Ausgabe 
(13.10.1896) 85
Seite
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Füßen der Schnee-Eifcl, allwo die Flüßchen Prüm undDettenbach zusammenfließen, erbaute sie eine Kirche undein Kloster und schenkte dazu ihr halbes Erbtheil. Sieließ das Kloster auf die Namen der heiligen Maria,der Apostelfürsten Petrus und Paulus und des heiligenMartinus weihen, dann gab sie es den Jüngern deSheiligen Benedictus zum Wohnsitze.

Fast dreißig Jahre lang erflehen nun fromme Mönchealldorten Tag und Nacht die Barmherzigkeit Gottes. Fastdreißig Jahre lang wirken die eifrigen Söhne des heiligenBenedictus rastlos, nimmermüde und segensreich im weitenrauhen Eifellande. Bertrada , wein trautes Eheweibich sagte schon, sie ist die Enkelin der Klosterstiftertnerbittet nun durch wich, ihren Gesandten, das Gnaden-geschenk, eine Reliquie des Heilandes, damit es dem Klosterund seiner Umgebung zur Freude und zum Heile gereiche."

Ernst neigte der Papst das Haupt.Euere Bittesei gewährt, mein Fürst. Ich verwahre in der Basilikades Laterans gar manche Reliquie des Heilandes. Ihrsollt eine kostbare in Empfang nehmen für Euere Kirche.Ich werde sie noch heute in Euere Hände legen. Doch,ehe ich Euch ersuche, mich an jene Stätte zu geleiten,wo die ehrwürdigen Schätze geborgen ruhen, lasset unshier noch einiges besprechen." Und rasch, mit forschendemBlicke fragte er:Wie befindet sich Euer König, derjunge Childerich?"

Körperlich ganz wohl", lautete die Entgegnung.

Körperlich?" wiederholte der Papst und schautesinnend vor sich nieder. Dann sah er mit festem Ent-schlüsse empor.Mein Fürst, ich weiß, daß die Großen,der Adel und das Volk der fränkischen Nation einstim-mig sich entschieden haben, Euch, einen kräftigen Herr-scher, statt des geistig kranken Schattenkönigs auf denThron zu erheben. Ich weiß, im Frankenreiche gilt nochdas alte Recht: die Versammlung der freien Männer,so einmal im Jahre auf dem Maifeld zusammenkommt,darf einen untauglichen König absetzen und einen neuenKönig wählen."

Heiliger Vater, eine solche Wahl werde ich nichtannehmen", entgegnete Pipin erregt,es sei denn, daßauch die Bischöfe sich für mich entscheiden. Diese abertragen gerechtfertigte Bedenken, der Merovingischen Königs-famtlie ihr altes Erbe zu entreißen."

Der Papst wiegte das Haupt.Die Absetzung desarmen Childerich ist keine unrechtmäßige, sondern einegebotene Handlung, wozu das fränkische Volk befugt, jasogar gezwungen ist. Für das Abendland ist es drin-gend erforderlich, daß ein kräftiger Herrscherstamm anStelle eines entarteten, ohnmächtigen Geschlechtes tritt."

Pipin's Auge flammte. Er richtete sich empor.Ich fühle den Beruf und die Kraft in mir, das Ge-schick des Frankenlandes, das Geschick ganzer Völker viel-leicht für Jahrhunderte lang zum Guten zu lenken,aber . . ."

Kein aber!" fiel Zacharias ein.Die entscheidendeStimme der Bischöfe werdet Ihr haben."

So werde ich den fränkischen Thron besteigen!"rief Pipin in hoher Freude. Er kniete nieder.Ichbitte um Euern Segen zu meiner hohen Aufgabe."

Den Segen ertheile ich Euch, dem baldigen Allein-beherrscher des Frankenreiches, mit Freuden. Ich habeden Wink Gottes erkannt und weiß, daß ich durch denpäpstlichen Segen nur dem, was die Vorsehung seitlangem im Stillen vorbereitet hat, gewissermaßen die

irdische Beglaubigung gebe. Eine Stimme sagte es mirmit Euerer Thronbesteigung ist entschieden, daß nicht derHalbmond über Europa herrschen, sondern daß ein großesDeutsches Reich erstehen wird, das Christenthum, geistigesLeben und Cultur bis zu den fernsten Grenzen Europa's tragen soll."

Der Statthalter Christi erhob sich. Seine geistvollenZüge belebten sich, sein dunkles Auge leuchtete. Er sprachden Segen über den Knieenden aus. Alsdann sagte er:Folget mir in das Heiligthum."

Zu der in allen Zeiten als besonders heilig er-achteten Stätte, zu der an den Palast sich anschließenden,von Kaiser Konstantin erbauten Kirche des allerheiligstenErlösers, schritt Papst Zacharias dem Frankenfürsten vor-an. DieGoldene Basilika" wurde diese Kirche vomVolke genannt, denn Kaiser Constantin hatte sie durchseine Weihegeschenke im Innern wahrhaft mit Gold über-kleidet. Seine Mutter, die heilige Helena , hatte vonihrer Pilgerreise viele kostbare Reliquien aus Jerusalem ,aus dem ganzen heiligen Lande nach Rom in die Kirchedes Laterans gebracht. Zahlreiche Reliquien der Apostelruhten hier.

Sehet, dieser goldstrahlende Altar, an dem ichtäglich das heilige Opfer feiere, umschließt den Holztisch,auf dem der heilige Petrus einst in den Katakomben dasheilige Meßopfer darbrachte. Der Baldachin, so denAltar überschattet, trägt die Häupter der Apostelfürsten",flüsterte der Papst.

Die Beiden sanken in Andacht nieder und betetenlange mit Inbrunst. Dann folgte Pipin dem Papste ineine Gruft. Zacharias schloß eine Lade auf und ent-nahm derselben ein kunstvoll gearbeitetes Kästchen. Darinlag auf weißer Seide ein Stück feines, weiches Ledervon gelbbrauner Farbe.

Sehet, einen Theil der Sandalen des Herrn, vondenen Johannes gesagt: Ich bin nicht würdig, die Riemenseiner Schuhe aufzulösen! Auf diesem Leder ruhte derFuß des Welterlösers, als er den letzten schweren Gangzum Calvarienberge that. Die Kaiserin Helena brachtedie Reliquie von Palästina hierher."

Tief ergriffen kniete Pipin vor dem unscheinbarenheiligen Kleinode nieder und berührte es ehrerbietig mitseinen Lippen.

O Herr, sei meiner Seele gnädig durch die Wundendeiner durchbohrten Füße", sprach er.

Dieses Heiligthum sollt Ihr für Euere in Prüm gegründete Kirche in Empfang nehmen", sagte Zacharias.

Mit Staunen und Rührung vernahm Pipin dieseWorte.Wäre es möglich, heiliger Vater? Mit solch'hohem Gnadengeschenk wollt Ihr mich, wollt Ihr dasKirchlein zu Prüm auszeichnen! O, habet Dank, heißenDank! Ihr sehet mich fassungslos vor Freude. Ichwerde eifrig auf die Verehrung der Reliquie bedacht seinund diesem Zeugniß von unseres Herrn Erdenwallen,diesem kostbaren Schatz eine würdige Umhüllung, einewürde Aufbewahrungsstätte in Prüm schaffen. Ja", riefer von plötzlicher Eingebung erfaßt,ich will dem Er-löser einen prächtigen Tempel bauen, der, wenn ich zumKönig erhoben bin, auch königlich ausgestattet werdensoll. Ich werde das kleine Kloster zu Prüm zu einerder mächtigsten und reichsten Abteien des Frankenreichesmachen. Das sei mein dem Herrn gezollter Dank fürdie Erhebung auf den Königsthron."

Der Herr wird Euch segnen für diesen hochherzigen