655
Gaste vorführt. Ein unheimliches Gefühl überkommt denFremdling, wenn ihn der ortskundige Führer zwischenden brodelnden, qualmenden Tümpeln hindurchfühlt, wenner die wüthende Gluth, welche tief unter ihm frißt, durchdie Lavaschichte hindurch fühlt, wenn ihm im buchstäb-lichen Sinne der Boden unter den Füßen brennt. Undwenn es dann urplötzlich aufwallt in einer der gährendenPfützen, und er nur durch schleunige Flucht sich vor demsiedenden Schlammguß retten kann, dann glaubt er wohl,daß höllischer Brand da unten tobt, und daß fürchter-liche Gewalten sich in der Tiefe bereit halten, in gräß-lichem Ausbruch alles zu vernichten und zu verderben.Neben diesen schauerlichen Wundern bietet aber diesesSeeland auch die Reize erhabener Ruhe und sanfter Milde.— Man hatte die vul-kanischen Kräfte, die Neu-seeland durchpulsen, schonim Ersterben geglaubt,man hatte angefangen,sich der dämonischenSchönheit dieses Wunder-landes ohne Furcht zufreuen, und namentlichder Roto-mahana (derwarme See) war es ge-wesen, dessen unvergleich-liche Reize Bewundereraus allen Weltgegendenherangezogen. KleineSprudel hatten hier imLaufe derZeitenWunder-werke geschaffen, wie siesonst nirgends auf Erdenbestanden. Unausgesetztsprang das dunkelgrünesiedende Wasser aus denKalksalze und Kieselsäureführenden Geysern') Un-aufhörlich floß es an densanft abfallenden Hügel-wänden nieder, undTröpfchen für Tröpfchen,
Stäbchen für Stäbchensetzte sich aus den Nieder-schlügen des Wassers ab,und daraus wuchsen herr-liche Sinterterrassen 2 )auf. Wie ein riesiges Bau-werk von Künstlerhand
SA
rosafarbene Sinterterrasse gewiß die schönste.Vom frischen Grün der Hügel umrahmt, mit einem zartenSchimmer vom duftigsten Hellrosa übergössen, machte diesesentzückende Bauwerk einen überwältigenden Eindruck. Undneben seiner einzigartigen Schönheit spendete dieser Baunoch alle Annehmlichkeiten eines wohleingerichteten Bades.Da waren kleine Wannen für Etnzelbäder und großeBecken für „Schwimmer", alle von der Mutter Natureigenhändig erbaut, gespeist und geheizt vom Siedgradbis zum lauen Bade. Der warme See selbst war einWunder für sich, seine Wasser waren nicht gleichmäßigwarm, sondern zeigten Temperaturunterschiede, die zwischen15 und 40° schwankten. Da kam der 10. Juni desJahres 1886. Drohende Zeichen: Erdstöße, unterirdisches
Grollen, rasende Stürmewaren vorangegangen;früh morgens um 2 Uhrerfolgte ein fürchterlicherAusbruch des Tarawera,eines Berges, der seitunvordenklichen Zeitenkeine Spur vulkanischenLebens gezeigt und längstfür erloschen gegoltenhatte. In wenigen Stun-den waren die Wunder-werke jahrtausendelangenSchaffens vernichtet, dieTerrassen verschwunden,und an Stelle des See'sdehnte sich eineschlammtgeFläche aus, bedeckt mitunzähligen Kratern,dampfenden Quellen undrauchenden Erdspalten.Wie auf dieser Flächedampft es noch an vielenStellen des Imlre-äistrivt unaufhörlichaus dem Boden. UnserBild führt uns an diebekannten heißen Quellenvon Ohinemutu. DiesesStädtchen liegt an denhügelumsäumten Uferndes Roto-rua (Lochsee).Still und schweigsambreiten sich die herrlichblauen Wasser des etwa
bis in die feinsten, zier- Da» Dachfensicrchen. Nachdem Gemälde von I. G. Meyer von Bremen . 9 Kilometer umfassen-
lichsten Einzelheiten sorg-fältig ausgearbeitet, hingen diese stufenförmig absteigen-den Becken am Hügelhang. Siedendheiß sprang obender Wasserstrahl aus dem Boden; von Becken zu Beckenniederfließend, kühlten sich die Wasser allmälig und er-gossen sich unten angelangt mit einer Wärme von etwa20° 0.°) in den Roto-mahana. Von den Terrassen, welchesich auf diese Art am Roto-mahana gebildet, war die
') Geyser — heiße Springquellen.
°) Sin erterrassen — Treppenstufen aus den Nicderschlägendes Wassers.
°) 20° 6. — Wärmegrade nach der von dem schwedischenAstronomen Anders Celsius (6) geschaffenen Eintheilung desThermometers (Wärmemessers) in 100 Theile oder Gradezwischen Gefrier- und Siedepunkt.
denSee's vor uns aus. Anseinem Gestade aber siedet und wallt es ohne Unterlaß,und dichte Dampfwolken erfüllen die Luft. Die Einge-borenen, Maoris/) haben dicht bei den kochenden Quellenihre Hütten aufgeschlagen; ein schönes, mit phantastischenSchnitzereien bedecktes Berathungshaus ist der einzigeSchmuck dieses Dorfes. Die Maoris sind wahre Künstlerin Schnitzarbeiten, und ihre Kunstwerke haben dem Ge-schmacke der fremdländischen Besucher so sehr entsprochen,daß die Eingeborenen sich veranlaßt sahen, die eigen-artigen Zieraten von Wänden und Dächern zu reißen,um dafür die klingende Münze, welche die Bewundererin überreicher Menge dafür boten, einzusacken. Dem Aus-