Ausgabe 
(3.11.1896) 91
Seite
704
 
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Allerseelen

ist das große Fest der Liebe, welcbes die Seelen verbindet, jenerLiebe, die Raum und Zeiten überwindet. Schon in den ältestenchristlichen Zeiten ist es gefeiert worden, und so geschieht es nochheute allerwärts in frommer Erinnerung und unter lieb-gewonnenen Gebräuchen. Sein sichtbarer Ausdruck ist es, dieGräber der Verstorbenen mit Blumen und Lichtern zu schmückenund dort zu beten für die Ruhe der Abgeschiedenen, eingedenkder Worte des heiligen Augustiners:Es ist kein Zweifel, daßdie Gebete der heiligen Kirche, das heilsame Opfer und dasAlmosen (des Gebetes), welches man für die Verstorbenen dar-bringt, ihren Seelen gedeihlich und dazu behülflich sein können,daß Gott barmherzig und gelinder mit ihnen verfahre, als siedurch ihre Sünden verdient haben." Unser BildAller-seelen in Tirol" vereinigt die innere Schönheit des Gegen-standes mit der Idylle der äußeren Gewandung zur glücklichstenHarmonie. _

Nie Keichenkarawane.

Blutigroth sinkt die Sonne im Westen. In den Duft derAbenddämmerung gehüllt liegen die unübersehbaren Trümmer-felder von Babylon. Aus der sumvfigen Niederung des Euphrat steigen dunstige Nebel emvor und schleichen vom Äbendwind ge-tragen über die einsame, wüstenartige Landschaft. Aus der Ferneertönt das beisere Gebell des Schakals, und einige Geier ziehenstill ihre Kreise im.dunklen Aether. Suchen sie ihr Nest zurNachtruhe oder wittern sie Beute? Da zieht von ferne heran,über die Hügel herauf, in langer, unabsehbarer Reihe eineKarawane. Stumm kommt sie heran; keines jener schwer-müthigen Lieder, mit denen der Kameelführer sonst die langeReise kürzt, ertönt. Mund und Nase der Begleiter sind mitTüchern verhüllt, und die bewaffnete Escorte hält sich in scheuerEntfernung zu beiden Seiten der Kamecle. Immer näher beranschwanken die Dromedare Jetzt kann man ihre hohen Lasten !deutlich erkennen; es sind Särge es ist eine Leichcnkarawane. I Entsetzt weichen wir vor dem gräßl-chen Geruch zurück, den !jetzt der Wind zu uns herüberführt. Eins der müden Th'erebricht unter seiner Last zusammen; herunter poltern die Todten-kasten. Es össnet sich der Deckel; ein halbverwester Leichnamgrinst uns entgegen hinweg, du Bild des Entsetzens I Südlichvon den wüsten Trümmerhaufen, welche die Stätte bedecken,wo einst Babylon und Niniveh standen, in der Ebene desEuphrat liegen Nedschef und Kerbel«, die berühmten Wallfahrts-orte der Mchamedaner. Dort ruhen die Gebeine Alis, desmohamcdanischen Reformators, des Begründers der Sekte derSchiiten, welcher vorzüglich die Perser angehören. So ist esnun der höchste Seelenwunsch eines frommen Persers, nachseinem Tode an dem Orte zu ruhen, der die Ueberreste seinesPropheten birgt. Das sogenannte Canalland, durch welchessich die Pilgerstraße Hinzieht, noch im 12. Jahrhundert mit denschönsten Palmenwäldern bewachsen, ist nach der Schilderungeines Reisenden in derAllgem. Ztg." heut öde und verlassen,und nur festungöähnlicbe Karawanserais oder Chans unter-brechen die trostlose Einförmigkeit der Strecke. In solchen Chans,die alle besondere Namen haben (meist nach den Gründern,wie: Kjaja-Chan, Jskenderie-Chan, Jzaid-Chan u. s. w.) istgute Rast für die geängstigten, oft die kostbarsten Schätze mit-führenden Karawanen. Aber der Reisende, der das Sicher-heitsgefühl innerhalb der gewaltigen Mauern inmitten desRaubgebietes der Zobetd-Araber sehr zu schätzen weiß, bezahltes dennoch zu Zeiten sehr theuer, wenn mit Sonnenuntergangdie Leichcnkarawane durchs hohe Thor einzieht und in weitemHofraum die Vesthauchenden Särge ablagert. Zwar behauptenübereifrige Zeloten: es sei alles Jasmin- und Rosenduft, aberder bekannte Reisende VLmbsry ist gleichwohl Leuten auf ihremPilgerzuge begegnet, die sich weitab von den Tragthieren hieltenund ihre Nasen verbunden hatten. Selbst die Thiere werdenmit der Zeit dienstunfähig; sie versagen und fallen um. DieKarawanserais sind weitläufige im Quadrat, oder Rechteckaufgeführte Bauten, im Innern mit arcadenumsäumtem Hofe,wo der Brunnen und die Lagerplätze für die Tragthiere sind.Doch haben die meisten Chans für letztere, sowie für die Waaren,eigene Räumlichkeiten im Erdgeschosse, während das erste Stock-werk zcllenartige Kammern für die Reisenden enthält. Einesolche Wohnstätte darf freilich nicht nach abendländischem Maß-stabe gemessen werden, denn sie besitzt weder Ameublement nochFenster- oder Thürvorrichtungen. Auf dem geborstenen Estrichtummeln sich Inletten und Skorpione, und an den Wändenzie' en sich ganze Ketten von schlummernden Fledermäusen,welche Nachts ihr lustiges Geflatter beginnen. Als Warte, von

der aus weite Rundschau möglich ist, dient ein Thurm zunächstdes Eingangs. Indeß sind die Karawanen innerhalb solcherNachtstationen jederzeit sicher, keineswegs aber auf dem Marscheselbst; und Karawanen, die besonders koubare Waaren oderGeschenke für die Grabdome mitbringen, müssen oft von ganzenBataillonen der Bagdader Garnison begleitet werden. GanzeSchiffsladungen von Leichen werden jährlich über das KaspischeMeer gebracht, um dann auf Dromedaren verladen die weiteReise nach Alis Grabdom anzutreten. So zieht denn dieKarawane durch jene sumpfigen, fieberhauchenden Niederungen.Viele der Thiere und Begleiter erliegen der entsetzlichen At-mosphäre, welch- die Karawane umgibt. Ihre Leichen fallenden Schakals und wilden Hunden zur Beute, welche der Kara-wane folgen.Welch ein Anblick für Gläubige mag dieschimmernde Goldkuppel am rothgelben Wüstcniaume sein!Wonnetrunken stürzen sie auf den brennenden Sand niederund küssen ihn mit dem Rufe:O Ewiger, es haftet anunserem Halse dein kostbares Blut I" Und durch die ganzeKarawane rauscht's wie von gedämpften Lobhymnen, indessendie todmüden Kameele mit ihrer Leichenlast auf den Bodenniedertaumeln, um erst wieder emporzuschnellen, wenn dasheisereKril Kri!" ihrer Treiber ertönt. Von weitem siehtman nur die mit vergoldeten Kuvferziegcln gedeckte Kuppel unddie Goldhauben zweier Minarets. Den Dom umgeben hohe,mit Glasurziegeln bedeckte Mauern, und zwei Thore führen inden Hofraum. Es ist begreiflich, daß der Andrang ein unge-heurer ist. Aber gar so rasch mit der Befriedigung des letztenWunsches der mitgebrachten Todten geht es keineswegs, denndie schiitisthe Geistlichkeit läßt sich die Ruhestätten theuer be-zahlen abgesehen on allen Geschenken, welche seit einemJahrtausend im Innern des Grabes aufgehäuft worden sind."In welch leichtsinniger Weise die Bestattung geschieht, bezeugendie Kleiderfetzen und menschlichen Glieder, an denen die halb-wilden Hunde auf den Begräbnißstätten herumzerren. So steigtdenn aus jenen Gräbern, aus den Stätten der Verwesung, dasfurchtbare Gespenst der Pest un' schwingt seine Geißel über dietraurigen Einöden, mit ibrer spärlichen, physisch und moralischheruntergekommenen Bevölkerung. Die persischen Leichenkara-wanen durchziehen Jahr für Jahr das Bagdader Gebiet undjene gottverlassenen Steppen und Wüsten, in welchen einst derGarten des Gottes Dunu", das biblische Eden, lag.Nurin solchen Contrasten erkennt der Mensch die ganze Bedeutungdes wechselvollen Völker- und Culturlehens und den Unbcstandalles Erdenglückes."

Schachaufgabe,

Schwarz.

Weiß.

Weiß zieht an und setzt mit dem 3. Zuge matt

Auflösung des Arithmogriphs in Nr. 89:

Heize, Aase, Visen, Isis, Seine, vgge, Neige, listen, Unsinn.G n e i s e n a u.

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