707
Magda's Hoffnungen in Bezug auf Geld und Ruhmnichts schuldig geblieben. John Crittenden hatte derRetterin seines Sohnes Wort gehalten. Die glänzende,echt amerikanische Einführung der Künstlerin durch seinezahlreichen Preßorgane ebnete ihr den Weg zu einerseltenen enthusiastischen Anerkennung ihrer reichen natür-lichen Gaben.
Ihr Verhältniß zu ihrem Gatten, das der Weltübrigens noch immer ein Geheimniß war, hatte sie durchihren Anwalt seit Langem regeln lassen. Trotz der nam-haften Summe, die sie ihm von ihren Einkünften zu-kommen ließ, fehlte es nicht an Bettelbriefen der dring-lichsten Art.
Neben der reinen Freude, welche ihr die Ausübungihrer Kunst gewährte und die mit der reifenden Voll-endung ihres Talentes wuchs, fand Magda die größteBefriedigung mitten in diesem Leben der Triumphe unddes Glanzes, deren Hohlheit sie nur zu bald in derLeere ihres Herzens fühlte, in dem Bewußtsein, daß esihr nun doch gelungen war, den mit schmerzlichen Opfernerkauften Zweck ihrer Laufbahn: die sorgenfreie, behag-liche Lage ihrer Eltern, zu erreichen. So sammelte sie,und der Fonds ihres Kapitals war zu ansehnlichen Höhegestiegen, als neue, vorthrilhafte Anerbietungen sie wiedernach Europa führten.
Seit einigen Wochen waren sie nun in Europa , unddas erste Gastspiel Magda's fand in derselben Residenzstatt, in welcher sie ihre Studien gemacht hatte. IhrRuf war schon so zweifellos begründet, daß sie es ohneFurcht vor früheren Drohungen wagen konnte, Daußund seiner Garde gegenüberzustehen. Der Erfolg be-währte dies glänzend. Ihre ehemaligen Protektoren,deren Macht durch eine ihrer Partei für den Momentungünstige politische Zeitströmung bedeutend ins Schwankengebracht worden war, so daß selbst die Existenz deS„Stachelschweines " gefährdet schien, näherten sich ihr sehrverbindlich und waren froh, durch die Großmuth derKünstlerin daS übliche Honorar, welches eine gewisse,leider dominirende Presse als selbstverständlich für ihre„objektive" Beurtheilung beansprucht, sehr reichlich aus-fallen zu sehen. Magda blieb nun doch einmal für denAugenblick ein Stern erster Größe, Wolken des Hasseskonnten sie jetzt nicht verdunkeln.
Schon nach wenigen Vorstellungen hatte sie dasPublikum in allen Kreisen enthusiastisch erregt und be-sonders die Sympathien eines sehr hochstehenden musi-kalischen CirkelS gewonnen, welcher mit großem Verständ-nisse speziell der Pflege ernster Musik oblag. Der GrafKollhoven, die hervorragendste Persönlichkeit desselben, ver-sammelte häufig auf seinem unfern der Stadt gelegenenLandsitze die ersten musikalischen Kräfte der Residenz,um die Kompositionen neuerer Meister vor einer ebensodurch feinen Geschmack wie durch hohen Rang ausge-zeichneten Gesellschaft, in welcher sich oft Mitglieder desHerrscherhauses befanden, aufführen zu lassen. ES galtin der Künstlerwelt für eine besondere Ehre, in diesenPrivatkonzerten mitwirken zu dürfen.
Magda empfing eines Tages den Besuch deS Grafen selbst, welcher sie mit ausgezeichneter Courtoisie einlud,die Hauptsolopartie in einem neuen, größeren Werke zuübernehmen. Es war ein Requiem, und ein solcheswurde alljährlich am Allerseelentage, einer alten Traditiongemäß, in seinem Schlöffe zum Andenken an eine düstere,für sein Geschlecht wichtige Begebenbeit früherer Zeiten
aufgeführt. Die Musik wechselte in den Meistern. Vondem Autor der vorliegenden erfuhr man nur, daß erein intimer Freund des Grafen sei, in Italien lebe unddaß Jener den Komponisten, welchen er bei sich erwartete,mit der ohne Kenntniß desselben vorbereiteten Aufführungüberraschen wolle.
Magda unterzog sich der Aufgabe mit einer beson-deren inneren Lust, weil ihr die Komposition wunderbarlieb und sympathisch erschien. Je mehr sie sich in die-selbe vertiefte, um so mehr wehte sie daraus etwas sosüß Heimisches an, als habe sie diese Gedanken schonselbst empfunden, als spräche eine Seele zu ihr, welche,der ihrigen vertraut, deren eigenes, inneres Leben zumAusdruck gebracht hätte. Sie studirte mit großem Eifer,und oft fühlte sie mitten im Gesänge ihr Gesicht inThränen gebadet, die aus einer unendlich wehen unddoch glücklichen Empfindung flössen. Die kleine Cilli,welche ihre Mutter so wenig wie möglich verließ, wenndieselbe daheim war, saß dann still spielend in einemWinkel des Zimmers und richtete verwundert ihre glän-zenden Augen auf die geliebte Mama.
Der Tag des Konzertes war einer jener wild-stürmischen Novembertage, welche der letzte Kampf derNatur gegen die eisige Erstarrung des Winters zu seinscheinen. Ein durchdringender Wind jagte über die ödeFlur und fegte im Wirbel das raschelnde Laub die Straßeentlang, auf welcher Magda im bequemen Wagen zumSchlosse des Grafen fuhr. Sie war ernst und traurig.Das Bild draußen sah ihrem innerlichen Leben so gleich;sie schaute zum Himmel, er hing voll dichter, grauerWolken, welche vereinzelte kleine Schneesterne herabsandten.
Dann ward es Abend. Die angenehme Atmosphäreeines warmen, nach Cedernholz duftenden Zimmers um-gab sie einschmeichelnd, und im anstoßenden Raume hörteman schon das leise Knistern und Rauschen der Seiden-roben, das Kommen und Gehen und die gedämpfteUnterhaltung der sich sammelnden vornehmen Gesellschaft.
Die gefeierte Künstlerin betrat den Saal, leiden-schaftlich bewundert wie immer. Die Aufführung begann.
„Requiem avtsruam äona, sie Darwins", begannder Chor mit klagender Bitte; „Dies irrrs, äiee iltu",brauste es dann erschütternd durch die Herzen der Zu-hörer und zerriß den Vorhang vor dem letzten der Tage.Woll ergoß sich jetzt Magda's herrliche Stimme in dieKlage: „(juiä 8UM missr tuno äieturug" (WaS solldann ich Armer sagen): es war ein Weh und ein Elend,ein Schmerz, so groß und tief wie das All', der auSdiesen Tönen sprach. Die großartig schöne Kompositionschien geboren in dieser Seele voll Trauer und Ver-zweiflung. nLalva wo kon8 pietatis" (Rette mich,Quell' deS Erbarmens), rang die Bitte in heißem Flehen,und voll Ergebung erstarken die Töne in dem Zitternder Scham: „Luxxliennti pures Deus" (Höre, Gott,mein heißes Flehen).
Todtenstille lag über dem Zuhörerraume. Magdafühlte nicht, daß sie unter Menschen war, daß sie sang.Ihr inneres Leben strömte dahin in seiner Anklage undVerzweiflung. Die Töne wurden ihre Worte und Thaten,sie stiegen empor wie ihre eigenen Gedanken, und überden Wellen des Chores schwebte in Klängen voll undzauberisch die mächtige, wilde Demuth des seinen Stolzbesiegenden Sünders: „Oro sunplex st ueolinis" (Tiefim Staub ring' ich die Hände).
Der Satz war zu Ende. Kein Summen und Plan-