Ausgabe 
(6.11.1896) 92
Seite
706
 
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Rasch entschlossen richtete sie sich zum Ausgehen.

Ein Gedanke blitzte dabei in chr auf. Seit längeremhatte ein Theateragent sich wiederholt Mühe gegeben, siefür eine Kunstreise zu gewinnen. Kurze Zeit daraufstand sie in seinem Empfangssalon.

Nachdem sie sich seiner Verschwiegenheit versichert,machte sie ihn mit ihrer veränderten Stellungnahme seinenAnträgen gegenüber bekannt.

Magda fand den Agenten von der entgegenkom-mendsten Freundlichkeit. Wer mochte auf ihn, der zusolchem Interesse nur durch die Aussicht auf sicherenpekuniären Vortheil bewogen werden konnte, eingewirkthaben ?

Was sagen Sie zu einer Tournee durch Amerika ?*kam er nach der Begrüßung auf den Kernpunkt der Ver-handlung.Der Impresario Thomson bedarf noch einerneuen Kraft, besonders geeignet, die Goldmänner drübenzu clektrisiren. Ich habe Sie ihm genannt, liebes Kind",setzte er im Protektortone hinzu.Ein Kenner, dessenWort ich trauen kann, machte mich auf S iiaufmerksam."

Eine wehmüthige Freude zog durch die Seele derjungen Sängerin, sie erröthete und richtete sich unwill-kürlich höher auf. Sie fühlte unzweifelhaft die theuereHand, welche ihrem wankenden Dasein in der Kunst dieneue Stütze bot.Alphousl" dachte sie; wenn auch fürimmer getrennt, war es ihr doch eine traurige Seligkeit,daß sie sein Herz ihr eigen wußte.

Unter dem unsichtbaren Einflüsse und Drucke diesesKeunerS" kam denn auch das Engagement mit wunder-barer Schnelligkeit zum Abschlüsse. Agent und Impre-sario überboten sich in Zuvorkommenheiten, und Magdawar schon am nächsten Tage in der Lage, ihre Elternvon dem Glücksfall zu benachrichtigen, welcher selbstredendihren plötzlichen Weggang von H. zur Genüge motivirte.Zugleich konnte sie eine ziemlich bedeutende Summe,welche sie als Vorschuß erhalten hatte, zwischen diesenund den für die nächste Zukunft unumgänglichen Vor-bereitungen theilen die erste Unterstützung, welche siemit freudigem Herzen ihren Theuren zuwendete.

Und so sagte sie denn an einem vollentwickelten,echten Spätherbsttage der Heimath Lebewohl. DaS all-mächtige Meer, das nur langsam mit den scheidendenKüstensäumen seine gewaltige Herrschaft auf ihre Seelelegte, sog allgemach Wehmuth und Wünsche, welche mitihrem feuchten Auge an dem entschwindenden Vaterlandehingen, in sich auf, und eine heftige Sehnsucht nach demLeben der künstlerischen That zog sie hinüber über diegroßartige Wasserschwelle in die neue Welt, der sieentgegeneilte. Das Neue des einförmigen und doch sobewegten Treibens des SchiffSvolkes, das familienartigeBeisammensein so vieler einander fremden Menschen aufdem engen Raume inmitten der großen Wasserwüsteregten Magda, die nur wenig von der Seekrankheit litt,außerordentlich an. Die kindlich forschende, Alles zu er-gründen suchende Seite ihres Wesens trat hier, verbun-den mit ihrer gewinnenden Liebenswürdigkeit, so lebhaftin ihr Recht, daß die junge, anmuthige Frau bald derallgemeine, verwöhnte Liebling war. Passagiere undSchisssvolk wetteiferten darin, ihr zuvorzukommen, ihrkleine Freuden und Bequemlichkeiten zn verschaffen.

Unter der Gesellschaft der ersten Kajüte befand sichauch eine reiche amerikanische Familie, welche von einereuropäischen Nundtour zurückkehrte. Mit den Kindernderselben hatte Magda große Freundschaft geschlossen.

besonders daS jüngste, ein allerliebster vierjähriger Knabe,Robert, wurde ihr unzertrennlicher Begleiter.

Es war gegen das Ende der Fahrt, als ein beson-ders warmer Abend Magda aus dem Salon gelockt hatte.Sie lehnte, ganz versunken in das Schauspiel der demUntergang zueilenden Sonne, am Geländer des Decks.Die See war bewegt unter der Oberfläche. Noch lagendie goldenen, zitternden Strahlen des Tagesgestirnstausendfach gebrochen in den unruhigen Wellen, und vomfernen Horizonte blickte die Sonnenkugrl im feurigenHalbkreise zu ihr herüber. Magda fühlte sich berauschtvon dem Anblick des Meeres, von diesem unendlichenHorizonte dem Bilde der Ewigkeit, Untheilbarkeit undEinheit: Gott . Und als jetzt neue Welten und Wolkensich vor der glühenden Abendröthe aufthürmten, da zau-berten sie ihr lebendig die Hügel und Wälder der Heimathvor die Seele, sie unterschied so manches licbgewordenePlätzchen darin, mit ihren Freuden und Leiden durch-weht auch das kleine Klrchlein mit seinen eingefallenenGräbern stand da. Sie legte sich weit über den Randund breitete mit glänzenden Augen die Arme aus.

Das gibt eine unruhige Nacht", sagte ein alterBootsmann, der oft Magda'S Wißbegierde mit Aufklär-ungen befriedigte, im Vorübergehen auf die Wolkenschichtdeutend. In diesem Augenblicke vernahm die jungeFrau ein Kinderlachen. Robert war, um sie zu necken,auf den Rand des Geländers geklettert, sie fühlte seineblonden Locken, sein Händchen an ihrem Gesichte,dann ein Fall ein Schrei das Kind verschwandin den Wellen. Ohne einen Laut, in rascher Entschlossen-heit sprang Magda, eine tüchtige Schwimmerin, demKleinen nach und erfaßte ihn glücklich im Augenblicke, daer wieder emportauchte.

Brave Seele!" rief der alte Bootsmann, der ihrsofort zu Hilfe kam und unter dem eifrigen Beistandseiniger Matrosen die beiden Triefenden glücklich an Bordbrachte, so rasch, daß sich die übrige Reisegesellschaft deSUnglücksfalles kaum noch bewußt geworden war.

Auf der sonst immer gleich unbeweglichen Stirn deramerikanischen Mr. Papa standen aber in diesem Augenblicke dicke Schweißtropfen, und die gelbe Farbe seines GesichteS war aschgrau geworden. Er drückte, während dtMutter ihr Kind mit Thränen in die Arme schloß, dieHand der Retterin.

Well, Mrs. Noihner", sprach er,ich calculire,Sie haben sich einen festen Freund gemacht in JohnErittenden."

Das will was sagen", raunte, sich freudig dieHände reibend, der kleine Impresario ihr zu,denkenSie an die fünf Journale, deren Eigenthümer er ist!"

Und dann lief das Schiff eines Morgens im frischen,hellen Sonnenschein in die Bai von New-Mrk ein, undMagda'S entzückte Seele genoß das wundervolle Schau-spiel der Einfahrt in den Hafen der Weltstadt. Unterdem wolkenlosen Himmel lagen im reinsten Lichte diebeiden Inseln, welche die Bai begrenzten, getaucht in denglühenden Farbenreichthum, mit dem der Herbst hier dasLaub färbt, dann die mächtigen Strandbatterienund endlich der herrliche Hafen selbst, der weitgespanntdaliegt, als wolle er alle jene Schaaren hoffender Men-schen gastlich empfangen, welche, müde des alten Europa ,in das ungeheuere Festland strömen, das ihnen Erfüllungihrer Wünsche und neue Hoffnungen geben soll.

Wieder sind Jahre verflossen. Die neue Welt war