Ausgabe 
(16.10.1896) 86
Seite
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Klösterlein erhob sich in Folge von Pipin's Freigebigkeitnun stolz ein mächtiges Abtcigebäude. Zu dem unge-wöhnlich feierlichen Gottesdienste in der Klosterkircheströmte fortwährend das Volk aus der Eifel zusammen.Während früher nur wenige Häuser sich um daS Klostergeschnart, so mehrten sich nun die Ansiedelungen zu-sehends. Ja, Handel und Verkehr begannen sich imstillen Eifelthale zu entfalten. Das war dort ein reges,frisch-fröhliches Wetteifern aller menschlichen Kräfte. UndGottes reicher Segen ruhte darauf.

Im Anfange des Herbstmonats aber, als man schrieb762, da regte es sich auf allen Höhen der Eifclgaue.Von allen Seiten strömten Völker herbei, in Schaarengeordnet, mit wehenden Fahnen. Alle stiegen hinab indaS gesegnete Thal der Prüm . Eine überraschendeFreudenbotschaft war ja in die Eifel gedrungen: DerKönig naht! Der König, der eben einen siegreichen Feld-zug nach Aquitanieu ausgeführt, naht im Triumphe!Ja, König Pipin kommt selber in Begleitung der KöniginBertrada, seiner Söhne Karl und Karlmann , vielerGroßen des Reiches und vieler Bischöfe, um in seinemgeliebten Prüm der Grundsteinlegung einer neuen, herr-lichen Kirche zu Ehren deS ErlöserS beizuwohnen. AuchDill er viele kostbare Reliquien, vor allem ein Stück derSandalen des Heilandes, mitbringen.

Der vornehme Bote, welcher die Nachricht verkündete,hatte zugleich eine von dem König, der Königin, ihrenbeiden Söhnen, zwölf Grafen und neun Bischöfen zuJrisgodroS unterzeichnete Stiftungs-Urkunde überbracht,wonach Pipin eine große Reihe reicher Schenkungen undPrivilegien dem Kloster zuertheilte und die Abtei fürreichsunmittelbar erklärte. Die Beweggründe zu dieserköniglichen Stiftung hatte er am Anfange der Urkundeangegeben.

Abt Assuerus zögerte nicht, den königlichen Brief denherbeigeströmten Gläubigen vorzulesen.

Die Urkunde begann mit den Worten:Weil diegöttliche Fürsehung Uns auf den Thron erhoben undgesalbt hat, geziemt es sich, waS Uns gegeben ist, imNamen Gottes zu verwenden, damit Wir um so mehrGottes Gnade und Wohlgefallen gewinnen mögen. DaWir der Worte des Evangeliums gedeuken:Wer denWillen «eines Vaters thut, der im Himmel ist, der wirdeingehen in das Himmelreich", und ferner, dadieKönige von Gott ihre Herrschaft haben", und da er Unsin seiner Barmherzigkeit Völker und Reiche zu regierenübertragen hat, so haben Wir darauf Bedacht zu nehmen,daß Wir auch nachahmungswürdige Führer in Werkenfeien und die Armen nach der Liebe Christi zu regierenund zu erziehen nicht verabsäumen. Gott hat dem Gesetz-geber Moses eine Stiftshütte auszuschmücken befohlen;auch des König Salomo Tempel ist im Namen Gotteserbaut und ausgeschmückt worden. Und so wünschen dennauch Wir, Gott dem Herrn mit seiner Hilfe nach Ver-mögen hinzugeben, weil, wie der Apostel sagt,wirnichts in diese Welt mitgebracht haben und unzweifel-haft auch nichts mit hinausnehmen werden", und das-jenige, was Wir mit opferwilligem Herzen von den ver-gänglichen Dingen dem Herrn geben, zum Heile UnsererSeele gereicht."

Es folgten nun die Privilegien der Abtei undschließlich die Aufzühluna aller d'ir dem Kloster geschenktenGüter.

DaS Volk hätte mit Freuden und Staunen zugehört.

Vor allem erfüllte die Eifelbewohner der eine Gedankemit Glück und Begeisterung: Der König kommt! Dersiegreiche König kommt selber hierher! Er bringt unsHeiligthümer, er legt den Grundstein zu einem neuen,herrlichen Gotteshaus in Prüm !

Der ersehnte Tag der KönigS-Ankunft ist gekommen.Welches Leben herrscht in dem sonst so stillen Eifelgebirge lAuf allen Höhen lodern Freudenfeuer empor. Von allenHöhen strömt noch daS Volk herab in Festkleidern, mitflatternden Fahnen in allen Farben. Die Glöcklein derKlosterkirche übertönen hell das Jubelrufen der Schaaren.

Jetzt ertönen Trompeteuklänge sie verkünden daSNahen des KönigS. Die feierliche Musik erhebt dieHerzen der Harrenden. Im Strahle der Morgensonneerglänzen die Rüstungen der voranreitenden Krieger.Wie das blitzt und schillert! Den Gewappneten folgtein Neitertrupp, so überaus prächtig und reich gekleidet,wie man es im Eifellande nie gesehen hat. Das sindadelige Herren, Große des Reiches.

Wer sind die so einfach gekleideten hochragendenJünglinge? Knabenhaft fast im Aeußern, und dochspricht eine Welt von Muth und Kühnheit aus ihrenZügen, just als ob sie schon Hrldenkraft bewiesen hätten."So fragt ein Eifelländer den fremden Kriegsmann anseiner Seite.

Das sind die Königssöhne Karl und Karlmann .Kein Wunder, daß sie so stattlich Hinreiten, haben siedoch i« Feldzuge gen Aquitanien Muth genug be-wiesen ...!" Also gibt der Gefragte stolz und freudigzur Antwort.

Seine Worte werden übertönt durch den brausendenJubel des Volkes:Heil, Heil dem Könige! Heil Pipin!Heil dem Sieger!"

Auf feurigem, kaum zu zügelndem Araber zeigt sichinmitten seiner stattlichen Leibgarde der König. Er, dersonst der Einfachste ist, trägt heute dem Tage zu Ehrenein golddurchwirktes Kleid, umgürtet mit goldenem Schwerte ,edelsteinbesetzte Schuhe, einen hermelinverbrämten Purpur-mantel, von goldener Spange gehalten, und um die könig-liche Stirne einen juwelenfunkelnden Goldreif. Seinemännlich schönen Züge zeigen herzgewinnendes Wohl-wollen. Er erwidert die Zurufe und das Jauchzen desVolkes mit freundlichem Blick und huldvollem Grüßen,so daß die Menge immer wieder auf's neue ihrHeilPipin!" mit aller Kraft erschallen läßt.

Doch jäh verstummt das laute, jubelnde Zurufen;ehrfurchtsvolle Stille tritt ein. Der nachfolgende Ritterauf weißem Rosse trägt hoch die Purpurfahne mit demBilde des Erlösers. Ihm nach reiten würdevoll in bischöf-licher Pracht neun Kirchenfesten: es sind die Bischöfevon Laon, Le Mans, Lattich, Noyon, Meaux, Würzburg ,Köln und Speyer . In ihrer Mitte reitet der gelehrteBischof Weomad von Trier . Vier Grafen auf schloh-weißen Rossen halten einen goldstrahleuden Thronhimmelüber sein Haupt. Bischof Weomad ist auserkoren, dasHeiligthum zu tragen, welches Pipin für die PrümerKirche bestimmt hat. Noch ist die Reliquie verhüllt inihrem kostbaren Behältniß. Bischof Weomad hält einenkunstvoll gestickten Prachtschuh hoch empvr. Die KöniginBertrada selber hat den Prachtschuh, die Umhüllung desheiligen Kleinods, verfertigt.

Alles Volk sinkt schweigend auf die Kniee, um denSegen der Bischöfe zu empfangen, sinkt auf die Kniee