Ausgabe 
(16.10.1896) 86
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schändlich betrogen", schluchzte sie,Du ließest mich glauben,ein reicher, wohlhabender Mann zu sein."

Der junge Offizier stand auf und schritt unwilligdem Fenster zu.Ich glaube nicht, daß ich vor unsererHochzeit jemals eine Anspielung auf meinen Reichthumgemacht habe", versetzte er düster.Bin ich etwa zutadeln, wenn Du Dir eine falsche Vorstellung gemachthast? Ich dachte aber, Du hättest mich ein wenig ge-liebt. Hast Du denn nur an mein Vermögen gedacht?"

Du hast mich absichtlich betrogen", beharrte sie,mühsam ihre Thränen bekämpfend.Jetzt weiß ich aber,weßhalb Du die Hochzeit beschleunigt hast; Du hast be-fürchtet, Deine finanziellen Verhältnisse würden klar ge-legt werden."

Er trat dicht zu ihr und legte besänftigend seineHand auf ihre Schulter.Sei vernünftig, Mathilde",bat er leise,eS ist jetzt zu spät, mir Vorwürfe zu machen.Wenn wir uns nur gegenseitig lieben, so kann nichtsunser« Glücke fehlen."

Sie trocknete schnell ihre Thränen und blickte zornigden jungen Ehegatten an.Lieben?" höhnte sie.Kön-nen denn Leute allein von der Liebe leben? Kann dennLiebe unsere Hotelrechnungen, unsere Reisen und unsernHaushalt bezahlen? Wie sollen wir unsere gesellschaftlicheStellung aufrecht erhalten. Ich hätte Dich doch für klügergehalten, Benno, als mit dieser verbrauchten Phrase vonLiebe mich hinhalten zu wollen."

Aber Liebe vereint mit Reichthum kann unS dieWelt zu einem Paradiese verwandeln", sagte er mit ru-higem Ernst.Wahrlich, Mathilde, Du wirst mir dochnicht einige Brocken von dem Ueberfluß Deines Reich-thums wehren, wenigstens so lange, bis mein Gehalt steigt?"

In den Augen der jungen Frau blitzte eS freudigauf; plötzlich kam ihr der Gedanke, daß sie durch ihreeigene finanzielle Lage ihrem Gatten nicht allein mitgleicher Münze, sondern mit Zinsen heimzahlen konnte.

Du sprichst von meinem Reichthum? Hast DuDich durch meinen Reichthum bestimmen lassen, mir Herzund Hand anzubieten?" fragte sie langsam.Da hastDu Dich doch arg verrechnet, Benno. SechstausendMark war doch wahrlich eine geringe Summe, um dieHochzeitsfeierlicbkeiten und unsern jetzigen Aufenthalt zubestreiten."

Was?" rief der Gatte entrüstet,Du sprichst dochnicht von Deinem Vermögen?"

Ganz gewiß", entgegnete sie gelassen.MeinOnkel vermachte mir sechstausend Mark, nicht mehr unduicht weniger. Diese Summe «achte meinen unerschöpf-lichen Reichthum aus, auf den Du so zuversichtlich ge-rechnet hast, und jetzt ist die Summe dahin."

Ich ließ Dich in Ungewißheit über meine Ver-mögensoerhältnisse, und das war ein Unrecht, aber DeineSchuld ist noch viel größer", versetzte er unwillig.Guter Gott! Wenn ich bedenke, welch' ein GeredeDeine Familie von dieser jämmerlichen Kleinigkeit machte,da konnte ich doch nicht anders glauben, als Du habestmindestens eine halbe Million geerbt! Sechstausend Mark,e§ ist ja rein lächerlich!"

«Ich dachte. Du hättest mich ein wenig geliebt, hastDu denn nur an mein Vermögen gedacht?"

Er preßte fest die Lippen aufeinander, als sie ihmfeine eigenen Worte zurückgab, doch seine natürliche Gut-viüthigkeit gewann bald die Oberhand.

ES scheint, wir haben uns Beide über unsere Ver-

hältnisse iw Irrthum befunden", lenkte er deshalb be-gütigend ein,und wir müssen die Folgen so gut wiemöglich tragen. Wir dürfen uns gegenseitig keine Vor-würfe machen; diese würden nur unsere Lage verschlim-mern. Das Beste ist, wir reisen so schnell wie möglichab, sonst sind wir nicht «ehr im Stande unsere Rück-reise zu bezahlen."

Was werden unsere Bekannten zu dieser Entdeck-ung sagen", schluchzte die junge Frau.Ich erzählteüberall, wir würden uns eine prächtige Villa kaufen undein großes Haus wachen! Ich wollte lieber todt sein!"

Benno sah, daß er seine Gattin nicht trösten konnte,deshalb nahm er seinen Hut und verließ daS Hotel.Am folgenden Tage traten sie wieder die Reise in dieHeimath an; die schönen Flitterwochen hatten ein schnelles,trauriges Ende genommen.

Mit Thränen in den Augen erzählte Mathilde ihrenEltern von den zerrütteten Vermögensverhältntssen deSGatten. Tante Linas Zorn kannte keine Grenzen, siehoffte nur, daß der alte Herr von Römer noch guteFreunde finden würde, die in der augenblicklichen Notheine rettende Hand bieten würden.

Sage unsern Verwandten nichts davon; die Majorinund Mathilde dürfen nie erfahren, wie schlecht es mirergangen ist", flehte die Tochter, als sie das Eltern-haus verließ.

Aber die Frau des Majors von Schalldorf war zusehr mit ihren eigenen Angelegenheiten beschäftigt, umsich um andere zu kümmern.

An jenem verhängntßvollen Abend, als das Feuerin der Villa ausgebrochen war, hatten drei Personen,deren eine ein Polizist, gegen nenn Uhr Abends einenMann das Haus verlassen sehen. Nack> diesem Mannewurden eifrig Nachforschungen gehalten, und plötzlich ver-breitete sich die Nachricht, Ernst von Schalldorf sei er-kannt, er habe sich an jenem Abend im Hause der Tanteaufgehalten.

Wer daS Gerücht ausgebreitet hatte, wußte mannicht, aber dir Spatzen zwitscherten bereits das Geheim-niß auf den Dächern, und der junge Mann konnte uicht«ehr das Haus seines Vaters verlassen, ohne von miß-trauischen Blicken verfolgt zu werden.

War er der Mörder seiner Tante, und hatte er nachdem Verbrechen das HauS in Brand gesteckt, um dieSpur zu verwischen?

Dieser furchtbare Argwohn hing wie eine gewitter-schwüle Wolke über dem Haupte des Jünglings undlastete centnerschwer über seinem ganzen Hause. Ange-sichts dieser neuen, schweren Sorge vergaß der Majorseine verhältnißwäßig geringeren und bemerkte es kaumnoch, daß seine älteste Tochter die täglichen Besuche imHause ihrer mütterlichen Freundin, Frau Wteser, fortsetzte.

Bei jedem Ton der Hausglocke gericth der alte Herrin fieberhafte Aufregung; er fürchtete das Eintreten derPolizeibeamten, die den Sohn verhaften und für immerseinen Namen mit Schande bedecken würden.

Ernst selbst ging mit verstörtem Antlitz und nieder-geschlagenen Augen einher; er wagte kaum seinem Vaterzu begegnen, noch weniger das HauS zu verlassen, das,wie er wohl wußte, von Geheimpolizisten scharf bewachtwurde. Leider trafen auch viele Umstände zusammen,die zu Ungunsten des jungen Mannes sprachen und denVerdacht gegen ihn bestärkten.

Nicht allein, daß er an jenem vcrhängnißvollen