Ausgabe 
(3.11.1896) 91
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günstiger Stelle gelegene verlassene Erzgrube untersuchtund mittelst eines nur ihm gehörigen Verfahrens einenneuen, unermeßlichen Zukunftsfonds in ihr entdeckt.

Während diese Kunde die Welt durchlief, war dasStachelschwein" so vorsichtig gewesen, das Stück Land,in welchem dies neuerstandene Eldorado sich befand,käuflich zu erwerben. Es gehörte zum Besitzthum desHauptpastors des Ortes, welcher dasselbe mit der Tochtereines wohlhabenden Großbürgers angeheirathet hatte. Daaber die Mythe, daß die Gruben einst wieder frucht-bar werden dürften, stets unter dem Volke umgegangenwar, so hatte sich der Besitzer, durch das besagte An-kaufsgelüste aufmerksam gemacht, nur unter Sicherung einesgewissen Antheiles an der Ausbeute und jedem eventuellenanderen Gewinne zur Veräußerung herbeigelassen.

Dem unlauteren Spekulationsgeiste von Dauß undKonsorten war es gegenwärtig um einen möglichst raschenAbschluß der bereits eingeleiteten Verhandlungen überden Weiterverkauf der Werke an den sehr reichen Fürstendes Landes zu thun.

Derselbe, selbst Dichter, genoß den Ruf eines Mäcender schönen Künste, besonders des Theaters, und liebtein dieser Eigenschaft die regenerirende Sonne des Ge-schmacks genannt zu werden. Im Momente unserer Er-zählung beschäftigten ihn besonders die Vorbereitungenfür die Darstellung einer eigenartigen, musikalisch-dra-matischen Dichtung, welche Idee und Text ihm selbst,die Musik aber dem Attachö Baron Faurier, einem ent-fernten Verwandten seines Hauses, verdankte. Die Wahlder Sängerin für die Hauplpartie des Werkes war derGegenstand der skrupulösesten Untersuchungen, in welchedie verschiedenen Intriguen des kleinen Hofes hineinspielten.

Wie wir wissen, hatte Magda's Gönnerin, die FürstinWaldenau, das kleine Hoftheater als günstigsten Schau-platz für das Debüt derselben ausersehen. Die HerrenvomStachelschwein", denen in dieser Beziehung dasZusammentreffen der Umstände sehr gelegen kam, hofftendaraus größtmöglichsten Nutzen für ihre Operation zuziehen. Nachdem das junge Mädchen unter ihrer Mit-wirkung bereits engagirt und seit einigen Tagen in H,eingetroffen war, galt es zunächst, dasselbe dem Fürsten ,trotz ihrer Anfängerschaft, für jene Rolle möglich zumachen. Den voraussichtlich großen Einfluß, den sie da-durch gewinnen würden, betrachteten sie als ihre wohlauszubeutende Domaine.

Der nach dem Geschmacke des Fürsten reich undkünstlerisch schön ausgestattete Concertsaal des Schlosses,welcher nur den Privatzwecken des Landesherrn diente,war mit einer glänzenden Versammlung gefüllt. Es fandeines der sich allwöchentlich ein- bis zweimal wieder-holenden Concerte statt, bei denen die Mitglieder dessürstlicben Hoftheaters, oft auch fremde Künstler von Rufmitzuwirken pflegten, und welche stets ein distinguirtesPublikum anzuziehen wußten.

Im Munde aller Anwesenden war die Oper desFürsten , aus welcher man heute eine Orchesternummerin das Programm aufgenommen hatte, die Präliminarienihrer ersten Aufführung zur Eröffnung des Winter-theaters der kleinen Residenz, und endlich die Frage,wem die Hauptpartie in derselben anvertraut werdenwürde. Man besprach laut und leise das heutige Auf-treten einer neu engagirtcn, von der Presse überausgünstig eingeführten jungen Sängerin, Magda v. Hark-hoff, welche man neben der seit Jahren bewährten Pri-

madonna des Hoftheaters mit dieser Frage in Verbindungbrachte, und fühlte sich gewissermaßen berufen zum richten-den Urtheile in dem heutigen Wettstreite der beiden Künst-lerinnen. Sehr geschickt vertheilt saß die Garde desStachelschweines ", gerüstet für den Nothfall zum Claque-kampfe für Magda, das heißt für ihr Projekt.

Einige Nummern waren vorüber. Jetzt erschien derFürst in seiner Loge, in Begleitung Faurier's und desFinanzrathes Tiefenborn, des ausschlaggebenden, stetszuverläßlichen Rathgebers seines Herrn in Budgetange-legenheiten. Die Primadonna erschien, eine nichtmehr ganz junge, aber recht präsentable Blondine. Siewarf perlende Tontropfenschnüre in die lauschende Menge.Ihre Leistung zeigte große Routine einer immer nochschönen Stimme, und als der Fürst, nachdem sie geendet,mit seinen weißbehandschuhten Händen, über die Brüstungder Loge hinweg, lebhaft klatschte, stimmte das Publikumunisono ein.

Es folgte ein Orchesterwerk, dann kam Magda'sNummer. Als sie erschien in ihrem weißen, wallendenKleide, eine einzige Rose an der Brust, keinen anderenSchmuck als die verschwindend dünne, blauseidene Schnur,an welcher die Muttergottesmedaille hing, ging ein ge-wisses Rauschen durch den Saal, ein unwillkürlicherTribut der wunderbarsten Schönheit.Superbei" hauchtees fast unbewußt von den Lippen des Fürsten . Mitmagdlicher Demuth verneigte sich die Debütantin, währendein glühendes Erröthen wie Morgenlicht über ihre Zügeflog. In süßer, durchsichtiger Klarheit schwebte ihr Ge-sang durch den Raum. Es war eine Fülle, eine Innig-keit, ein Seelenklang in dem Tone, unwillkürlich ver-gaß man den Ort, ja selbst die herrliche Gestalt dortman lauschte athemlos, das Herz voll glückseliger Em-pfindungen, und in jeder Seele stand hell und glänzenddas Theuerste, was sie besaß, eine Mutter, eineBraut, ein Kind oder auch ein Grab. Magda hattegeendet noch schwieg Alles, noch tönten die Klängein den Herzen, noch sahen die feuchten Augen nur ge-brochen das bebende Mädchen, welches stumm das Hauptsenkte, in zitternder Erwartung seines Urtheiles, dabrach auf einmal und man wußte nicht, wo er an-gefangen, ein frenetischer Jubel los, wie ein Donner-schlag, der nicht enden wollte. Immer wieder mußte diejunge Künstlerin erscheinen und sie weinte und lachtezugleich und breitete unbewußt entzückt die Arme aus.Als sie aber in das Foyer zurückkehrte, trat ihr der Fürstentgegen.

Sie haben die Partie", sprach er noch ganz be-wegt,keine Andere, wie Sie, vermag das Ideal meinerDichtung zu verwirklichen!"

Am andern Morgen lag ein köstlicher Himmel wieein Zeltdach von tiefblauer Seide über dem Thale .Magda saß auf einem Felsblocke, unfern der in denBergwald an die steile Wand geklebten kleinen Villa,welche sie mit ihrer Duenna, der inzwischen verwittwetenFrau Professor Holth bewohnte. Ueber ihr tönte daseigenthümliche Rauschen in den Wipfeln der Bäume,neben ihr murmelte ebenso eintönig und doch seltsamplaudernd eine im dicken Moos verborgene Quelleund doch war es tief still umher. Das Thal druntenund der Wald über ihr träumten in der warmen Juli-sonne den Farbentraum des Sommers, und jenes Ge-räusch schien gleichsam das Athemholen der Schlummern-den zu sein. Magda saß unbeweglich^ ihr Auge starrte