Ausgabe 
(20.10.1896) 87
Seite
666
 
Einzelbild herunterladen

666

Ich gebe zu, daß ich eine Erklärung schuldig bin",versetzte die reiche Wittwe, jetzt Frau Waldhausen.Andem ereignißreichen Tage, der dem Feuer voranging,suchte ich Frau Wendtland, die Wittwe unseres BrudersHerbert, auf. Ich lernte sie als eine strebsame Fraukennen, die es vorzog, sich durch eigenen Fleiß ihren undihres Sohnes Unterhalt zu erwerben, und meine Hilfeablehnte." Bei diesen Worten warf sie ihrer Schwägerineinen liebevollen Blick zu, der die Anwesenden über-zeugte, daß Freundschaft und Vertrauen zwischen beidenFrauen bestand.Darauf kehrte ich in meine einsameVilla zurück", fuhr die Sprecherin fort,und fand einenBrief, den meine Nichte Mathilde Neumann in meinerAbwesenheit verloren hatte." Dunkle Nöthe bedecktebei diesen Worten das Antlitz der jungen Frau.Eswar der Brief einer Schulfreundin, ich las ihn, undwie Schuppen fiel es von meinen Augen; Mathilde, diemeinem Herzen so lieb und theuer gewesen war, standjetzt ebenso falsch und habgierig vor mir, wie ich leiderso viele meiner Verwandten kennen gelernt hatte. Ineinem vorhergegangenen Briefe hatte sie der Freundin denWunsch meines baldigen Todes geäußert, da sie bestimmthoffte, in meinem Testamente bedacht zu sein, und indem Antwortschreiben machte ihr die Freundin über diesenunnatürlichen Wunsch gerechte Vorwürfe."

Die junge Frau senkte beschämt den Blick zu Boden;sie ärgerte sich, daß sie durch ihre Unachtsamkeit das Ver-trauen der reichen Tante verscherzt hatte. Der Lieu-tenant warf seiner Gattin einen vorwurfsvollen Blick zu.

Als ich den Brief gelesen hatte, war ich vollständigniedergeschmettert", erzählte Frau Waldhausen weiter.Mathilde war mein Liebling gewesen, die langen, trau-rigen Jahre meines Lebens hindurch hatte sie meine Ein-samkeit wie ein lichter Sonnenstrahl erhellt. Jetzt warmein Vertrauen erschüttert, und ich fühlte mich trostlos,einsam und verlassen in meinem Reichthum. Da kammir wieder der Gedanke an meine Schwägerin, FrauWendtland. Sie allein hatte mich nicht aufgesucht; siehatte sogar meine Hilfe verweigert, und einer augenblick-lichen Eingebung folgend, entschloß ich mich, sie nocheinmal am selben Abend aufzusuchen, obgleich es schonneun Uhr war. Wir waren vor einigen Stunden nichtfreundlich von einander geschieden, jetzt reifte aber derfeste Entschluß in mir, die Freundschaft und Liebe derjungen Frau zu erringen. Unsere Unterredung dauertebis gegen Mitternacht, und ehe wir uns trennten, wußteich, daß wenigstens ein treues Herz für mich schlug. Alsich in der stillen, lauen Sommernacht allein den Rück-weg zu meiner entlegenen Villa antrat, bemerkte ich einenhellen Feuerschein. Nichts Böses ahnend, setzte ich ruhigund in glücklicher Stimmung meinen Weg fort. DieFeuerwehr stürmte an mir vorüber, und bald wurde esmir zur schrecklichen Gewißheit, daß mein eigenes Hausin hellen Flammen stand. Vor Schreck gelähmt, ver-sagten die Füße mir den Dienst, doch die Worte einesvorbeieilenden Mannes:Die ganze Dienerschaft ist ge-rettet, nur die Besitzerin der Villa ist in dem Feuermeerumgekommen", gaben mir meine Kraft zurück. Da fieles mir auch centnerschwer auf die Seele, daß ich selbstdie Schuld an dem Unglück trug. In meiner Eile, dasHaus ungesehen zu verlassen, hatte ich die Lampe inmeinem Schlafzimmer brennend und leider zu nahe derPortiere stehen gelassen. Diese mußte sich entzündet unddadurch den Brand verursacht haben. Die Worte des

Mannes halten mich nachdenklich gemacht, Jedermannhielt mich für todt; es bot sich mir eine günstige Ge-legenheit, meine Identität zu verbergen und ein Lebenabzustreifen, das mir unerträglich geworden war. Untereinem anderen Namen wollte ich ein neues Dasein be-ginnen."

Du hast gar nicht an unsere Gefühle gedacht",schluchzte Tante Lina, die noch immer die unnützen Kostender Trauerkleidung nicht verschmerzen konnte.

Frau Waldhausen lächelte.Das gebe ich zu",gestand sie,aber ich war zu begierig auf Euer Be-nehmen nach meinem vermeintlichen Tode. Aber ichhatte noch einen triftigeren Grund zu dieser Handlung.Geld und Reichthum hatten mir kein Glück, keine Freund-schaft gebracht, jetzt wollte ich versuchen, in bescheidenerenVerhältnissen glücklich zu werden. Einige tausend Mark,die ich vor Jahren auf einen andern Namen in derBank deponirt hatte, standen mir jeden Tag zur Ver-fügung, diese schützten mich vor Mangel, und durch dasfehlende Wort in meinem Testament blieb mir mein Ver-mögen gesichert. Nun kehrte ich in derselben Nacht zuFrau Wendtland zurück, erzählte ihr, was sich ereignethatte, enthüllte ihr meinen Plan für die Zukunft undbat um ihre Verschwiegenheit. Sie unterstützte mich nachbesten Kräften. Einige Tage blieb ich bei ihr, dannfand sie ein Logis für mich bei Frau Wieser"

Tante", unterbrach Mathilde von Schalldorf er-regt,ist es möglich, daß Du mitFräulein Winter"identisch warst?"

Ja, mein liebes Kind", lautete die im herzlichenTone gegebene Antwort, dabei umschlang sie zärtlich ihreNichte.Denke nur meine Ueberraschung, als ich vonDeiner Verlobung mit dem jungen Professor hörte! Duhast eine gute Wahl getroffen, mein Kind", fügte siedann hinzu, auch dem Professor ihre Hand reichend,und ich hoffe, Du wirst sehr glücklich werden. Ichwar fast wie eine Gefangene in meinem Zimmer, dennich wagte nicht, es zu verlassen, aus Furcht, erkannt zuwerden."

Jetzt verstehe ich auch, weshalb ich niemals einenBlick vonFräulein Winter" haschen konnte", fiel dieNichte belustigt ein.

Die Thür war so dünn, daß ich jedes Wort ohnelauschen zu wollen hören mußte", lächelte die Tante,und so hörte ich auch manches Wort, was nicht fürmeine Ohren bestimmt war. Ich lernte, daß ich michin Dir getäuscht hatte. Du wärest mir eine treueFreundin geworden, nach der sich mein ganzes Herzsehnte, wenn ich mir nur die Mühe gegeben hätte, Dichbesser zu verstehen."

O, Tante! Du warst immer so einsam und traurig",flüsterte das junge Mädchen.

Nicht als ich im Hause der guten Frau Wieserwohnte Hier machte ich viele neue Erfahrungen. Ichmerkte, daß Du mich wirklich geliebt hattest, und freutemich, daß Du um meinetwillen Dich meines kleinenHundes annahmst. Das gute Thierchen mußte meineNähe spüren, denn es scharrte und kratzte fortwährendan der Thür. In meiner vermeintlichen Dürftigkeit em-pfing ich auch manche Beweise der Liebe, die ich frühernie erfahren hatte und die meinem Gemüth jetzt doppeltwohl thaten."

Jetzt weiß ich auch, woher eine gewisse Kiste kam