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wenig, wich einzuschmeicheln, und meine eigenen, Ver-wandten verstehen mich nun einmal nicht. Ehe ich Rudolfkennen lernte, hat Niemand Liebe oder Zärtlichkeit fürmich verschwendet, aber jetzt, da ich weiß, daß ich seineLiebe gewonnen habe, hat das Leben neuen Reiz fürmich bekommen."
Sie sah in diesem Augenblick so strahlend glücklichund zufrieden aus, daß das Urtheil des Lieutenants:„kalt, verschlossen und unzugänglich" gar nicht am Platzewar. Glück und Liebe hatten die schlummernden gutenEigenschaften im Herzen der jungen Dame geweckt. „Ichglaube", fuhr sie dann sinnend fort, „wenn meine Tantearm, anstatt so unermeßlich reich gewesen wäre, so wür-den wir beide sehr gut mit einander harmonirt haben.Ihr Geld bildete eine unüberwindliche Kluft zwischenuns. Ich wußte sehr gut, daß sie uns allen mißtrauteund sich in dem Wahn befand, wir trachteten nur nachihrem Erbe. Daher kam es vielleicht, daß ich kalt undzu wenig entgegenkommend gegen sie war, obgleich ich imGrunde des Herzens sie aufrichtig liebte."
„Mein Sohn Rudolf war über die Bestimmung desTestamentes sehr erregt", gestand die alte Dame. „Erfürchtet, daß, wenn der Prozeß zu Deinen Gunsten aus-fällt, Deine Eltern Dich zwingen würden, die Hand desLieutenants anzunehmen."
Die Lippen der jungen Dame preßten sich fest auf-einander. „Selbst nicht um meinen Eltern zu gehorchenoder ihre Wünsche zu erfüllen, könnte ich mich für'sLeben unglücklich machen", versetzte sie entschieden. „Nein,Rudolf's Furcht ist ganz unbegründet, denn ich werdeniemals die Erbin meiner Tante werden. Die geschick-testen Rechtsgelehrten der Welt können doch nicht er-gründen, welches Wort die Verstorbene zu schreiben ge-dachte; ich weiß aber ganz genau, daß sie meiner Cousineden Vorzug gab."
Ein leiser Schritt im Nebenzimmer erregte wiederdie Aufmerksamkeit des Hundes, der laut zu bellen an-fing ; zur selben Zeit ertönte der schrille Ton der Hausglocke.
„Jetzt kommt Rudolf", rief die Mutter, „verbirgDich einen Augenblick hinter der Thür, dann ist späterseine Ueberraschung doppelt groß."
Mathilde gehorchte. Den Hund auf den Armnehmend, verbarg sie sich hinter einer schweren Portiere,als gerade der junge Mann das Zimmer betrat.
„Hast Du heute Nachricht von Mathilde gehabt,Mutter?" fragte er, sich in einen Sessel niederlassend.„Ich bin heute so müde; die Knaben machten mir inder Klasse viel zu schaffen, es war ohnehin ein anstren-gender Tag für mich. Na, was soll das bedeuten?"rief er aufspringend, als der Hund hinter der Thür zubellen anfing.
„Es bedeutet, daß Mathilde hier ist", jubelte dasjunge Mädchen, schnell das Versteck verlassend.
Der junge Professor breitete feine Arme aus; seineMüdigkeit war verschwunden, sein Antlitz strahlte vorFreude. „Ich ahnte nicht, daß mir heute Abend nochdiese Freude bevorstand; wir haben uns in letzter Zeitso selten gesehen."
Rudolf Wieser war ein junger, bleicher Mann miternsten, seelenvollen Augen. Ein großer, dunkler Voll-bart umrahmte sein schmales Antlitz und ließ ihn ältererscheinen, als er in Wirklichkeit war. Als Professoram Gymnasium lag er treulich seinen vielfachen Pflichtenob, und als junger Gelehrter widmete er alle seine freie
Zeit wissenschaftlichen Studien. Vor ungefähr Jahres-frist hatte er die Tochter des Majors von Schalldorfkennen und lieben gelernt. Es widersprach seinem recht-lichen Charakter, diese Gefühle geheim zu halten, und ertrat vor den Major, um die Hand seiner Tochter zuerbitten.
Unbegreiflicher Weise war der Major über diesesGeständniß der Liebe höchst aufgebracht. Er beschuldigteden Professor, die Pflichten gegen seinen ältesten Sohnin früheren Jahren und jetzt gegen die jüngeren Söhnenicht erfüllt zu haben, und legte ihm die Schuld bei,daß der Direktor des Gymnasiums mit der Entlassungder wenig befähigten, aber zu jedem schlechten Streichund zu jeder Unthat bereiten Knaben gedroht hatte. Erentließ ihn mit der Versicherung, seine Bitte zu erfüllen,falls die Knaben in der Anstalt bleiben und sogar betder nächsten Versetzung in eine höhere Klasse aufgenom-men werden sollten.
Professor Wieser gab sich redliche Mühe, auf dieKnaben nach besten Kräften einzuwirken. Er gab ihnenPrivatunterricht, half bei den Aufgaben, suchte ihr Ehr-gefühl zu wecken — alles war vergebens; die Knabenbeharrten in ihrer Trägheit und sannen nur weiter auflose Streiche. Als nun wirklich die Entlassung erfolgte,verbot der alte Major in seinem Zorn dem Professor,die Schwelle seines Hauses zu überschreiten, und seinerTochter jede Zusammenkunft und jeden Briefwechsel mitdem Geliebten.
Mathilde gab jedoch nicht das verlangte Versprechen.Sie versicherte dem Vater, daß sie nach wie vor die armegelähmte Mutter des Professors besuchen werde, da diesesich in ihrer Hilflosigkeit an ihre kleinen Dienstleistungengewöhnt habe und sie es für Christenpflicht halte, die-selben weiter zu üben. Sie versprach aber, mit einerVerbindung mit dem Geliebten so lange zu warten, bisdie Eltern ihren Segen zu dem Bunde geben würden.
„Mein lieber, guter Rudolf", sagte sie jetzt, als derkleine Kreis gemüthlich um den runden Theetisch saß,„Du hast Dir heute ganz unnütze Sorge gemacht, dennich werde niemals die Erbin meiner Tante werden, undselbst wenn ich es würde, so machte das in meinen Ge-fühlen für Dich keinen Unterschied. Wenn ich nichtDeine Gattin werden darf, so sterbe ich lieber als alteJungfer."
Er küßte sie zärtlich und flüsterte ihr Liebeswortezu, die liebliches Roth auf ihre bleichen Wangen zauberten.Als das einfache Mahl beendet war, trat Mathilde denHeimweg an, begleitet von dem Professor.
„Hat Fräulein Winter ihr Abendbrod bekommen?"fragte Frau Wieser, als das Mädchen den Speisetischräumte.
„Nein; sie verlangte nicht darnach. Sie klagte überKopfschmerzen und hat sich früh zur Ruhe begeben."
(Fortsetzung folgt.)
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Zwei Tage aus dem Leben Pipin's des Kleinen.
1.
Es war um die Mitte des achten Jahrhunderts.Papst Zacharias, „der heilige Friedensfürst", saß aufdem Stuhle Petri mild und voll Güte, ein treuer Vater,ein guter Hirte.
Hoch ragte auf dem südlichsten Hügel Rom's der