Ausgabe 
(27.10.1896) 89
Seite
686
 
Einzelbild herunterladen

686

Kaminfeuer behaglich zusammengerollt lag, wie ein Kätz-chen.Ich vermuthe, Sie suchen Tante Holth. Sie istnicht mehr hier, hat mir aber für heute Abend pfleg-mütterliche Autorität eingeräumt. Und nun näher, weinLiebling!"

Damit streckte sie Magda ihre beiden Hände ent-gegen, welche freudig mit der zutraulichen Scheu desdurch Menschennähe gezähmten Wildes auf sie zuflog.

Wie das Kind kalt ist", fuhr die kleine Frau inihrer nachlässig liebenswürdigen Weise fort, indem siemit anmuthiger Kopfbewegung das offen getragene Haarzurückwarf.Wollen Sie mein Reh magnetistren, lieberSeifflich", wandte sie sich dann an einen kleinen Mannmit ausgesprochen semitischen Zügen, der, offenbar vonMagda's blendender Erscheinung frappirt, ein in derFensternische eifrig geführtes Gespräch mit der ältestenTochter des Hauses, Laura, unterbrochen hatte.LassenSie mich lieber Sie einander vorstellen."

Der Name des berühmten Abgeordneten, welcherdamals auf Aller Lippen war, goß tiefes Erröthen überMagda's Antlitz. Sie verbeugte sich, ohne Erwiderungauf seine Anrede zu finden, und wagte kaum einen schüch-ternen Blick auf die ausnehmend häßliche Gestalt, derenin jenen Kreisen hochgepriesenen Geist ihre lebhafte Phan-tasie in eine der Wirklichkeit durchaus nicht entsprechendeäußere Erscheinung gekleidet hatte.

Mein Gott, wie kann man so klein sein, wennman so groß ist!" flüsterte sie Frau Dauß zu, währendSeifflich wieder zu Laura zurückkehrte.

Süperbes Geschöpf!" sagte er, den Blick noch immerauf Magda gerichtet.

Mentel" erwiderte Laura, auf die Stirne deutend.

Das ist nicht wahr!" rief ihre Mutter.DasKind hat eben ein köstliches Bonmot gemacht, das Ihrnun zur Strafe nicht hören sollt!"

Wird sich zeigen, wird sich zeigen!" rief einer derdrei Herren, die in diesem Augenblicke im lebhaftestenGespräche eintraten.

Ah! Seifflich da ist ja der Fuchs, von demman sprach!" so begrüßten sie mit eifrigem Hände-schütteln den Abgeordneten. Magda kannte schon dasberühmte Redaktions-Trio desStachelschweines ".

Was wird sich zeigen?" fragte Frau Dauß, ohneaufzustehen, dazwischen.

Ob dieser große Cato hier auch dabei bleiben wird,daß die Militärnovelle fallen muß."

Rudolph Kohlberg strich seinen rothen Bart, als erdies sprach.

Wenn ihm aber die Regierung das goldene Kalbeiner Jahresrevenue von zehntausend Thalern schlachtet,nebst einem eigens gestifteten Militärverdienst-Orden",sagte satirisch der dicke Pembes.

Mit einem ungemein pfiffigen Lächeln, das seinemGesichte einen vollkommenen Iltis-Ausdruck gab, sah derkleine Seifflich Jeden an.

Und was gebt Ihr?" sagte er dann.

Alle, sogar Frau Dauß, brachen in lautes Lachen aus.

Bravo , großer Cincinnatl" rief ihr Mann,wirgeben nichts, denken aber von dem Gerichte goldenerRübenschnitten mitzuspeisen, welches Dir das dankbareVolk durch die Subscription vorsetzen wird und zu welcherunsere nächste Nummer alle Theile der Erde aufruft, soweit die deusche Zunge lallt. Wie ist's, Laura", wandte

er sich an eine Tochter,Du hast das Ding ja ge-schrieben ?"

Das junge Mädchen war mit gespanntem Interessedem Gespräche gefolgt.

Wirksam, Dicker!" antwortete es kurz und be-deutend dem Vater, den es in seiner höchst eigenartigenAuffassung zarter Kindesliebe so zu nennen gewohnt war.

Uebrigens", sprach Pembes,hat der kleine Fell-heim , was kann kaufen oie Welt und alle Kunst, denReigen schon eröffnet mit zehntausend Thalern, Baruch-leben folgt mit sechstausend, es dürfte eine reiche Erntewerden nun, Cäsar am Rubicon?"

Theure Mitesser, denn das seid Ihr doch auf alleFälle, wenn es Geld heißt."

Selbstverständlich!" bestätigte ein Unisono.

Vergeht nicht, daß in dem Führer Eurer Parteidas Ideal eines Volkstribunen vor Euch steht unbe-stechlich, stets nur das Gesammtwohl erwägend! SchießtEure Appellation schleunigst los, unter dem Eindruckeder Subskriptionsliste werde ich uneigennützig und un-parteiisch untersuchen und handeln! Uebrigens", fuhrer unter dem Gelächter der Anwesenden fort,schwebtmir augenblicklich ein Gut vor, welches mir alle Ueber-legung raubt und das zu erlangen ich zu jedem Opferfähig wäre l" Seine Augen suchten dabei verstohlenMagda, welche, an dem Fauteuil der Frau Dauß lehnend,halb erstaunt, halb träumerisch diese ihr durchaus un-verständlichen Dinge anhörte.

Ein faunisches Lächeln flog über die Gesichter derdrei Männer. Laura zuckte ungeduldig die Schultern.

Lass' ab, verirrter Cato", spottete Pembes.DeineLeidenschaft könnte Dich sonst mit Säbel und Pistolenin nähere Beziehungen bringen, als Dir trotz Deineseventuellen Militärverdienstordens irr sxs lieb sein würde!"

Die Fürstin Waldenau läßt die Kleine ausbilden",flüsterte Dauß dem kleinen Abgeordneten ins Ohr, dereine unüberwindliche Antipathie gegen Waffen jeder Gat-tung hatte,und der bekannte componirende AttacheBaron Faurier überwacht im Auftrage der FürstinMagda's Studien; übrigens rein platonisch, wie ich sicherermittelte."

Nein, das ist zu toll!" schrie jetzt hastig, die Thüreaufreißend, ein untersetzter Mann, dessen langes, schwarzesHaar ein blasses, eckiges Gesicht umflatterte,der alteFilz läßt sich lieber übermorgen mit dieser blutigenSatire achtzigtausend Mal abdrucken, ehe er zahlt!"

Damit warf er ein Blatt auf den Tisch,j welcheseinen bekannten Großindustriellen der Residenz in ver-wunderlicher Position sehr treffend skizzirt zeigte.

Was nicht die elenden fünfhundert Thaler?"

Und unsere Waldmeisterbowle?"

Und der Executor, der mir morgen droht?"

So rief es in dem Kreise durcheinander.

Gemeines Gesinde!I Kein Respekt mehr vor derPresse; aber nun soll er doppelt daran!"

(Fortsetzung folgt.)

--

Goldkörner.

Wahrheit ist das leichteste Spiel von allen;

Stelle dich selber dar,

Und du läufst nie Gefahr,

Aus deiner Rolle zu fallen.

--

Rückert.