Ausgabe 
(6.11.1896) 92
Seite
710
 
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fei, erregte große Heiterkeit; ich wurde später noch oft

damit geneckt. Ueberhaupt war auf der Pußta S.

ein recht gemüthliches Zusammenleben, wie es auchwünscheuswerth ist, wenn ein kleiner Kreis von Men-schen ausschließlich auf sich angewiesen ist und nur anden festgesetzten Gesellschaftstagen sich ein benachbarterGutsherr oder Pächter, der Geistliche des NächstliegendenOrteS oder ein Osficier einsinket, welchen der Dienstjahrelang an einem abgelegenen Orte festhält.

Noch sehe ich das Herrenhaus mit dem Ziergartenvor mir, umgeben von den bescheidenen Wohnungen derZugehörigen und den großen Oekonomiegebäuden. DerNutzgarten hatte auch viele Maulbeerbäume, doch wäh-rend die veredelte Maulbeere als beliebtes Dessert galt,wurden die anderen Arten gar wenig beachtet das FederVieh machte sich das zu Nutzen. Doch sind gerade dieBlätter des weißen Maulbrrrbaumes das Futter derSeidenraupe. Je nach der Farbe der Frucht unter-scheidet man zwei Arten des Baumes, den schwarzen undweißen.

In ziemlich weitem Umkreise konnte man die soge-nanntenTristen* sehen, denn es ist nicht möglich, allesStroh unter Dach und Fach zu bringen. Diese maleri-schen Derschanzmigcn mußten manchmal bei heiterenSpielen der Jngend herhalten. In einer Einfriedungwaren mitunter 3040 Fohlen, der Stolz des Csikos.Weit und breit wechselten wogende Aehrenfelder mit un-geheuren Maisfeldern und Weideplätzen, dann kamenwieder endlos sich ausdehnende Akazien-Alleen. Hierdarf man sich aber nicht die Kugel-Akazie vorstellen,welche sich bei uns zuweilen als Zierde öffentlicher Plätzefindet; das waren herrliche, weitverzweigte Bäume, welchestolz zum Himmel ragten und zur Zeit der Blüthe herr-liche Düfte entsandten. Weit und breit sah man keinemenschliche Wohnung, dafür gewahrte man da weidendesRindvieh, dort eine Hcerde Schafe und dann wiederSchweine mit ihren Hirten. Unter diesen gibt es eineArt Kasten-Einthcilung. Der Schweinehirt steht auf deruntersten Stufe, dann folgen Rinder- und Schafhirt,obenan steht der Csikos, der kühne Nosscbändiger undNossedicb, dieser echte Sohn der Pußta.

Was der Ungar im eigentlichen Sinne des Wortesunter Pußta versteht, ist bekanntlich die weit«rsgedehnte,öde, wasserarme Fläche, welche mit brauner Heide über-kleidet und baumlos ist. Diese wird manchmal durchZiehbrunnen und die Tanja unterbrochen; in der letztemfinden die Hirten ihre Verpflegung, und das Leben undTreiben daselbst gestaltet sich oft zu einem recht fröh-lichen.

Pußta, im Sinne von Eirrschicht, nennt man aberauch ein einzeln stehendes Haus mit den dazu gehörigenOekonomiegebäuden. Die Pußta, welche ich damals be-wohnte, war eine Stunde von der nächsten Ortschaftentfernt, nach Stuhlweißenburg kamen wir auch öfters.Einmal wurde eine Partie an den Plattensee gemacht,welcher uns schon so oft herrliche Fische gespendet hatte.Der so beliebteFogasch" findet sich meines Wissensnur in diesem See. Auf die Tafelfreuden wird über-haupt in Ungarn großer Werth gelegt, hauptsächlich spieltder Truthahn eine Rolle und die Paprikahühner, so ge-nannt, weil bei der Zubereitung dieses so beliebte Ge-würz nicht gespart wird. Ganz neu waren mir die ver-schiedenen Strudel, als Krautstrudcl, Kartoffelstrudel rc.Daß es natürlich nicht an auserlesenen Weinen fehlt und

zu seiner Zeit der Nachtisch die edelsten Trauben, Zucker-und Wasser-Melonen und andere Früchte ausweist, istselbstverständlich, ober doch möchte ich schon einmalbeim Kapitel der Mahlzeiten noch ein paar unga-rische Lieblingsgerichte erwähnen, welche uns nicht be-kannt waren. Der junge zarte Mais, in Ungarn auchKukuruz genannt, wird nämlich in Salzwasser gekochtund als Delikatesse gegessen, ebenso kamen die Schweif-chen der Lämmer gEackeu auf den Tisch, und auch dieAkrzienblüthe wurde in Brandteig getunkt und gebacken.Wie überall, so wurden auch hier die Gaben der ver-schiedenen Jahreszeiten freudig in Empfang genommen,aber auch die Zeiten selbst hatten ihren Reiz. Wieschön war nur das Erwachen der Natur auf dem Lande,wie entzückend Ssatengrün und Lrrchenjubel, mit einemWorte, alles was zum Gefolge des Frühlings gehört.Sogar die eine Zeit lang währenden allabendlichenFroschconccrte gehörten in den Rahmen dieses landschaft-lichen Bildes.

Mit Vorliebe besuchte ich im Sommer die Schnit-ter, nachdem ich mich das erste Mal durch eine Geld-spende losgekauft hatte, denn es ist Sitte, daß manmittels Aehren gebunden wird. Aehulich ist es auch beider Schafschur; ehe man sich's versieht, hat man einenStrick an den Händen, doch ich gab dem muntern Völk-chen gerne. Die abendlichen Gesänge der Schnitter hörteich mit Freuden, die ungarischen Volkslieder haben über-haupt ihren eigenthümlichen Reiz. Da und dort ist eSSitte, daß wenn die Ernte vorüber die Schnitterdem Hrrrenhause eine Art Ovation darbringen. Dawerden dann Aehren und Blumen zu Kronen undKränzen gewunden und der Herrin überreicht. Hieranschließt sich eine kleine Festlichkeit für die Schnitter. Beidiesen und ähnlichen Vsanlassungen, namentlich bei Hoch-Zeiten, hat man so recht Gelegenheit, das muntere Trei-ben des Volkes zu beobachten, namentlich wenn es sichmit voller Lust dem beliebten Nationaltanz (Lsarclao)hingibt. Ich habe denselben übrigens auch in seinerGesellschaft, bei Gelegenheit eines Hausballes, tanzensehen und in diesen Kreisen die gleiche Begeisterung da-für gefunden.

Wenn die reiche Gottesgabe in diesem gesegnetenLande eingebracht ist, dann sieht man überall die Dresch-maschinen in vollster Thätigkeit. Die reiche Obsternteund die Weinlese bringen später neue Freuden, auch dieemsigen Bienen haben reichen Vorrath gesammelt. Ingroßen Weinbergen finden Festlichkeiten mit Tanz statt,nicht selten wird auch ein Feuerwerk abgebrannt.

Hier möge auch eine Bemerkung über ungarischeGastfreundschaft gestattet sein. Sie ist sehr ausgedehnt,und es wurde mir gesagt, daß sich auch der ärmsteMann im vorkommenden Falle derselben nicht entziehtund eher noch die letzten Bissen theilen würde. Auchauf der Pußta wurden die Gesellschaftstage eingehalten.Zur schönen Jahreszeit machte man nicht selten Gesell-schaftsspiele im Freien, wie Kegelspiel und andere, imWinter wurde Musik getrieben, einmal auch die Kinder-stnfonie von Haydn aufgeführt. Die Hauptanziehmigs-kraft übte aber immerhin der Spieltisch aus, namentlichin Herrenkreisen. Die Jngend suchte an frostigen Winter-tagen gerne den nahegelegenen Weiher auf, um sich beifröhlichem Schlittschuhlauf gesunde Bewegung zu machen.Ich erinnere mich noch gerne der beiden Winter, welcheich auf der Pußta verlebte. Selbst St. Nikolaus fand