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tiefen und heißen Liebe zu Magda und der edlen Ritter-lichkeit seines Herzens. Reich, unabhängig und geistigbedeutend, gehörte er zu jenen in unserer Zeit immerseltener werdenden Männern, welche Selbstachtung undwahre Schätzung der idealen Bestimmung des Menschendem weiblichen Geschlechte gegenüber stets in einer gewissenReserve hält. Da ihm zugleich vielfache künstlerische undLebenserfahrung zur Seite stand, so glaubte damals dieFürstin Waldenau in ihm den besten Anhalt für ihrenunerfahrenen, kindlichen Schützling in dem gefahrvollenTreiben jener Kreise, in welche die Vorstufen ihrerCarriere Magda führen mußten, um so mehr gefundenzu haben, als seine musikalischen Arbeiten ihn zu der-selben in mannigfache Beziehungen brachten.
Die durch eine absonderliche Erziehung begünstigteseelische Eigenart des jungen Mädchens, welche dasselbevon der Gewöhnlichkeit scharf abhob, fand einen äußerstsympathischen, im weiteren Verkehr sich vertiefenden An-klang in Faurier. Auch Magda empfand mit verehren-der Hinneigung lebhaft die Wohlthat der gütigen unddecenten Unterstützung des bedeutenden Mannes, der, nieden Edelmann verleugnend, ohne irgendwie geistig durchdenselben eingeengt zu sein, doch so gänzlich verschiedenwar von den anderen Herren, mit denen sie umzugehenGelegenheit hatte, namentlich von jenen des „Stachel-schweinzirkels".
Dieser angenehme Verkehr hatte indessen nur kurzeZeit gedauert, da die diplomatische Laufbahn den Attachenach wenigen Wochen unverhofft auf Jahre in fremdeLänder führte. Nur so war es möglich geworden, daßRothner'S allerdings blendende äußere Erscheinung zwischendie Seelen zweier von Gott für einander geschaffenerMenschen treten konnte, um sie zu trennen, — um siezu vernichten.
Als Faurier Magda in H. wiedersah, fand er sieso wunderbar entwickelt, daß das innige, für sie stetsbewahrte Interesse, das er sich selbst nicht eingestandenhatte, in die helle Flamme einer glühenden LeidenschaftauSbrach, welche um so mächtiger war, je mehr er an-fangs aus tausend in seinem Charakter liegenden Grün-den die gewohnte Beherrschung aller seiner Empfindungenauch auf sie ausdehnte. In Magda's Seele drängteebenfalls die mächtige Gewalt ihrer früheren Sympathieeine lebhafte Freude, in welche nur das Bewußtsein derjüngsten Vergangenheit tiefe Schatten warf. Faurier'serfahrener Blick erkannte bald die der jungen Künstlerinschon beim Eintritt in ihre Laufbahn drohenden Ge-fahren, durch gemeine Berechnungen von Magda's jour-nalistischen Freunden. Dies alles hatte ihn dazu ge-drängt, seine Reserve zu verlassen, um mit einem SchlagedaS wiedergefundene Kleinod in die echte Fassung seinerLiebe zu setzen.
Es lag in seinem Charakter, daß er, nach demmomentanen Resultate seiner Unterredung mit dem jungenMädchen, mit feinem Takte den status <zuo ante in demdurch die Verhältnisse zwischen Beiden gebotenen Verkehrohne irgend welche Alteration aufrecht erhielt. Da-durch gewann Magda das Gleichgewicht wieder, um somehr, da sie inne ward, daß Faurier ihre leidenschaft-liche Weigerung nicht auf Rechnung der Wahrheit, dieja auch ihm wie aller Welt verborgen war, sondern derUeberraschung setzte, und daß jenes Wort: „er erwartesie", eine ihm fortdauernd innerliche Wahrheit blieb.
(Schluß folgt.)
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Lebende Uhren.
Von Dr. Ludwig Karell (Wien ).
Wenn der helle Strahl der Sonne die Erde zuneuem Leben erweckt, öffnen sich die Blumen und hauchendem Tagesgestirne ihren duftigen Gruß zu. Nicht alleerweisen ihr diese Höflichkeit zu gleicher Zeit, dennes gibt auch hier, ebenso wie unter den Menschen, Früh-aufsteher und Siebenschläfer.
Die blaue Wegwarte (Otolloriuna Int^dus), vonder das Surrogat für unsern Kaffee kommt, breitet dievielen Bündchen ihres Blüthenkörbchens schon um vierUhr Morgens aus. Also zu einer Zeit, wo die meistenMenschen noch gar nicht an die Cichorie denken! Dertraurige Storchschnabel (Osraninva triste) erhebt erstum sechs Uhr Abends sein fünfstrahliges Haupt.
Ebenso ungleichmäßig wie das Lever ist die Ruhe-zeit der vielgestaltigen Sprößlinge der Auen. Die Blüthendes Salates (Duotuoa, sativu) werden schon um zehnUhr Vormittags müde, während die des Raps (Lrussiou)erst um neun Uhr Abends sich schließen.
Linns wandte den Erscheinungen des Oeffnensund Schließens der Blüthen seine besondere Aufmerksam-keit zu und konstruirte daraus die sogenannte Blumenuhr.
Der erste Zeiger auf dieser Uhr, die niemals reparirtzu werden braucht, ist der Wiesen-Bocksbart (Drassosio^onxratsusö), dessen gelbe Blumenblätter bereits um dreiUhr Morgens sich entfalten. Die Cichorie stellt sich,wie schon bemerkt, eine Stunde später ein. Um fünfUbr legen sich die rosig angehauchten Blüthenhüllen einerMohnalt (kapavsr nuäioLule) auseinander. Der ge-meine Löwenzahn steht umsechs Uhr und das Schweins-kraut (L^xooiioeris maeulata.) um sieben Uhr auf.Viel verwöhnter ist die auf den Armen der Wassergeistergewiegte Weiße Seerose, die ihre Kelche erst um acht Uhröffnet. Noch länger Zeit läßt sich die Todtenblume (Oa-löuäulL), welche dies erst um neun Uhr thut.
Wer früh aufsteht, muß auch bald zu Bette gehen!Darum schließen die Wegwarte und der Salat ihreBlumenkörbchen schon um zehn Uhr Vormittags, derSumpf-Ziest (Orsxis) um elf Uhr und Mittags legtsich die Todtenblume zu den Schlafenden. Eine Nelken-art (viantüus xroliksr) verhüllt ihre Sterne um einUhr, das geöhrlte Habichtskraut (Lisraeium aurioula)um zwei Uhr, das Eiskraut (Nössulsti/untllsmuill)um drei Uhr Nachmittags. Diesem Beispiele folgt umvier Uhr die schlanke Graslilie (^ntchoriouin rawosuin).
Lyrische Dichter verstoßen gegen die Gesetze der Bo-tanik, wenn sie die silbernen Kronen der Seerosen in dembleichen Mondeslichte erstrahlen lassen, denn die besagtePoetenblume schließt sich schon um fünf Uhr.
Ein Nachtbummler ist der betrübte Storchschnabel,dessen Morgenstunde, wie schon erwähnt, erst auf sechsUhr Abends fällt. Spießbürgerliche Sitten hat der gleich-falls schon bezeichnete Mohn und die Kaiserkrone (Lkünsro-orülis tulva), die um sieben, beziehungsweise um achtUhr sich aus dem öffentlichen Leben zurückziehen.
Wirklich mit dem Monde alliirt scheint die nächt-liche Silene (Lilsns nootisioru) zu sein, denn sie richtetihr nickendes Haupt erst um neun Uhr auf. EinSonderling in der Pflanzenwelt scheint der großblüthigeCactus zu sein, denn er zeigt seinen Schmuck erst umzehn Uhr Abends, verbirgt ihn jedoch schon um Mitter-nacht wieder.