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1896 .
„Augsburgrr Postxeitung".
Dinstag, den 10. November
Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg .
Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas <L Trabherr in Augsburg (Borbefitzer Dr. Max Huttler ).
Im fremden Lande!
Erzählung von C. Borges.
^Nachdruck verboten.)
I.
Es war ein sonniger, wolkenloser Junitag. Dertiefblaue Himmel war so rein und klar, wie ihn dieMaler gern zu ihren künstlerischen Schöpfungen oder dieDichter zu ihren poetischen Erzeugnissen wählen. Dieheißen Sonnenstrahlen hatten noch nicht vermocht, daszarte Grün der Felder und Wiesen mit einem gelblichenHauch zu verderben oder das junge Laub der Bäume,Sträucher und Hecken mit jenem dichten staubigen Schleierzu überziehen, der der ganzen Natur schon wenige Wochenspäter ein müdes, schlaffes Ansehen verleiht.
Unter einer alten, breitästigen Eiche stand eine inden mittleren Jahren befindliche, aber dennoch anmuthigeund stolze Dame. Die Augen mit der Hand beschattend,schaute sie, in Träumen und Sinnen verloren, in diepurpurglühenden Abendwolken, hinter welchen die Sonnesank. Der Abendwind streifte leicht über die Spitzendes Grases, welches in üppiger Fülle leicht den Bodenbedeckte; leise rauschend und flüsternd neigten sich dieGipfel der Bäume, und dazwischen klang das Rollen undBrausen der nahen See, deren weiße Schaumkämme inder Ferne auftauchten.
Hunderte von glänzenden Insekten durchschwirrtensummend die Luft, die jetzt, nachdem die Sonne hinterden Wolken verschwunden, merklich kühler wurde, undleicht fröstelnd hüllte sich die Dame unter der alten Eichefester in ihren Shawl. der nur lose über ihre Schulternhing. Ein stolzer Pfau spazierte gravitätisch auf derweichen Rasenfläche auf und ab, sein schillerndes Raderschien fabelhaft schön in der rosigen Abendbeleuchtung,doch als die Dame keinen Blick für ihn hatte, wandteer sich langsamen und gemessenen Schrittes dem Hühner-hofe zu.
Ein glückliches Lächeln erhellte jetzt das Antlitz dereinsamen Dame, und sicherlich konnte Frau von Born-feld wohl zufrieden sein, für ihr morgen stattfindendesSommerfest so günstiges Wetter zu haben. Die Fest-lichkeit sollte etwa zwei Stunden von ihrem Landaufent-halte, dicht am Waldessaum in einer Oberförsterei, ver-anstaltet werden. Zwei ihrer Dienerinnen, das Haus-mädchen und ihre gewandte Zofe, sollten früh am Morgendes nächsten Tages hinüberfahren, um dort im Forst-hause alle Vorbereitungen zum Empfang der Gäste zu
treffen. War doch dieses Sommerfest die einzige Fest-lichkeit, die Frau von Bornfeld sich im ganzen Jahregestattete, daher sollte sie auch glänzend veranstaltet undnichts dabei gespart werden.
Die Gesellschaft bestand gerade aus vierzehn Per-sonen, und die mit drei heirathsfähigen Töchtern geseg-nete Wittwe versprach sich viel von derselben. Der junge,reiche Gutsnachbar, Herr Wilmer, hatte ihrer ältestenTochter Georgine häufig kleine Aufmerksamkeiten erwiesen,die dem scharfen Blick der Mutter nicht entgangen waren;wo fand sich nun wohl eine bessere Gelegenheit für diejungen Leutchen, sich zu nähern, als bei einem Sommer-fest im Walde? Unter dem Schatten der mächtigen,uralten Eichen war der beste Platz in der ganzen Welt,wo junge Herzen sich erschließen und finden konnten.
Als aber Frau von Bornfeld am nächsten Morgenim Frühstückszimmer erschien, war sie nicht wenig er-schrocken, ihre gewandte Zofe, Lydia, mit einem dick ge-schwollenen Gesicht zu sehen. Wenn sie auch die körper-> lichen Schmerzen ihrer Dienerin wenig achtete, so war^ deren Antlitz doch so arg entstellt, daß sie unter keinerBedingung ihren Gästen diesen Anblick zumuthen mochte.Was war da zu thun? Frau von Bornfeld lebte keines-wegs in so sehr glänzenden Verhältnissen; außer denbeiden Dienerinnen hatte sie nur noch eine alte praktischeKöchin, die sich aber durchaus nicht zur Bedienung derGäste eignete. Dann mußte diese auch nothgedrungenim Hause zurückbleiben, um eilig ein feines Abendessenzu bereiten, falls, wie die glückliche Mutter zuversichtlicherwartete, Herr Wilmer mit ihrer Tochter als Braut-paar heimkehrte.
„Emilie ist sehr geschickt und flink, sie wird mitder Bedienung bei Tisch gut allein fertig", schlug Lydiavor, die selbst über ihr geschwollenes Gesicht sehr be-kümmert war und sich auf diesen Tag im Walde nichtwenig gefreut hatte.
„Das wäre schon gut", seufzte die Wittwe, „aberwer soll jetzt mit Emilie hinausfahren? Es ist die höchsteZeit, daß sie hinfährt, denn sie darf keine Minute ver-lieren, um zur rechten Zeit fertig zu werden. Aber siekann ohne Hilfe die vielen Vorbereitungen im Förster-hause nicht allein schaffen, und es ist viel zu spät, uman fremde Hilfe zu denken."
Plötzlich schien ihr ein glücklicher Gedanke zu kom-men, denn die Falten ihrer Stirn verzogen sich, und einLächeln umspielte die scharfgeschnittenen Mundwinkel.