüre öffnete.

Ja, bitte, treten Sie hier ein", entgegnete die An-geredete, und die Thür eines kleinen Wohnzimmers öff-nend, rief sie:Hier ist eine Dame, Frau Wendlland",dann zog sie sich zurück.

Frau von Schalldorf stand jetzt einer Dame inschlichter Trauerkleidung gegenüber. Vor dem Tische saßem rothwangiger, schwarzlockigec Knabe von circa achtJahren, ein Bild blühender Gesundheit und Lebensfrische.Er war emsig mit seinen Schularbeiten beschäftigt, dennBücher und Hefte lagen vor ihm auf dem Tische ausge-breitet. Die Augen der reichen Wittwe wurden feucht,als sie aufmerksam die Züge des Kleinen betrachtete, indenen sie getreu die ihres Bruders wiederfand.

Ich muß mich Ihnen selbst vorstellen", begann siedann, und ihre Stimme hatte die gewöhnliche Festigkeitverloren.Ich bin Ihre Schwägerin, Frau von Schall-dorf, und wenn ich recht vermuthe, sind Sie die Wittwemeines einzigen Bruders Herbert."

Die jüngere Dame verneigte sich, doch ihre Lippenblieben fest aufeinander gepreßt; kein freundliches Wortdes Willkommens begrüßte die arme, reiche Frau, diemit einem Herzen voll Liebe diese Schwelle betreten hatte.Schweigend deutete Frau Wendtland auf einen Sitz,und als die ältere Dame Platz genommen hatte, ließsie ihre Blicke im Zimmer umherschweifen und zuletzt aufdem Antlitz ihrer jungen Verwandten ruhen. Sie sahin ein seines, aristokratisches Antlitz, doch die dunkelnAugen blickten finster, fast feindselig auf sie herab.

Ich hörte erst heute von meiner Schwester vonIhrer Anwesenheit hier in der Stadt", unterbrach Frauvon Schalldorf die peinliche Stille.Ist das Her-bert's Sohn?" fuhr sie mit bebender Stimme fort, aufden hübschen Knaben deutend.

Ja! Willy, gib der Dame die Hand; sie ist dieSchwester Deines Vaters."

Der Knabe gehorchte augenblicklich.

Ich bin Deine Tante Mathilde, mein liebes Kind",verbesserte Frau Schalldorf, dann zog sie den Kleinenzu sich heran und küßte ihn.Du siehst Deinem Vatersehr ähnlich", und zu der Mutter gewandt fuhr sie fort:Um meines Bruders willen bitte ich um Ihre Freund-schaft und biete Ihnen meine Hilfe und meinen Bei-stand an."

Frau Wendtlimds Lippen preßten sich noch festeraufeinander, doch dann versetzte sie im gereizten Tone:Sie meinen es vielleicht gut, gnädige Frau, aber ichbedarf keiner Hilfe, weder für mich noch für Willy. Esst mir gelungen, eine hinreichende und lohnende Be-

schäfligung zur Bestreitung unseres Unterhaltes zu finden.Als ich vor längerer Zeit Frau Neumann aufsuchte, ge-schah es nur in der Absicht, die Verwandten meines sofrüh verlorenen Gatten kennen zu lernen aber nichtum eine Unterstützung oder um ein Almosen zu bitten I"

Frau von Schalldorf schlug verwirrt die Augen zuBoden, sie fühlte die Schuld ihrer herzlosen, kokettenSchwester Lina, die diese anmuthige, hoheitsvolle undstolze Frau so schnöde behandelt hatte.

Ich fürchte, meine Schwester Lina hat Ihnen großesUnrecht gethan", bemerkte sie daher verlegen.

Ich verließ ihr Haus in der festen Absicht, vonnun an die Verwandten meines Gatten vollständig zuignoriren, wie man bisher von meiner Existenz nicht diegeringste Notiz genommen hatte", lautete die Entgegnung.

Karolina ist herzlos und unberechenbar in ihrenLaunen", fuhr jetzt die reiche Dame entrüstet auf, dennes schmerzte sie zu tief, daß sie hier um Liebe bettelte,die ihr durch die Herzlosigkeit ihrer Schwester nicht ge-währt wurde. Dann fügte sie zu ihrer eigenen Ent-schuldigung hinzu:Wir konnten auch mit der Wahlunseres Bruders nicht einverstanden sein und seinenSchritt nicht eher billigen, als bis wir überzeugt waren,daß er selbstständig für die Erhaltung eines eigenen Haus-standes sorgen konnte."

Frau Wendtland's dunkle Augen flammten zornigauf.Ich weiß es", versetzte sie bitter,aber unseregegenseitige Liebe machte uns unsere bescheidene Häus-lichkeit zum Paradiese; ich hätte Armuth und Mangelan seiner Seite gern ertragen und wäre doch beneidens-werth glücklich gewesen."

Die reiche Frau fühlte einen Stich in ihrem Herzen.Diese einfache, arbeitsame Frau hatte wahres irdischesGlück reichlich genossen, während sie sich vergeblich dar-nach sehnte.

Können wir nicht Freunde werden?" flehte sienoch einmal,wenn Sie auch meinen Beistand ablehnen,gilt Ihnen denn auch meine Liebe nichts? Für dasherzlose, unfreundliche Benehmen meiner Schwester Linadürfen Sie mich doch nicht verantwortlich machen.Darf ich fragen, in welcher Weise sie Ihren Unterhalterringen geben Sie wieder, wie vor Ihrer Verhei-ratung, wissenschaftlichen Unterricht?"

Frau Wendtland lächelte.Nein", versetzte sie,eswar freilich anfänglich meine Absicht, aber ich merktebald, daß ich dabei nicht bestehen konnte. Ich habe hierin meinem Hause ein Atelier für Damen-Confektion ein-gerichtet, und jedes Kostüm, welches unter meiner Leitungangefertigt wird, ist ein Kunstwerk!"

Unmöglich!" rief Frau von Schalldorf sichtlich ent-setzt.Sie sind eineWendtland", wenn auch nur durchHeirath, und da ist es mir ein drückendes Gefühl, daßsie als Schneiderin ihr Brod erwerben."

Ich sehe nichts Entehrendes in dieser Beschäftig-ung", wandte die junge Verwandte lächelnd ein.VieleDamen aus guter Familie können in die Lage kommen,sich durch Fleiß ihr Brod zu verdienen; ich würde einGeschäft angefangen haben, allein es fehlte mir das er-forderliche Kapital. Jetzt halte ich mir ungefähr zehnbis zwölf Damen, die oben in meinem Atelier arbeiten,und ich führe die Oberaufsicht. Wir fertigen größten-theils Hochzeits- und Äesellschaftsroben an, und ich gebeIhnen die Versicherung, daß diese Arbeit eine sehr an-regende und lohnende ist."