Ausgabe 
(3.11.1896) 91
Seite
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ausdrucklos in die Ferne, und vergeblich umschmeicheltesie der starke, süße Duft der Nadelbäume und der Thy-mians zu ihren Füßen. Sie achtete weder sein, noch desimmer heißern Strahles der Hundstagssonne, des aufihren Scheitel fiel. Das unermeßliche Weh der an sichselbst verzweifelnden Seele kämpfte in ihr. GemeineNaturen haben kaum eine Ahnung davon. Die jungeKünstlerin fühlte in diesem Augenblicke ihres erstenTriumphes ein Elend, endlos und qualvoll für Zeit undEwigkeit.

Ihr Vertrauen mißbrauchend, hatte Rothner sie zurEingehung einer geheimen Ehe zu überreden gewußt, seiteinigen Wochen war sie an ihn gekettet für's Leben, aberdiese kurze Zeit hatte genügt, sie seinen niedrigen Cha-rakter in seiner ganzen Häßlichkeit erkennen zu lassen.

Rothner, ein kaltherziger Genußmensch von rücksichts-loser Energie, scheute kein Mittel zur Erreichung seinerZwecke. Magda's eigenartige Schönheit, ihr seltenesTalent, welches eine bedeutende Zukunft versprach, hattenin ihm den Wunsch rege gemacht,sie dauernd an sich zu fesseln.

Von seiner Seite hatte die kältesteBerechnung, nichtLiebe, denBundgeschlossen; zerrüttet in seinenfinanziellen Verhältnissen, warihr Talent seine letzte Hoffnung,sollte ihm die versiegende Geld-quelle wieder öffnen, zur Be-friedigung seiner mannigfachenLeidenschaften, worunter dasSpiel die erste Stelle einnahm.

Einstweilen bedurfte Magdanoch ihrer fürstlichen Gönner, umdie Höhe zu erklimmen, wo an-gelangt ihr Talent ihr weiterBahn brechen mußte, dabei konnte ''das Bekanntwerden ihrer Ehe nur ^hindernd wirken. Das war derGrund, weshalb die Ehe vorerstnoch ein Geheimniß bleiben sollte.

Nach und nach war Magda zurErkenntniß dieser Sachlage ge-kommen, sie sah sich als Opfereiner schnöden Spekulation, fürdie Dauer ihres Lebens an einenMann gekettet, den sie nicht mehr lieben konnte, nachdem sieaufhören mußte, ihn zu achten. Trostlos, freudlos lagdie Zukunft vor ihr, was war ihr noch das Leben?

Eine Hand legte sich auf ihren Scheitel.

Aber find Sie wahnsinnig, Kind, sich der Sonneso auszusetzen! Ihr Haar fühlt sich brennend heiß an Sie können den Tod haben!"

Magda blickte verstört auf in das besorgte GesichtFaurier's.

O", murmelte sie,käme der Tod!"

Da haben wir schon die Folgen der Sonne ", lachte ,er,an der Schwelle der glänzendsten Zukunft derTod! Aber", fügte er ernster hinzu, indem er ihreHand ergriff, um sie emporzuziehen,kommen Sie nurmit mir, ich habe Ihnen viel zu sagen, Magda, unddazu müssen wir den Schatten aufsuchen."

Wie schon früher empfand sie auch jetzt den unbe-schreiblich milden und wohlthuenden Einfluß seines sicherenund zarten Wesens und ließ sich willig von ihm höher

August Graf v. plalen

Dir sage"

hinauf geleiten, wo die scharfe Schneide der glühendenSonne durch die Zweige und das Waldlaub abgestumpftund seitwärts gewandt wurde und ihr Glanz sich zunebelartig abgeschwächten Dämpfen vertheilte. Dort hießer sie niedersitzen ins schwellende Moos. Sie lehnte denKopf zurück an einen Baumstamm, und der Blick ihrerprachtvollen Augen verschwand unter dem langen Schleierder gesenkten Wimpern. Mit unverhohlenem Entzückenbetrachtete sie Faurier einen Augenblick.

Magda", sprach er dann mit weichem Wohllaute,ahnen Sie, wovon ich mit Ihnen reden will?"

Sie sah ihn überrascht an, aber ihr Auge fiel vordem strahlenden Glanz des seinigen nieder, und einwunderbar süßes und brennendes Wohlgefühl ging durchihre Seele.

Wissen Sie, theueres Kind", fuhr er fort,daßder gestrige Abend Ihnen eine herrliche Zukunft erschlossenhat? Mit der durch Ihren Fleiß wachsenden MachtIhres Gesanges, mit der Gewalt Ihrer zauberischenSchönheit werden Sie allgemach

vielleicht im Fluge dieWelt erobern und müde von Gold,Ehre und Triumph vielleicht einstIhre Hand nach einer Krone aus-strecken können."

Ein kindlicher Glanz ging einenAugenblick bet diesen Worten imAntlitze des Mädchens auf, wiedas Lächeln der Kleinen am Weih-nachtsbaume.

Er schwieg bewegt.

Und wenn ich es nun den-noch wage, Magda theureMagda", begann er dann leiserund beklommen, sich über siebeugend,wenn ich Ihren Blickvon all' dieser Pracht wegwendenwill auf ein Herz, Magda, einHerz, das Sie liebt, in demdiese Liebe treu und heiß undmännlich gewachsen ist seit Jahren

ein Herz, dessen Kleinod Dubist, Magda" - sie zitterte heftigund Gluth wechselte mit Erbleichenin ihrem Antlitzewenn ich

seine Stimme war zum leisen Flüsternherabgesunkenwirf ihn von Dir, den gefährlichenGlanz, der hohl ist und kalt und kein wahrhaftes Glückgibt, und werde das Weib eines Mannes, der ein be-scheideneres Loos, ein einfaches Haus für Dich zurBurg und zum Tempel machen kann; werde mein Weib,Magda."

Mit einem Schrei sprang sie empor und hielt dieHände vor ihr Gesicht.

Niemals!" rief sie, und ein Strom glühenderThränen stürzte aus ihren Augen. So hotte sie nochnie geweint. Alle Bitterkeit, aller Schmerz der Erdehob ihre krampfhaft zitternde Brust. Als sie, Herrindes wilden Kampfes geworden, aufblickte, war Faurierverschwunden. Sie preßte die Hände in wilder Ver-schlingung zusammen, und ihr zuckender Münd schluchzte:O, Maria, ohne Sünden empfangen, bitte für uns!"

Jener Antrag Faurier's war das Resultat einerdurch die Verhältnisse herbeigeführten Kombination seiner