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vor der Ewigkeit. Gegen Morgen kam ein stolpernder Schrittdie Treppe herauf, schwankte durch den Vorfaal. Jetzt tappteeins Hand unsicher an der Thüre des Zimmers, schwer-fällig ging sie auf. Rothner taumelte herein. Seingerathetes Gesicht zeugte in seiner Verzerrung von derwüst durchlebten Nacht.
„Weißt Du auch, daß ich wich dort, wo sie nochlustig sind, losgerissen habe aus purer Freundschaft fürDich? Wollte Dir doch den Neujahrsgruß bringen!"
Er hielt ihr ein Zeitungsblatt dicht unter die Augen.
„Sieh hier — die Nachricht! Deinen alten Liebsten,den feinen AttachZ, den Wundermann Faurier hat derTeufel geholt! Todt ist er, hörst Du? Todt! Todt!"
Er johlte die Worte in schaudervollem Entzücken.
Sie zuckte zusammen. Aber es war wohl nur eineseiner Gemeinheiten.
„Du bist betrunken", sagte sie, mit Mühe ihrerStimme Festigkeit behauptend.
„Nüchtern genug, um Dir die Wahrheit zu be-weisen. Höre!" Und er las laut und langsam:
„Der in der musikalischen Welt als Komponist rühm-lichst bekannte Attachö Baron Alphons Faurier ist nachlängerem Leiden am 25. ds. Mts. in Nom gestorben."
Mazda griff mit schneller Bewegung nach demHerzen, dann blieb sie unbeweglich, todtenblaß, aus demhinausgedrängten Auge floß langsam ein großer Tropfender Qual die Wangen hinunter.
Und dann stand sie auf der Straße. Die Sterneblitzten in Myriaden an dem tiefen Horizonte, der Schnee'mischte unter den Füßen.
„Neujahrsnacht hell und klar, bringet ein gesegnetJahr", sagt ein altes Sprichwort. Auch auf Mazdawartete der Segen.
Sie wanderte mechanisch durch die ihr hie und dabegegnenden heimkehrenden Nachtschwärmer. Viele warenbetrunken, auch redete sie da und dort einer mit loserRede an; sie hörte es nicht, und wenn gar Jemand einenfrechen Blick unter die Capuze wagte, so taumelte auchder Kühnste zurück vor dem leichenhasten Antlitz. Wo-hin? Sie ging über eine Brücke, tief unten lag derschöne Strom; sie starrte hinunter; die blauen Wellenwaren gefangen umer eisiger Decke. Weiter, weiter!Die Zähne klapperten im Froste, kaum trugen sie nochdie Füße.
Da lag ein großes, dunllcs Gebäude — eine breitesteinerne Treppe. Sie schleppte sich die Stufen hinan,auf die oberste setzte sie sich, wie im Traume. Es warnur noch der Instinkt des Lebens in ihr, nicht mehr dasBewußtsein. Jetzt begann dicht über ihrem Haupte dasFrühglScklein zu läuten. Sie schrak auf aus der be-ginnenden Erstarrung. Wie aus weiter Ferne hörte siedie Glocke, und es schien ihr als riefe Jemand: „Komm',komm', komm', komm!" Wer konnte sie rufen, wer ver-langte nach ihr, der Verstoßenen? Aber mächtiger undnäher tönte das „Komm, komm!" Und jetzt klang eSso süß, so feierlich, so dringend.
O, das war eine liebe Stimme; sie kannte sie, oftwar sie in ihr Herz gedrungen; sie begriff nicht, warumsie ihr nicht nachgegangen alle die Jahre. Und derWald tauchte vor ihr auf und das Kirchlrin ihrer Hei-math. Die Thüre war weit aufgcthan. Lichterglanzund Weihranchdust strömten aus dem Innern. Sie saßwieder auf einem Grabhügel, und da drinnen rief esnach ihr so sehnsüchtig und liebend. Jetzt kam die alte
Marianne leibhaftig zwischen den Gräbern daher, in dereneinen! sie doch langst schon schlief; sie nickte und winkteund zeigte auf die offene Thüre.
„O, ja, ich komme", sagte Magda für sich. Sieerhob sich. Nun erst gewahrte sie, daß sie auf denkalten Stufen gesessen, und das Gesicht verschwand. Aberdie Stimme tönte fort und fort über ihrem Haupte, undda stand sie auch vor einer großen, schweren Thüre, undalte Mütterchen, die sie aufmerksam anschauten, fingenhinein. Es war Magda, als wenn die Stimme mitWärurestrahlen in ihr Herz, in ihre Glieder dringe. Siefühlte sich durchschauert von sehnsüchtiger Wchmuth. O,wie wallte es auf in ihrer Brust, und aus dem Nacht-dunkel schwebte auf den Glockentönen näher und näherjenes süße Muttergottcs-Antlitz, das sie in ihren Kind»heitsträumsn schützend angeblickt; es neigte sich dicht andas ihrige, und ohne zn wissen, was sie that, zog sie dieMedaille hervor und preßte sie an ihre Lippen.
GrheiAnißvolles Wunder der Bekehrung einer Seeledurch die Einwirkung der Medaille von der unbeflecktenEmpfängniß!
Von der Höhe des Himmels hatte die Gottesmuttereinst das fromme Kind Magda ansersehen, und als siedurch ihr Erscheinen in dem geschwärzten Bilde, vorwelch:« die alte Magd betete, die Gluth einer heiligenSehnsucht in dem Herzen desselben entzündete, da sagteihr liebevoller Blick: „Du wirst mein eigen sein!" DieKurzsichtigkeit der Eltern verhinderte den geraden Gnaden-weg, die Welt und die Lust und die Lüge überschattetenihr Herz. Aber durch die Hand deS alten Priestershatte die allerseligste Jungfrau mit der Medaille denEigenthnwsstempel auf diese Seele gedrückt, und dastreueste Mutterange folgte ihr auf allen Irrwegen. GottesWeisheit bediente sich derselben, um sie endlich in diehimmlische Heimath zu geleiten. Verstoßen und verlassen,arm und krank zum Tode, sollte sie in der ewigen Liebevollkommene Gcnesung finden. „O, Maria, ohne Sün-den empfangen, bitte für uns!"
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Von A. v. C.
(Nachdnit virbole».)
Wenn ich in Gedanken meine Neise-Erlcbnisse auf-frische, so nimmt das schöne, rcichgesegnete Ungirn k nienuntergeordneten Platz ein. In mehrjährigem Aufenthaltelernte ich sowohl das Leben auf dem Lande, als in derStadt keimen und will es nun versuchen, meine ge-ehrten Leser mit diesen Erinnerungen bekannt zu machen.
Als ich bei Gelegenheit der eisten Reise nach Ungarn die schöne Kaiscrstadt Wien zum ersten Mal sah, verfehltesie nicht, einen großartigen Eindruck auf mich zu machen,doch nur von kurzer Dauer war mein damaliger Auf-enthalt, mein Reiseziel war in der Gegend von Stuhl-wcißenbnrg, cmch Alba genannt. Ueber Prcßburg undNaab ging es nach dieser ältesten Krönungsstadt derArpaden, welche am Abhänge des Bakony Waldes liegt.Ich erinnere mich, daß mährend dieser Fahrt insbesonderedir weidenden Rinder mit ihren großen Hörnern unddie Maisselder meine Ansmcrlsamkcit aus sich lenkten.In Stuhlweißenbnrg wurde ich empfangen, und dannging es per Wagen nach der Pußta (xnsLber). Auf derLandstraße fuhren wir immer in einer Staubwolke, undmeine beinahe ängstliche Frage, ob denn das immer so