Ausgabe 
(6.10.1896) 83
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633
 
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1896 .

Augsburger PostMung".

Dinstag, den 6. Oktober

Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg .

Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbefitzer vr. Max Huttler ).

Kin fehlendes Wort.

Original-Novelle von C. Borges.

(Fortsetzung.)

II.

Ungeachtet ihres großen Reichthums, der den Neidvieler Menschen erweckte, die weniger mit Glücksgüterngesegnet waren, führte die reiche Wittwe ein trostloses,liebeleeres Leben. Seit den frühesten Jahren einer glück-lichen Jugendzeit hatte sich plötzlich eine feste Eisrtndeum ihr Herz gelegt, die weder Zerstreuungen der Weltnoch der spätere Reichthum zu sprengen vermochten.

Als junges Mädchen von kaum achtzehn Jahrenhatte Mathilde Wendtland mit der ganzen Kraft ihresjugendlichen Herzens einen jungen Ingenieur, Erich Wald-hausen, geliebt. Anfänglich schien kein dunkles Wölkchendas Glück der Liebenden trüben zu wollen, und eineheitere, sonnenhelle Zukunft lag vor ihnen. Doch wieein Blitz aus heiterer Höhe war das Unglück plötzlichhereingebrochen. Von allzu großer Liebe beseelt, warendie Augen der jungen Dame geblendet, so daß sie dieVernachlässigung mit Eifersucht zu sehen glaubte, ohneden geringsten Grund für diese Vermuthung zu haben.In ihrer Liebe sah sie überall Gespenster, und in ihrerAufregung ließ sie sich zu heftigsten Worten hinreißen,die sie bitter bereute, sobald sie ihren Lippen entschlüpftwaren. Der junge Mann war von seiner Unschuld zufest überzeugt, um sich gegen einen unbegründeten Ver-dacht zu rechtfertigen; mit einem tieftraurtgen Blick schieder von ihr, und der kurze Liebestraum hatte ein jähesEnde erreicht.

Der junge Ingenieur verließ seine Heimath undwanderte nach Amerika aus, und nach ungefähr Jahres-frist verbreitete sich die Nachricht von seinem Tode. Werdieselbe ausgestreut und ob sie auf Wahrheit beruhte,wußte man nicht, aber Mathilde Wendtland trauerte umihn; ihr Lebensglück war dahin und ihr Herz gebrochen.

So waren Jahre vergangen. Da bot ihr der reich-begüterte Landedelmann von Schalldorf Herz und Handan. Sie gelobte sich, ihm eine treue Gattin zu sein;aber die Wunden ihres Herzens konnten weder die Zeitnoch der Gatte heilen; nur wurden sie nach und nachgemildert, ohne in ihrem Innern den Stachel der Bitter-keit zu verlieren.

Nur eine kurze Spanne Zeit schien die Sonne desGlückes daS bekümmerte Herz erwärmen zu wollen.

Selbst die Erinnerung an ihr kurzes Liebesglück ver-schwand durch das süße Lallen eines Kindermundes, undzwei kleine, weiche Händchen streichelten die Wangen derglücklichen Mutter, die in dem kleinen Liebling das rechteErdenglück fand. Aber schon nach kaum zwei Jahrenöffneten sich die Thore des Paradieses, um das kleineWesen aller irdischen Noth zu entrücken unv es der Schaarder Englein einzureihen.

Ein vorzügliches Oelgemälde in Lebensgröße waralles, was der armen Mutter von ihrem Liebling ge-blieben war. Es hing über ihrem Bette, und in langen,schlaflosen Nächten wandte sie keinen Blick von demselbenab, und wenn sie am Morgen nach kurzem, traumlosemSchlaf erwachte, der ihr keine Erquickung gebracht, sofiel ihr Auge wieder auf das kleine Mädchen, mit demsie das letzte Glück ihres Lebens begraben hatte.

Jetzt war sie eine einsame, alte Frau, umgebenzwar mit allem Luxus, den der Reichthum gewährenkann, aber dennoch unglücklich. Nur Mathilde Neumannund der junge Lieutenant von Römer schienen sie auf-richtig zu lieben, und diese Liebe wollte sie ihnen reich-lich lohnen. Was sie in ihrem Leben vermißt hatte,wollte sie in dem jungen Paare später wieder finden.Die vielen Enttäuschungen des Lebens hatten sie wederverbittert noch egoistisch gemacht, und sie glich durchausnicht ihrer herzlosen, koketten Schwester Lina Neumann.

Jetzt warf sie einen Blick auf die sie umgebendekostbare Ausstattung ihrer reizenden Villa. Da warenorientalische Seltenheiten und werthvolle Kunstschätze auf-gespeichert, dabei die verschiedenartigsten Ntppes im buntenMosaik zusammengewürfelt, wie sie die Neuzeit so ver-schwenderisch zusammenstellen kann.

Dann schweifte ihr Auge über die herrliche Um-gebung. Dort dehnte sich der Park mit seinen uraltenTannen und Fichten aus, vor demselben der spiegelklareTeich, in dem Gold- und Silberfische im Sonnenscheinspielten und stolze Schwäne majestätisch ihre großenRinge zogen. Sie hatte wirklich ein schönes Heim, abersie war allein, mit Ausnahme der täglichen, unwillkom-menen Gäste. Aber halte sie denn Niemand, mit demsie ihr häusliches Glück theilen konnte? Ihre Gedankenschweiften hinüber zu der unbekannten Fremden, Herbert'sWittwe, mit ihrem Kinde.

Sie hatte dem Bruder gezürnt, der gegen ihrenWillen eine Ehe geschlossen hatte, aber er war todt, undsie zürnte ihm nicht bis über das Grab hinaus. Sie