Ausgabe 
(13.10.1896) 85
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1896 .

Augsburger Postzrüung".

Viustag, den 13. Oktober

Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg .

Druck und Verlag des iliterarischen Instituts von Haas L Grabderr in Augsburg lVorbesttzer vr. Mar Huttler).

Kin fehlendes Wort.

Original-Novelle von C. Borges.

(Fortsetzung.)

Lieutenant von Römer schlenderte langsamen Schrittesdem Hause des Advokaten Neumann zu. Er hatte baldsein Ziel erreicht, als er Fräulein von Schalldorf be-merkte, die mit einem Hündcben an der Leine rasch vor-übereilte. Die junge Dame bestieg einen Omnibus undwar bald seinen Blicken entschwunden.

Selbst wenn ich die Erbin wäre und Niemandmein Recht bestreiten könnte, würde ich mich nicht über-reden lassen, die Hand des Lieutenants anzunehmen",dachte sie bei sich selbst, als das schwerfällige Gefährtlangsam über das Straßenpflaster rasselte,selbst wennmein Herz nicht Rudolf Wieser gehörte. Der Lieutenantist reich, jung und unterhaltend, aber es liegt etwas inseinem Wesen, was mir mißfällt, und ich könnte ihm nievertrauen."

Der Omnibus hielt in einer entlegenen Straße derVorstadt. Die junge Dame ging nur noch wenige Schritte,dann blieb sie vor einem kleinen Häuschen stehen. Einjunges, sehr reinliches Hausmädchen mit schneeweißerSchürze öffnete die Hausthür und führte sichtlich erfreutdie Dame in ein kleines, aber behaglich und sauber ge-haltenes Wohnzimmer. Eine ältliche Dame mit silber-weißen Haaren und edeln, aristokratischen Gestchtszügenlag auf einer Chaiselongue. Sie war fast gelähmt undkonnte sich nur mit Hilfe der Krücken, die zur Seitestanden, mühsam und mit Anstrengung fortbewegen.

Mein liebes Kind, das ist eine angenehme Uebcr-raschung", rief sie mit einem glücklichen Lächeln aus,wie wird sich Rudolf freuen, wenn er Dich hier findet!"

Mathilde von Schalldorf rückte ein niederes Tabouretherbei und ließ ihr Haupt in dem Schooß der altenDame ruhen, die leise ihre Hand auf die Schulter ihrerjugendlichen Freundin legte. Es lag eine tiefempfundeneHerzlichkeit in dieser leichten Berührung, und einen Augen-blick sahen sich die beiden Damen mit unendlicher Liebe an.

Mein Vater hält jetzt täglich Berathungen mitseinem Anwalt, und meine Mutter ist bei einer Freundin",berichtete das junge Mädchen,und da mußte ich dochdie gute Gelegenheit benutzen und hierher eilen, wo icham liebsten immer bleiben möchte."

Wir freuen uns auch immer, Dich hier zu sehen",versicherte die alte Dame,so, mach's Dir bequem, mein

Kind, dann erzähle ich Dir auch etwas Neues. Wirhaben endlich die beiden Zimmer vermiethet; das vorderegroße Wohnzimmer und das große Schlafzimmer, dasnach dem Garten geht; eine ältliche und gewiß allein-stehende Dame wohnt seit gestern bei uns."

Wie heißt sie?"

Fräulein Winter. Wir merken kaum, daß sie imHause ist; wir haben sie in Kost und Logis, aber sie istsehr anspruchslos und wir hätten es niemals besser treffenkönnen."

Wirklich?" Die junge Dame schielte besorgt nacheiner dünnen Tapetenthür, die das Zimmer von denRäumen der neuen Hausbewohnerin trennte und die da-her, ohne zu lauschen, jedes Wort hören mußte.Istsie jetzt in ihrem Zimmer?" fragte sie ängstlich.

Ja, sie geht fast gar nicht aus, höchstens nur spätam Abend."

Kann sie wohl hören, was wir sprechen?"

Wir wollen uns im Flüstertöne unterhalten. Eswäre für beide Theile besser, wenn die Zimmer getrenntoder durch eine feste Thür geschieden wären. Aber, meinKind, Du hast ja heute einen Hund mitgebracht! Wiekommst Du dazu? Du hast doch sonst keine Liebhabereifür Thiere."

Waldmann! komme hierher", rief Mathilde, alsder Hund anfing, an der dünnen Tapetenthür zu kratzenund zu scharren, und endlich knurrte und bellte.

Er gehörte meiner armen, unglücklichen Tante",fuhr sie fort.DaS arme Thier wäre beinahe in denFlammen umgekommen, und da weder meine Eltern nochNeumann's Hunde leiden können, sollte das arme Thiergetödtet werden. Aber meine arme Tante hatte ihn sehrlieb, und um ihretwillen habe ich mich seiner angenommen.Er folgt mir auf Schritt und Tritt. Aber Waldmann,was hast Du denn heute?" fuhr sie fort, als der Hundwieder von dem Schooße gesprungen war und bellend ander Tapetenthür scharrte,Du bist doch sonst nicht sounruhig."

Das hast Du gut gemacht, Kind, daran erkenneich Deinen edlen Charakter. Gerade da Deine TanteDir so wenig Liebe erwiesen hat, freut es mich doppelt,daß Du Dich eines hilflosen Wesens annahmst, dassie liebte."

Es war nicht ihre Schuld; es gibt ja so wenigLeute, die mich gern haben", erwiderte das junge Mädchenmit einem Anflug der Bitterkeit.Ich verstehe es zu