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dern, kein Laut im weiten Saale. Alle Herzen bebtenin tiefer Erschütterung.
Als Mazda später sang: „Ltabat raatsr äolo-rosu", da legte sich alle Sehnsucht ihrer Brust wie einLiebeshymnus an die Mutter der Schmerzen. Das Ichwar überwunden, geopfert vor dem Kreuze, an dem dersterbende Heiland die sündige Menschheit, auch sie, er-löste, und unter welchem die heiligste Mutterliebe dieWelt in den ausgebreiteten Armen empfing, denen daseigene göttliche Kind in grausamen Leiden entrissen ward.„0, guaw tristis st aüiiota" (O, wie traurig, gram-beladen), klagte Magda, und tausend Thränen lagen inder Stimme, wie die Antwort der sich verfinsterndenNatur klang dazu der Chor dumpf und gepreßt. DieseMutterliebe, diese Erlösuugsliebe stieg empor, eine mäch-tige, heilige Flamme, alle Herzen brannten darin, unddie Sehnsucht des OpfernS kam über Alle. „OruviüxiLgs Ooräi mso valiäs" (Präge des Durch-
bohrten Wunden meinem Herzen kräftig ein); bat Magda.„l?ao ras xlaZis vulnsrari" (Lass' mit Wunden michbedecken); dringender und inniger bot sie die Brust denSchmerzen, um endlich in die jauchzende Ueberzeugungauszubrechen: ^Inüamiuatu8 st aoosnsns, kor ts,ViiAv,»um äsksnsus In ärs juäioii" (Ob des Glühens, obdes steten — Wirst, o Jungfrau, mich vertreten, — Andem Tage des Gerichts).
ES war ein so überirdischer Gesang gewesen, dasAntlitz der Sängerin strahlte von einem so heiligenGlänze, daß alle Mitwirkenden, hingerissen, ebenfallsUngewöhnliches leisteten. Der Komponist konnte zufriedensein. Er war es — Faurier. Da stand er vor ihr,hoch und bleich, das ganze Leben konzentrirt in demblitzenden Auge. Sie erstaunte, erschrak aber nicht, sielächelte verklärt.
»Ich wußte es", sprach sie leise, indem sie ihm dieHand hinstreckte.
Der Strom der Entzückten, welche nun den Kom-ponisten und seine hervorragendste Jnterpretantin umgab,trennte sie. Als Faurier sich selbst wieder angehörte,war Magda verschwunden. Sie hatte, Ermüdung vor-schützend, dringend nach Hause verlangt.
Was sie diese Jahre her mit eiserner Hand derPflicht zurückgedrängt in ihrer Seele, was sie überwundenglaubte, das strömte nun voll und glühend hervor, undsie «einte zu sterben in der schmerzvollen Seligkeit.Aber da war auch die Ueberzeugung des Opscrns. »st'aoms xla§is vulnsrari", betete sie in unaussprechlichemDränge der Leiden und in Demuth zur Erde gebeugt,schlug sie die Brust in wilder Heftigkeit, richtete sich aufin leidenschaftlicher Geberde und bot dem Himmel ihreganze, herrliche Schönheit, ihr ganzes Ich zum Kreuzedar. Thränen strömten aus ihren Augen, so heiße, rast-lose Thränen, alle Lavafluthen ihrer unendlichen Em-pfindung. Dann wurde es still — das Opfer war voll-bracht. Vor ihrer Seele stand das Marienbild in demKirchlein ihrer Heimath, und geduldig legte sie zu denFüßen der Gebenedeiten diese Liebe, die — an sich sorein — für sie eine Sünde war; sie legte dahin dasWiedersehen — Alles — bis aus den Gedanken. Eswar das Requiem ihres Herzens.
Und als sie leer und arm geworden und nichtsmehr besaß von dem, was sie, wider ihr Wissen, dieJahre her aufrecht erhalten, als sie ein großes, schweres,kaltes Leiden freudig auf sich genommen, da ward es
mild und warm in ihr, und wie Engelsstimmen um-tönte es sie: „O, Maria, ohne Sünden empfangen,bitte für uns!"
Zur Beethoven-Feier sollte sie die „Leonore" singen.Diese Partie kostete sie, so oft sie darin auftrat, stetseinen moralischen Kampf. Es lag eine zu bittere Ironieauf ihre eigenen Verhältnisse darin. Dunkle Schattenstiegen wider ihr Wollen aus der GrabeShöhle ihrer ge-opferten Liebe in ihrem Herzen auf und wollten sich zuder Gestalt verdichten, für welche der Schrei: „Todt'erst sein Weib!" eine wildselige Wahrheit gewesen wäre— und daneben der entweihte Opfertisch, auf dem ihrDasein verblutete! Auf den Tag der Aufführung hatteRothner eine Kette von Gemeinheiten gehäuft, besondersdrohte er mit allerhand wilden Ungeheuerlichkeiten, wennMagda ihm nicht eine bedeutende Summe zur Tilgungdringender Verlegenheiten überlassen werde. Sie hattesich geweigert wie immer. Ein jäher, brennender Schmerzin ihrer Brust erschütterte sie, es quoll leise darin anf,und als sie das unwillkürlich vor den Mund gedrückteTaschentuch wegnahm, war ein Heller, röthlicher Schaumdarauf. Eine schreckliche Mahnung!
„Hinreißender als je!" flüsterte eS im Publikumnach ihrem ersten Erscheinen, „sie ist heute wie eineGlocke, welche der Schmerz zu zersprengen droht!" Undmit immer steigendem Interesse und endlose« Beifallebegleiteten die Zuhörer diese großartige, herrliche Inter-pretation der reinsten Gattenliebe. „Tödt' erst seinWeib!" klang es gewaltig und erschütternd. Das wardie gesprungene Saite, der letzte Ton der gequälten Brusthieniedeu. Noch Jahre nachher hallte er in den HerzenDerer, welche ihn damals gehört hatten. Mit ih« sankdie Sängerin bewußtlos nieder. Der Vorhang fiel, unddie Oper konnte nicht zu Ende gespielt werden.
Während Magda noch schwer erkrankt darniederlag,rief sie eine Depesche an das letzte Letdensbett ihresVaters. Ihr eigener Zustand machte die Reise unmög-lich; doch wußte sie denselben ihren Eltern zu verschweigen.Sie erfuhr sein bald darauf erfolgtes Ableben erst durcheinen Brief der Mutter, welche zugleich ihre Absicht an-kündigte, nach nothwendigster Ordnung der Angelegen-heiten des Verstorbenen zu der geliebten Tochter zu eilen,um sich nie von ihr zu trennen.
Nach jenem letzten wilden Anlauf war Nothnerwenig zu Hause. Er hatte ein anderes Mittel gefunden,seinen Willen bezüglich des Geldes durchzusetzen. Feind-selig und in sich gekehrt, mied er das Zusa««ensein mitseiner Frau.
Der letzte Tag des Jahres kam heran. Am Vor-mittage hatte der Arzt aufs Bestimmteste erklärt, dieKranke dürfe unbedingt längere Zeit nicht nur nicht singen,sie müsse auch schleunigst einen Luftkurort aufsuchen.Als Magda mit wilder Hast in ihn gedrungen, ob siewieder in den Vollbesitz ihrer Sti««mitiel gelangen «erde,stellte er ausweichend die Bedingung sofortiger Abreisenach Italien .
Und das alte Jahr ging zu Ende. Feierlich er-klangen die Glocken von den Thürmen, Jubel undJauchzen aus den Straßen: Glück zum neuen Jahrs!Glück! Wie lange lag das hinter Magda, und doch,wie nahe war es! Die offenen Augen schloß kein Schlaf,eine unnatürliche Erregung floß wie ein Feuerstrom durchdie krankheitsmatten Glieder. Die Zeit stand still fürsie; ob Minuten, ob Stunden, sie stand in ihrer Seele