Ausgabe 
(16.10.1896) 86
Seite
658
 
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Niederlage erlitten zu haben, trat die Majorin ihrenHeimweg an.

Wenn sie wirklich das Erbe erhält, werden dochManche Leute Dich für einen Glücksritter halten, Rudolf",sagte Frau Wteser, als sie später ihrem Sohne das Er-lebniß des Tages mittheilte.

Sie wird keinen Pfennig erhalten, da das fehlendeWort nie ersetzt werden kann", behauptete der Sohn,aber horch» sind das nicht Fräulein Winter's leiseSchritte dicht an der Thür", fuhr er tm Flüsterton fort.

Ja, lass' uns leise sprechen, eS ist ein höchst un-bequemes Gefühl, immer belauscht zu werden. Nun,rathe aber, welche Ueberraschung ich heute hatte! Ueberden Besuch der Majorin hätte ich fast heute diese Neuig-keit vergessen."

Ich bin nicht geschickt im Näthselrathen. Esscheint ja heute ein ereignißvoller Tag zu sein."

Eine große, große Kiste ist angekommen!"

Eine Kiste? Wer hat sie gesandt?"

DaS weiß ich nicht. Sie wurde hier abgegeben;ver Name und die Adresse standen ganz deutlich daraufgeschrieben. Sie enthielt gegen dreißig Flaschen alten,schweren Wein, einen Schinken, Würste, einige fette, ge-schlachtete Hühner, Weintrauben, Südfrüchte, einen großenKuchen und noch verschiedene andere Sachen.

Wir haben aber gar keine Freunde oder Bekanntein der Stadt, die uns derartige Sachen schicken könnten",warf der Sohn ein.Diese Kiste war zweifellos füreinen Empfänger bestimmt, dessen Name mit dem unsrigengleichlautend ist."

Wir haben gewiß einen unbekannten Wohlthäter",entgegncte lächelnd die Mutter.Ich werde wenigstenswagen, die herrlichen Sachen zu verspeisen. Die Hühnersollen morgen gebraten werden, und dann will ich Fräu-lein Winter bitten, hier bei uns zu speisen. Die armeDame sitzt ohnehin immer allein in ihrem Zimmer, dennaußer Frau Wendtland und den kleinen Willy erhältsie nie Besuche."

Ja, lade sie ein, Mutter. Aber wir werden in einefatale Lage kommen, wenn sich der Eigenthümer der Kistemeldet und die Herrlichkeiten fast verzehrt sind."

Die Adresse war ganz richtig", betheuerte die Mutter,aber ich möchte doch wissen, wem wir zu Dank ver-pflichtet sind. Es machte mir eine große Freude zuzu-sehen, wie das Mädchen auspackte. Hoffentlich kommtFräulein Winter morgen zu uns; ich bedaure wirklich,daß sie vorzieht, ihre Mahlzeiten allein in ihrem Zimmereinzunehmen."

Fräulein Winter nahm die Einladung gern an underschien zum ersten Male am folgenden Tage im Wohn-zimmer der gelähmten Dame. Eine schöne Photographiein einem Stehrahmen auf einem kleinen Seitentischchenerregte sofort ihre Aufmerksamkeit. Sie trat hinzu undbetrachtete das Bild aufmerksam.

Darf ich nach dem Namen des Originals fragen?"begann sie mit seltsam bebender Stimme.

DaS Bild stellt meinen Bruder Erich Waldhausenvor", versetzte Frau Wieser in ihrer gewohnten, liebens-würdigen Weise.Er ist Ingenieur, führt aber schonseit einer langen Reihe von Jahren ein ruheloses Wan-derleben. Wir haben längst die Hoffnung aufgegeben,daß er nach Deutschland zurückkehrt, denn wir haben seitJahren vergebens darum gebeten, aber er scheint gar

keine Lust daran zu haben. Vor wenigen Wochen be-kamen wir nach langer Zeit wieder einen Brief von ihm."

Erich Waldhausen Ihr Bruder?" kam es vonden zuckenden Lippen der Dame, die noch immer keinenBlick von dem Bilde abwandte.Lebt er noch?"

Frau Wieser blickte sichtlich überrascht die fremdeDame an.O, gewiß lebt er noch! Warum sollte erauch nicht, er ist doch immer noch ein rüstiger Manninmitten der Fünfziger. Wir wünschen so sehr, ihnwiederzusehen, aber, wie schon gesagt, er denkt gar nichtdaran."

Zieht er das Leben im Auslande vor?" fragteFräulein Winter gespannt.

Hm ja der arme Mensch hat in seinerJugend eine herbe Erfahrung gemacht, die sein ganzesLeben verbitterte", erklärte Frau Wieser.Der Grundseines ruhelosen Wander- und Junggesellenlebcns liegtin bitteren Enttäuschungen, die Wunden seinem Herzengeschlagen, die aber noch keine sanfte Hand zu verbindenoder zu heilen verstand."

Fräulein Winter wandte ihr Antlitz ab, sie warleichenblaß geworden, dann stellte sie mit zitternden Hän-den das Bild wieder auf den Platz zurück.

Ist ihr Bruder seit jener Zeit niemals nach seinemVatcrlande zurückgekehrt?" fragte sie leise.

Nein. Nach jenen traurigen Ereignissen schiffteer sich nach Amerika ein. Das Schiff scheiterte, und dasGerücht von seinem Tode verbreitete sich schnell. Aberschon nach wenigen Wochen widersprach Erich selbst diesemGerücht; er war voneinem Schiff aufgenommen worden, dasebenfalls seinen Kurs nach Amerika nahm. Dort hater wohl Reichthum erworben, aber nie Heilung für seineWunden gefunden. Eine Dame hat aus unbegründetemVerdacht sein ganzes Lebrnsglück zerstört, aber solcheSünden werden gewöhnlich an den Urhebern am schwerstengestraft."

DaS Eintreten des Professors und die Meldung derKüchenfee, daß das Essen servirt sei, machte der Unter-haltung ein schnelles Ende. Die Speisen waren vor-züglich zubereitet; die Hühner waren zart und weich undmundeten vortrefflich, aber dennoch berührte FräuleinWinter dieselben kaum, zum größten Leidwesen der freund-lichen Wirthin. Selbst als zum Nachtisch Weintraubenund Konfekt aufgetragen wurden, nahm sie nur wenigeBeeren, und unter dem Vorwande heftiger Kopfschmerzenzog sie sich bald in ihr eigenes Zimmer zurück.

Fräulein Winter scheint viel Noth und Elend deSLebens durchgemacht zu haben", flüsterte der Professorseiner Mutter zu,aber ihr Gesicht gefällt mir; ich mußsie auch schon im Leben gesehen haben, nur kann ichmich nicht entsinnen, wo und wann. Aber jetzt darf ichhier nicht länger bleiben, Mutter, ich habe noch Privat-unterricht zu ertheilen. Wer weiß, ob nicht heute derrechtmäßige Eigenthümer der Kiste sich einstellt und seineHühner verlangt, die wir verspeist haben", scherzte er,das Zimmer verlassend.-

Aber es kam Niemand, und Frau Wteser sann nochimmer nach dem Absender der Kiste.

DaS launenhafte Glück schien doch endlich einenAnfang machen zu wollen, aus seinem großen FüllhornGaben auf Mathilde Neumann's Haupt ausschüttenzu wollen.

Ein Onkel, von dessen Existenz sie kaum eine Ahn-ung gehabt oder dieselbe längst vergessen hatte, war ge»