M SS.
Ireitag, den 6. November
1890.
s?ür die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg .
Druck und Berlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg (Borbcsitzer vr. Max Huttler ).
„W agd a."
Zwölf Monate eines modernen Lebensbildes.
Der Wirklichkeit nacherzählt von Beda v. Ballheim.
(Schluß.)
Das Einstudtren der Oper beschäftigte den Fürsten so lebhaft, daß er beschlossen hatte, bis zum Beginneder Mntersaison in H. zu bleiben. Magda, die sich«it großem, künstlerischem Ernst ihrer Partie widmeteund mit der ihr eigenen kindlichen Gefügigkeit den In-tentionen der Autoren entgegenkam, entzückte den Fürsten vollständig. Ihre Schönheit übte kaum einen größerenReiz auf ihn aus, als die feine Natürlichkeit ihres We-sens, welchem jede, so oft fälschlich mit der Eigenartigkeitdes Genies interpretirte Launenhaftigkeit und Leichtfertig-keit der Künstlerinnen fremd war. Faurier wachte überihr mit der umfassenden, unsichtbaren Gewalt einer Vor-sehung, und seiner Geschickltchkeit war es zuzuschreiben,daß der Enthusiasmus des hohen Herrn wenigstens bisjetzt in den Grenzen der Courtoifie blieb.
Dauß und Konsorten hingegen sahen mit großerBefriedigung den rasch wachsenden Einfluß ihres Schütz-lings und hielten es an der Zeit, durch denselben aufdie prompte Erledigung ihres Hauptcoups, den Ankaufdes Werkes durch den Fürsten , hinzuwirken. Mit be-wunderungswürdiger Verwendung aller ihrer „Druck-und Preßapparate" hatten sie es möglich zu machen ge-wußt, den da und dort und oft recht laut auftauchendenZweifeln an der neuen Rentabilität der Grube die Spitzeabzubrechen. Alle namhaften Parteiblätter des Reichesflössen über von den Schätzen, welche sich binnen Kurzemwieder über die Gegend ergießen würden. KommissionenSachverständiger hatten sogar zu wiederholten Malenden Befund untersucht und das günstigste Prognosti-kon gestellt.
„Die Presse ist allmächtig, sie läßt sogar das Silbertn der Erde wachsen!" hatte sich mit spitzem Lächeln derFinanzrath Tiefenborn dem Fürsten gegenüber geäußert.Er war der einzige, aber mächtige Gegner des Kauf-projektes. Ein Mann von praktischem Blicke, seit langebetraut mit der Verwaltung des bedeutenden fürstlichenVermögens und auf dessen Vermehrung mit großer Treuebedacht, hatte er, trotz aller Zeitungsreklame und Sach-verständigengutachten, kein Vertrauen zu der Rentabilitäteiner zu jenem Ankaufe zu verwendenden Million Thaler— denn nicht geringer bezifferte sich die geforderteSumme.
»Ihre Zukunft, Kind", hatte Danß mit väterlicherAutorität wiederholt zu Magda gesagt, „ist in unserenHänden; was Sie sind und sein werden, erfährt dasPublikum durch uns, und nicht allein das Publikum hier,sondern in der Residenz, im ganzen Reiche und weit überdessen Grenzen. Wir stellen fest, wie es um Sie stehtVon der angebeteten und bejubelten Stimme eines En-gels aber löschen wir, wenn es uns zweckdienlich ist,leise und unbemerkt Strich um Strich, Farbe um Farbe,und nach Kurzem fragt die Menge verwundert, wie siesolchem Schatten einst huldigen konnte. Noch, mein Kind,ist Ihre Zukunft sehr klar", hatte er lächelnd hinzuge-fügt, „und bei Ihnen steht es, Nebel und Wolken fernezu halten."
„Was kann ich dazu thun?" war darauf Magda'sbestürzte und beklommene Frage gewesen.
„Zunächst muß jetzt der Fürst das Bergwerk kaufen,und", hatte Dauß bedeutsam geantwortet, „dazu könnenSie ihn leicht bringen."
Klarer und immer klarer wurde eS in ihr, nochhoffte sie, wenn auch schwach, daß wenigstens Rothnerin keinen Beziehungen zu dem verbrecherischen Complottstehe, in welches man sie zu verstricken gedachte. Noth-ners Ankunft sollte sie auch hierüber aufklären, verlangteer doch von ihr unumwunden und immer dringender dieUnterstützung dieser Pläne, von deren Gelingen seineganze Existenz abhängig sei.
Mit Abscheu hatte sie sich da von ihm abgewandt,lieber sterben, als sich von ihm in die abschüssige Bahndes Verbrechens führen zu lasten. Aber war sie nichtdurch unauflösliche Bande au ihn gefesselt, ihm nichtvielleicht Gehorsam schuldig? O, wie drückten jetzt dieseFesseln, die sie im jugendlichen Leichtsinn sich selbst ge-schmiedet l
Würde sie auf die Dauer die Kraft besitzen, demDrängen ihres Gatten zu widerstehen, und was war danndas Ende? Ihre reine Seele schauderte davor zurück.Sie fühlte, sie stand am Scheidewege. Unwillkürlich sanksie in höchster Seelenqual auf ihre Kniee, wiederumtauchte die Erinnerung an ihre Kinderjahre vor ihr auf,sie erinnerte sich der Kapelle, wo sie mit solcher Inbrunstzur Mutter Gottes gebetet, unwillkürlich wiederholtenihre Lippen die Worte: „O, Maria, Du unbefleckt Em-pfangene, bitte für uns", und himmlischer Trost träufelteherab in ihre Seele, licht wurde eS in ihren Gedanken.Hier gab es nur einen Ausweg, die Flucht.