Ausgabe 
(16.10.1896) 86
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659
 
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starben und vermachte ihr ein Legat von sechstausendMark. Zwar nur ein Tropfen im Vergleich zu der Erb-schaft der Tante, die sie mit Bestimmtheit erhoffte, aberdie Eltern, ganz besonders die Mutter, ließen es nichtan Hindeutungen fehlen, daß in kurzer Zeit der Prozeßzu Gunsten der Lieblingsnichte ausfallen müsse.

DaS Gerücht der Erbschaft verbreitete sich mit Windes-eile; die tausendzüngige Fama fügte nur eine Null undspäter noch eine andere hinzu. Tante Lina lächelte ge-heimnißvoll, aber sie widersprach nicht. Die junge Erbinwurde von allen Seiten umringt, man wünschte ihr Glück,heimlich aber lächelte man mitleidig, denn die Größeder angegebenen Erbschaft wurde von vielen in Fragegezogen.

Auch Lieutenant von Nömer hörte von diesem plötz-lichen Glückswechsel, und er überlegte. Mit sechshundertTausend Mark wurde Mathilde Neumann immerhin einebegehrenswerthe Partie, selbst wenn die verlockende Millionder Tante nicht in dem Hintergrund gestanden hätte.Er bedurfte des Geldes und wollte nicht zögern, bis eszu spät war und ein Anderer den Goldfisch wegge-angelt hatte.

Tante Lina merkte seine Absicht und spielte ihmvortrefflich in die Hände. Sie ließ es nicht an kleinenWinken fehlen, daß diese Erbschaft nur der Anfang sei,größere würden schon folgen. Sie arrangirte eine kleineFestlichkeit, freilich nur entrs nous, da ja die Trauer-zeit um die gute Tante noch nicht abgelaufen war unddiegefühlvolle" Tante Lina sich zu einer größeren Fest-lichkeit nicht entschließen konnte. Doch der Lieutenantwurde hingezogen. Er durfte zwar nicht ahnen, daßgern eine große Festlichkeit veranstaltet worden wäre,wenn nur die Mittel gereicht Hütten, auch konnte in einemkleineren Kreise der Zweck besser erfüllt werden. TanteLina hatte sich nicht geirrt. In einer Fensternische ent-deckte sie die beiden Liebenden und erlauschte noch einigeleise geflüsterte Liebesworte, die ihr stolzes Herz mittriumphierender Freude erfüllten.

Mathilde hatte unmuthig ihre Augenlider gesenkt,ihr Köpfchen ruhte leicht gegen die starke Schulter desjungen Lieutenants, und die rosigen Lippen flüsterten:

Liebst Du mich denn auch wirklich?"

Er küßte ihr die Worte von den Lippen.Dubist das beste Mädchen der Welt, und ich weiß, daß wirzusammen recht glücklich leben werden", entgegnete ermit nie gekannter Freude.

Was wird Dein Vater sagen? Wird er einwilligenund unserem Bunde seinen Segen geben?"

Er sehnt sich nach dem Augenblick, sein Töchter-chen in seine Arme zu schließen. Wir müssen bald Hoch-zeit feiern, meine Kleine; eine lange Verlobungszeittaugt nichts."

Schon so bald? Wie ungeduldig Du bist", ver-setzte sie mit lieblichem Erröthen,aber ganz wie Duwillst, soll es geschehen."

Je kürzer die Verlobungszeit, desto geringer istdie Gefahr der Entdeckung der ganz geringen Erbschaft",dachte die lauschende Mutter in ihrem Versteck und nicktebefriedigt.

In aller Eile wurden die erforderlichen Vorkehr-ungen zur Hochzeit getroffen, die trotz der Trauerzeitmit großartigem Pomp gefeiert werden sollte. Die alt-adelige Familie von Nömer stand ja in dem Ruf einesfabelhaften Reichthums, was lag also daran, daß der

Lieutenant hinsichtlich der Mitgift seiner Braut getäuschtwurde?

Schon nach wenigen Wochen ward die feierlicheHandlung vollzogen und Mathllde Neumann mit Lieu-tenant von Römer zum treuen Bunde fürs Leben vereint.

O Mathilde", flüsterte die Mutter ihrem 4indezu, als das junge Paar den Wagen bestieg, um dieHochzeitsreise anzutreten,ich hoffe, er wird Dir einguter Gatte sein, wenn er erfährt, daß Du so gut wiearm bist."

Er wird's nie erfahren; er ist ja selbst reich genug",erwiderte mit glücklichem Lächeln auf den Lippen die herz-lose junge Frau.

V.

Wochen waren vergangen. In einem der größtenHotels in PariS saß Lieutenant von Römer mit seinerjungen Gattin am Frühstücksttsch. Frau Neumann hattenicht unterlassen, ihrem Kinde den Nest deS ererbtenVermögens von kaum dreitausend Mark nachzusenden,da die andere Hälfte für die Hochzeitsfeierlichkeit hinge-geben war.

Der Lieutenant pflegte noble Passionen, und imGetriebe der Weltstadt mit Theater, Konzerten und rau-schenden Vergnügungen war daS Geld nur allzu schnellverflogen. Auch hatte die junge Frau in den großartigenMagazinen so vielerlei unnütze Kleinigkeiten gesehen, die aberalle sehr viel Geld kosteten und, wie sie meinte, für denneuen Hausstand ganz unentbehrlich waren, daß sie stetsmit leerer Börse in ihr Hotel zurückkehrte.

Benno, willst Du mir etwas Geld geben?" sagtesie deshalb leichthin, als sie ihm am Speisettsch gegen-über saß.

Er wischte sich verlegen mit der Serviette den Schnurr-bart, strich mit der Hand über das Antlitz, um den ge-langweilten Zug daraus zu verbannen, und versetztestockend:

Ja die Sache ist ich habe augenblicklichselbst kein Geld. Wir führen hier ein theureS, ver-schwenderisches Leben und berechnen gar nicht die täg-lichen Ausgaben. Ich wollte Dich schon um Geld bitten,muß aber jetzt schon warten, bis wir wieder in unsererHcimath sind."

Die junge Frau öffnete weit ihre Augen und sahihn ungläubig an.Du willst wich um Geld bitten?"wiederholte sie kopfschüttelnd.DaS kann Dein Ernstnicht sein, Benno, da Du doch fabelhaft reich bist."

Der junge Gatte wechselte schnell die Farbe.DieAnsichten über Reichthum gehen sehr weit auseinander",entgegnete er, nervös mit seiner Serviette spielend,aberdie Wahrheit muß doch gesagt werden. Schon seit Jahrenhaben unglückliche Spekulationen unseren Reichthum unter-graben, und wie die Sachen jetzt stehen, werden wir vor-läufig von Deinem, nicht von meinem Gelde leben müssen."

Was bedeuten Deine Worte? Willst Du mirsagen, daß Du arm bist?" fragte die junge Frau er-bleichend.

So ist es. Ich kann nur hoffen, daß sich das Glücks-rad bald wendet und es besser mit meiner Lage wird."

Aber Deine Güter?" wandte die junge Gattin ein.

Du meinst die Güter meines Vaters? Ihmgehört kein Fußbreit Land, kein Ziegel auf dem Dache,so sehr ist er verschuldet."

Mathilde brach in Thränen aus.Du hast mich