Ausgabe 
(16.10.1896) 86
Seite
657
 
Einzelbild herunterladen

M 8K.

AreiLag, den 16. Oktober

1898.

sküc die Redaction verantwortlich: Vr. Theodor Müller in Augsburg .

Druck und Verlag deS Literarischen JnüitutS von Haas L Gradherr in Augsburg (Dorbefitzcr vr. Max Huttler ).

Ein fehlendes Wort.

Original-Novelle von C. Borges.

(Fortsetzung )

IV.

DaS fehlende Wort im Testament der Tante wareine Quelle bitterer Enttäuschung für Mathilde Neu-mann, die sich ihrem Ziele so sicher und so nahe geglaubthatte. Ihre schönen, lang gehegten Träume von Glückund Reichthum waren so schnell wie eine glänzende Seifen-blase vergangen und nichts davon übrig geblieben, alsdas bittere Gefühl unbefriedigter Habgier. Ganz wieihre Mutter in früheren Jahren cS gethan, machte Ma-thilde durch ihre Launen und Herzlosigkeit das Leben imelterlichen Hause sich und den klebrigen zu einer uner-träglichen Last. Sie dachte nur an ihr liebes Ich underging sich in den unziemlichsten Ausdrücken über dieVerstorbene, von der sie nach ihren Aussagen betrogenund hintergangen war.

Der Verlust des Briefes hatte sie anfänglich heftigerschreckt. Sie hoffte nur, ihn auf der Straße verlorenzu haben dann war aber am selbigen Abend dasFeuer in der Villa auSgebrochcn, der entsetzliche Tod derTante, das fehlende Wort im Testament, dieses warensich auf einander folgende Ereignisse, die das Vermissen'des Briefes schnell vergessen machten.

Aber Mathilde Neumanu grollte der unglücklichenTante noch über das Grab hinaus. Warum hatte sieso lange gewartet, daS fehlende Wort zu ersetzen, bis eszu spät war! Sie hätte gern die Verpflichtungen erfüllt,die mit der Erbschaft verknüpft waren, denn wenn sichein besseres Gefühl in ihrem Herzen regte, so war esnur für den Lieutenant Römer, der es verstanden hatte,ihrer Eitelkeit zu schmeicheln. Er war jung, schön,von seinem märchenhaften Reichthum erzählte man Wunder-dinge; sie ahnte gar nicht, daß fein äußerer Glanz baldwie ein Kartenhaus zusammenstürzen mußte, und daßer in Wirklichkeit ebenso arm war, wie sie selbst.

Würde er ihr jetzt die Hand bieten oder der CousineAufmerksamkeit erweisen und sich erst nach Beendigungdes kaum begonnenen Prozesses entscheiden? Das warenFragen, die daS hochmüthige, junge Ding gern beant-wortet hätte. Wenn er sie wirklich liebte und sie zweifeltegar nicht daran so durfte er nicht warten, bis sieals rechtmäßige Erbin anerkannt war, denn was lag andem Gelde?

Diese Gedanken folterten Mathilde Neumann be»ständig. Da sah sie zufällig die Cousine in Begleitungdes jungen Professors Wieser und beschloß, diese Ent-deckung zu ihrem Vortheil auszubeuten. Die Liebes-geschichte dieser Beiden war ihr hinlänglich bekannt; dieEltern hatten häufig genug darüber gesprochen und dasVerhältniß scharf verurtheilt.

Also immer noch", murmelte sie halblaut, als siemit den Augen das Paar verfolgte.Das muß Lieutenantvon Römer erfahren, denn wenn er jetzt noch zwischenmir und meiner Cousine unschlüssig ist, so muß dieserVorfall zu meinen Gunsten entscheiden. Sobald er zuuns kommt, will ich ihm erzählen, wie sehr sich dieBeiden lieben."

Sie hielt Wort. Mit vielen Ausschmückungen er-zählte sie die gemachte Entdeckung, und Tante Lina durftediese Gelegenheit nicht unbenutzt vorübergehen lassen, derMajorin in ihrer herzlosen, verletzenden Weise die gröbstenUebertreibungen von heimlichen Zusammenkünften ihrerTochter zu berichten.

Der leicht erregbare Major gerieth außer sich vorZorn.Du mußt selbst zu Frau Wieser gehen", geboter seiner Gattin,und darauf bestehen, daß ihr Sohnjeden Umgang mit unserer Tochter aufgibt." Er hatteschon zu oft seiner Tochter mit Enterbung gedroht, dieseaber darauf bestanden, übernommene Pflichten bei ihrergelähmten mütterlichen Freundin weiter zu erfüllen, be-sonders da sie im väterlichen Hause weder Freude nochVerständniß für ihre Gefühle finde. ES war doch immer-hin noch eine Möglichkeit vorhanden, daß der Prozeß zuGunsten der Tochter ausfiel, und dann wollte der Majorschon Mittel und Wege finden, eine Verbindung mit demLieutenant von Nömer zu Stande zu bringen.

Mit klopfendem Herzen erfüllte die Majorin denBefehl ihres Gatten. In lauten, drohenden Wortenredete sie auf die arme Frau Wieser ein, gab ihr dieVersicherung, daß ihre Tochter zweifellos schon bald dieErbschaft der Tante antreten werde, und beschuldigte denProfessor, sich des Vermögens bemächtigen zu wollen.Diesen ungerechten Anschuldigungen gegenüber hielt FrauWieser eine Rechtfertigung unter ihrer Würde. Sie batnur die erregte Frau, ihre Stimme ein wenig zu mäßigen,da sie eine neue Hausbewohnerin habe, dir nachgedrungenjedes Wort hören müsse, da die Scheidewand eine sehrdünne sei. Mit dem demüthigenden Gefühl, eine neue