Ausgabe 
(16.10.1896) 86
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vor dem verhüllten Zeugen des Erdenwallens unseresHeilandes.

Und dann erheben sich alle und möchten rufen,jauchzen, jubeln:Heil Bertrada l" Denn Königin Ber-trada mit ihren Edelfrauen folgt dem Heiligthume un-mittelbar. Doch sie schweigen und beugen sich grüßend.Der Augenblick ist zu ernst, um laute Freude kundzu geben.

Mit Entzücken ruhen die Augen der Menge auf dermilden Frau.Wie schön sie ist, wie freundlich, wieholdselig!" Golden erglänzt ihr lang wallendes, blondesHaar unter dem köstlichen Stirnreif und dem zartenSchleiergewebe. Es umrahmt ein edelgeschnitteneS, nurleise geröthctes Antlitz mit seelenvollen blauen Augen.Ein weißseidenes Gewand, hell blitzend von funkelndemGestein, umfließt die schönen Formen der majestätischenFrau. Die Schultern der Königin umgibt ein von präch-tiger Spange gehaltener golddurchwirkter Pupurmantel.Mit Anmuth und Würde reitet sie ruhig und feierlich dahin.

Der Königin folgt ein wahrer Blüthenkranz vonjunger Ehrendamen. Das wogte heran in bunt schillern-den Farben: blau, gelb und weiß, in Seide und Gold,mit glitzernden Edelsteinen, goldenen Binden, goldgesticktenSchleiern, zobelverbrämten Purpurmünteln. Das rauschteund klang, das blitzte und glitzerte, daß man den Blicknicht ersättigen konnte.

Gewappnete Krieger in ernster, stattlicher Haltungbildeten den Schluß des Festzuges, der sich jeden Augen-blick vermehrte durch den Anschluß freudig zuströmenderEifelbewohner.

Die Glocken der Kirche läuteten. Vor dem Portaledes Gotteshauses stand im Fest-Ornate mit allen Ab-zeichen seiner hohen Würde der ehrenreiche Abt Assuerus.Er stammte aus edler Familie, dem Könige anverwandt.Mit Geistes- und Körper-Gaben reich ausgestattet, warer schön von Gestalt, beredt und bewandert im Lateinwie in der Muttersprache; vor allem galt sein Ruhmdem Beschützer der Armen, Witiwen und Waisen. Inder Mitte seines Conventes stand er da, um den Königzu empfangen. Rührung, Freude und Liebe spiegeltensich in seinen Zügen, als Pipin nahte.

Der aber stieg sogleich vom Rosse und beugte sichdemüthig vor dem Abte, um dessen Segen zu erbitten.Assuerus segnete den König feierlich, dann begrüßte erihn in lateinischer Rede, und der König sprach freudigbewegt seinen Dank aus.

Darauf traten alle wohlvorbereitet zur Andacht indas mit grünen Laubgewinden, lieblttzen Blumen, duf-tigen Tannen prächtig geschmückte Innere der Kirche. InSchaaren zogen sie ein. Doch kaum ein Drittel derHerbeigeströmten fand Platz darin. In weiter Rundeschlössen sich draußen die Pilgerschaaren an. Das er-hebende Schauspiel gemahnte an die Bergpredigt desHeilandes.

In der Kirche selber aber erstieg Weomad, derBischof von Trier , die Stufen zum Hochaltar. In athem-loser Stille sah das Volk, wie der Trierer Obcrhirte dieHülle von dem Heiligthum, von der Reliquie des Herrnsinken ließ. Nieder auf die Kniee zog es alle mit wun-derbarer Gewalt.

Das Pontificalamt begann. Wer hätte in diesemHochamte der Rührung sich erwehren können! WelchesGefühl durchbebte alle Herzen, während das Credo ge-sungen wurde!Lt luauruatus est!" So tönte wie

mit Engelsstimmen die Botschaft von der MenschwerdungGottes vom Chöre nieder Und im Staube lagen allevor dem Zeugen des Erdenwallens unseres Heilandes.Schauernd empfanden alle die Tiefe des Leidens, deSSterbens unseres Erlösers; sie empfanden es mit er-schütternder Wahrheit, wie nie zuvor. Die Reliquie derSandale predigte so eindringlich vom Erdenwallen unseresHerrn. Thränen flössen von aller Augen. In Bußgesin-nung und Zerknirschung wohnten alle dem heiligen Opferbei, als ob sie beim ersten Opfer auf dem Calvarien-berge zugegen gewesen wären.

Großer Gott, wir loben Dich, Herr, wir preisenDeine Stärke!" Also tönte vieltausendstimmig das Tedeumam Schlüsse der Feier. Es brauste mächtig durch dieKirche und hallte draußen von den hohen Eifelbergenwider.

Als der Lobgesang verklungen war, schritt KönigPipin und gingen alle geistlichen und weltlichen hohenWürdenträger, begleitet von einer großen Menge Volkes,zu der nicht fernen Stelle, allwo der König den Grund-stein zur neuen großen Kirche des Erlösers legte. DaSgeschah unter großen und erbaulichen Feierlichkeiten.

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Der königliche Stifter hat die Vollendung der Kirchenicht wehr erlebt. Sein berühmter Sohn, Karl der Große ,aber führte aus, was der Vater begonnen hatte. Jenerwohnte im Jahre 799 am Feste der heiligen Anna derEinweihung der Salvatorkirche in Prüm bei. Papst Leoder Dritte hat selber daS prächtige Gotteshaus eingeweihtim Beisein von vielen Cardinälen und 360 Bischöfen.Die Reliquie der Sandale wurde damals unter feierlichemUmzüge in die neue Kirche übertragen, alldort zur Ver-ehrung ausgestellt und sorgsam aufbewahrt.

An Stelle der von Pipin einst gegründeten Kirchesteht heute ein anderes großartiges Gotteshaus dem aller-heiligsten Erlöser geweiht da. Die Kirche, welche Pipingegründet, ist im Laufe der Jahrhunderte verfallen. Prüm aber hat seinen kostbaren Schatz, die Sandale des Herrn,durch alle Stürme der Zeiten, durch alle Jahrhundertegerettet und ihn bis auf den heutigen Tag glücklich be-wahrt. Am Sonntag den 11. Oktober 1896 begannwieder eine vierzehntägige Festfeter zur Verehrung deSHciligthums. Tausende strömen herbei, gleich wie vor1100 Jahren, vor dem sichtbaren Zeugen des Erden-lebens unseres Heilandes zu knieen und zu beten zu dem,der die Sandale einst geheiligt hat, als er ein Menschunter uns aus- und einging, wohlthuend, tröstend, be-lehrend und heilend, bis er endlich die Höhe des Cal-varienberges bestieg, um dort für uns zu'sterben.

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ALKsLLei.

8.-8.-0. Die kaiserliche JachtStandort",in welcher der Czar dieser Tage seine Reise nach Schott-land zurückgelegt hat, dürfte das kostbarste und prächtigsteingerichtete Fahrzeug dieser Art sein, welches existirt.Schon in seinen Dimensionen überragt es alle anderenNachten der übrigen gekrönten Häupter. DerStandart"hat eine Länge von 113 in, eine Breite von 15 na undgeht 6,10 va tief. Es sind dies Abmessungen, wiesie etwa ein Passagierdampfer von 4 5000 Brutio-Negistertons ausweist, nur daß beimStandart" die