Ausgabe 
(16.10.1896) 86
Seite
661
 
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Abend das Haus seiner Tante betreten hatte und er»kannt worden war, er hatte auch seine Schulden bezahltund verfügte immer noch über eine gefüllte Börse, ohnesich genügend über den Besitz des Geldes rechtfertigenzu können.

Endlich konnte der alte Vater den quälenden Arg-wohn nicht länger ertragen, er ließ den Sohn zusich kommen und herrschte ihn in strengem Tone an:

WaS hast Du im Hause Deiner Tante gemacht?So viel ich weiß, hatte sie Dir ein für alle Mal DeineBesuche verboten!"

Ich weiß es", gestand der Sohn, und Leicheu-blässe bedeckte sein sorgenvolles Antlitz,aber es gingmir zu schlecht, und ich befand mich in großer Geldver-legenheit. Da wollte ich noch einmal meine Tante umHilfe bitten. Ich wußte wohl, daß sie den Diener be-auftragt hatte, mich nicht einzulassen, darum verbarg ichmich im Schatten des Hauses, um eine günstige Gelegen-heit abzuwarten und ohne sein Wissen zu meiner Tantezu gelangen. DaS Glück schien mir günstig. Ich sahden Portier daS Haus verlassen, jedenfalls wollte ereinen Brief, den er in der Hand hielt, zur nahen Posttragen, und zu meinen Gunsten ließ er die Hausthüreoffen. Ungesehen betrat ich das Wohnzimmer der Tante,es war leer; ich klopfte an ihr Schlafzimmer, rief ihrenNamen, erhielt aber keine Antwort. Da fiel mein Blickauf ihren Schreibtisch; fünfhundert Mark in Geldscheinenlagen offen da. Sie hatte mir früher oft die doppelteSumme gegeben, und ich konnte der Versuchung nichtwiderstehen, das Geld zu nehmen. Daß eS Unrecht war,wußte ich, aber ich war fest entschlossen, noch am selbenAbend meiner Tante einen Brief zu schreiben, ihr meineThat zu bekennen und sie um Verzeihung zu bitten.Schnell verließ ich das Haus, und ehe ich eine Ahnungvon der furchtbaren Katastrophe hatte, war mein Brieffertig. Ich trage ihn seither in meiner Tasche, hier ister ein Beweis meiner Schuld. So, jetzt weißt Dualles, Vater!"

Du hast Dich eines Diebstahls schuldig gemacht,"stöhnte der alte Herr,und wenn daS bekannt wird,wer wird dann glauben, daß Du vor einem viel größerenVerbrechen zurückschreckst?"

Der junge Mann schauderte.Gott ist «etn Zeuge,daß ich weder an dem Brande noch an dem Tode meinerTante schuldig bin", versetzte er heiser.Ich schwöreDir, daß ich nur daS Geld genommen, aber kein bitteresGefühl gegen die Tante gehegt habe."

Du hast in letzter Zeit viel Geld ausgegeben, dashat zuerst Verdacht erregt", murmelte der Major. Erwar fest überzeugt, daß der junge Mann ihm die Wahr-heit gesagt hatte, schon der Brief in seiner Hand zeugtedafür, aber so lange die Ursache des Feuers nicht ent-deckt war, blieb der Verdacht auf ihm haften.

Auch im Hause des Professors Wieser wurde dietraurige Angelegenheit ernstlich besprochen. Mathildekonnte dort über den Verdacht, der auf dem Bruderlastete, ihren Thränen freien Lauf lasten, unbekümmertum Fräulein Winter, deren leise Schritte man oft imNebenzimmer hörte. Man war schon so sehr daran ge-wöhnt, daß die neue Hausbewohnerin jedes Wort verstand,und kümmerte sich daher wenig darum, ganz besonders,da die alte Dame fast nie das Haus verließ und mannoch nie gehört hatte, daß sie irgend einen Gebrauch vonden Gesprächen im Nebenzimmer machte. Da ertönte

plötzlich ver schrille Ton der Hausglocke, daß Mathildeerbleichte und erschreckt den Arm des Geliebten umklam-merte. Sie schwebte in beständiger Furcht nicht alleinum den Bruder, sondern sie fürchtete auch ihren Vater,der offen sein Mißfallen über die täglichen Besuche seinerTochter aussprach und schon oft gedroht hatte, sie selbstvon dort fortzuholcn.

Noch ein langer Augenblick, dann führte das Haus-mädchen einen ältlichen Herrn in das trauliche Gemach. Es war eine schöne, stattliche Erscheinung. DurchBart und Haupthaar zogen sich zwar einzelne Silberfäden,aber sein Gang war leicht und elastisch, und seine Be«wegnngen waren von einer Frische, um die ihn mancherJüngling hätte beneiden können.

Die leuchtenden dunklen Augen sahen sich schnellin dem kleinen Kreise um, dann ging er mit ausgebrei-teten Armen auf die gelähmte Dame zu und drückte einenKuß auf ihre Stirn.

Ja, Erich!" klang es jetzt laut von den Lippender überraschten Frau.

Erich Waldhausen, Dein alter, treuer Bruder, dendie Sehnsucht nach der Heimath endlich wieder aus fernenLanden trieb", versetzte er heiter.

Es waren glückliche Stunden, die jetzt folgten. Derheimgekehrt Bruder wußte so viel von seinem ruhelosenWanderleben zu erzählen, schilderte so anmuthig die Sittenund Erlebnisse im fremden Lande, daß die Zeit nur zuschnell verging. Mathilde vergaß ihre drückenden Sorgen,und Niemand dachte an das arme Fräulein Winter, daSleise weinend dicht an der Tapetenthür saß.

(Schluß folgt.)

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Zwei Tsge aus dem Leben Pipin's des Kleinen.

Von Slntonie Haupt.

(Schluß.)

2.

Pipin, der alle Vorzüge seiner Ahnen: Tapferkeit,Klugheit, Milde, Gerechtigkeit und Frömmigkeit, besaß,besten Haupt mit Ruhm gekrönt war, war im An-fange des Jahres 752 in der Stadt Soissons durch dieWähl des ganzen FrankenrcicheS unter dem ZujauchzendeS Volkes zum König erhöben und von den erstenBischöfen Galliens , vornehmlkch dem heiligen Bonifalius,gesalbt worden. Mit dem Könige war seine GemahlinBertrada gesalbt und nach alter Sitte auf Schild undThron gehoben worden.

Vorher hatte eine Frankenverfammlung durch Ge-sandte, worunter auch hohe geistliche Würdenträger sichbefanden, öffentlich beim Papste Zacharias in Norn an-fragen lassen: ob es besser wäre, daß derjenige Königheiße und fei, der alle Macht in Händen habe und demalle Reichsgeschäfte oblägen, als derjenige, welcher mitUnrecht König genannt werde. Und Zacharias hatte dieAntwort gegeben: Es scheint nützlicher, daß derjenigeKönig heiße und sei, der alle Sorgen deS HerrschcrthumSträgt, als jener, welcher unthätig bleibt und «it UnrechtKönig genannt wird.

Mit dieser günstigen Botschaft waren die Gesandtenheimgekehrt, und Piptn wurde König der Franken.

Seitdem war ein Jahrzehnt verflossen. StetesSprossen, Wachsen und Gedeihen herrschte am Ufer derlieblichen Prüm. Neben dem von Bertrada gegründeten