Ausgabe 
(20.10.1896) 87
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1896 .

Augsburger PostMung".

Dinstag, den 20. Oktober

Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg .

Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg lVorbesttzer Dr. Mar Huttler).

Kin fehlendes Wort.

Original-Novelle von C. Borges.

(Schluß.)

VI.

Wieder waren Wochen vergangen. Der Sommermit seinem üppigen Blumenflor ging rasch seinem Endeentgegen, und das buntgefärbte Laub auf den Bäumenkündete einen frühen Herbst an.

Im Hause des Majors von Schalldorf waren nochkeine Veränderungen eingetreten. Zwar bewachten Ge-heimpolizisten nicht mehr den Sohn auf Schritt undTritt, aber der schwere Verdacht ruhte noch immer aufihm und hatte den leicht erregbaren Vater in einen lebens-müden Greis verwandelt.

Da traf ein Brief des Advokaten Almer ein, derfür den folgenden Tag zu einer festgesetzten Stundeden Major mit seiner Gattin zu sich in sein Comptoirbitten ließ.

Was mag er nur wollen?" brummte ärgerlich deralte Herr.Neues hat er uns doch nicht zu sagen, dennder Prozeß scheint noch lange kein Ende nehmen zuwollen; ich behaupte doch, daß weine Tochter die rechteErbin ist und ihr das Vermögen zuerkannt wird."

Jedoch am nächsten Tag fand er sich zur bestimmtenStunde ein und wurde vom Diener in ein großes Em-pfangszimmer geführt.

Kaum hatte er es sich mit seiner Gattin bequemgemacht, als die Thüre wieder geöffnet wurde und derAnwalt Neuwann mit Tante Lina eintrat. Der Majorwarf den Beiden einen feindseligen Blick zu:Waswollen die hier, da ich hierher bestellt bin", drückte sichdeutlich in seinen Mienen aus.

Jetzt traten auch der Lieutenant von Römer mitseiner jungen Frau ein das Erstaunen des Majorswurde immer größer, oann Frau Wendtland mitihrem kleinen Willy, sogar seine eigene Tochter Ma-thilde und zu seinem größten Aerger noch dazu an derSeite des Professors Wieser, und zuletzt folgt,, sein SohnErnst von Schalldorf.

Ich denke, wir sind jetzt alle versammelt", ertöntejetzt oie Stimme des alten Notars Almer, der unbemerkteingetreten war und lächelnd im Kreise umschaute.

Darf ich fragen, weshalb sie uns hier zusammen-geführt haben, was soll es bedeuten?" fragte Herr Neu-mann mit finster gerunzelter Stirn.

Ich sehe hier ja alle Verwandten meiner verun-glückten Schwester", warf Tante Lina spöttisch ein, dennsie konnte über das Erscheinen Frau Wendtlands undderen Sohnes Willy ihren Zorn kaum bcmeistern.

Herr Almer schaute triumphirend die zornig erregtenGesichter im Kreise an, dann entgegnete er mit fester,vernehmbarer Stimme:

Die Beantwortung dieser Fragen überlasse ichmeiner Clicntin", und ehe noch die Anwesenden denSinn seiner Worte verstanden hatten, zog er eine schwerePortiere zurück, und im Thürrahmen stand mit glücklichemLächeln auf dem edlen Antlitz die Todtgeglaubte, undzwar am Arm eines stattlichen fremden Herrn.

Die Anwesenden waren so sehr vor Ueberraschungund Schreck gelähmt, daß sie kein Wort hervorbringenkonnten.

Meine Gattin, Frau Waldhausen", rief jetzt derFremde mit lauter Stimme, inmitten des Saales schrei-tend. Aber selbst diese Worte vermochten immer nochnicht den Bann zu lösen, man glaubte ein Gespenstzu sehen.

Lina, hast Du mir nichts zu sagen?" fragte jetztdie Eintretende, ihrer Schwester die Hand entgegen-streckend. Sie sah frischer und lebensfroher aus, wiein früheren Jahren, alle Härte und Bitterkeit war ausihren Zügen gewichen, und ihre Stimme hatte einenweichen, melodischen Klang angenommen.

Mathilde! Bist Du's denn wirklich?" rief TanteLina, endlich ihre Sprache wiederfindend.Was be-deutet es nur? Wo bist Du die ganze Zeit gewesen?Wer hat Dich gerettet? O, diese Ueberraschung ist mirzu viel sie wird mich noch tödtenl" Dann brach sienach alter Gewohnheit in krampfhaftes Weinen aus.

Ich war gar nicht in meinem Hause, als dasFeuer ausbrach, konnte also auch nicht gerettet werden",versetzte Frau Waldhausen.

Du warst nicht in Deinem Hause?" riefen derHerr Major und Herr Ncumann gleichzeitig.

Nein."

Warum ließest Du uns denn in dem Glauben,Du seiest in den Flammen umgekommen?" stieß TanteLina hervor.Das war grausam von Dir, gar nichtzu verantworten. Bedenke doch die Unkosten, die wiruns um die Trauerkleiduug wachten!"

Das ist auch meine Meinung", kam das Echodes Gatten.