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Mit fliegender Hast eilte sie die Treppen hinan, erst imobersten Stockwerk vor einem kleinen MansardenzimmerHalt machend. Hier war das Arbeitszimmer, in demsämmtliche Costüme ihrer Töchter nnd ihre eigenen ver-fertigt wurden. Nicht von bezahlten Händen einer Schnei-derin, von den geschickten und fleißigen Fingern einer„armen Verwandten", die Frau von Bornfeld „aus Mit-leid" in ihr Haus aufgenommen hatte.
War es wirklich nur Mitleid? Rosalie von Born-feld legte sich diese Frage wohl täglich — so oft siedaran erinnert wurde — vor, aber jedesmal schütteltesie das müde Haupt — und mit bleichen, eingesunkenenWangen und thränenfeuchten Augen nahm sie dann ihreArbeit wieder auf. So lange der Onkel noch lebte, wardas Loos der armen kleinen Waise noch erträglich ge-wesen, denn er schickte das zwölfjährige Mädchen in einegute Pensionsanstalt, besuchte sie dort von Zeit zu Zeitund gab ihr, wonach sich ihr gutes Herz sehnte, väter-liche Liebe. Aber als vor drei Jahren der Onkel plötz-lich starb, änderte sich die Sachlage für die arme Waise.Die Wittwe erklärte, den Pensionspreis für Rosalie nichtmehr bezahlen zu können oder zu wollen, sie sei alt ge-nug, um sich selbstständig ihr Brod in der Welt zu ver-dienen. Aber die Penstonsvorsteherin hatte das Kindlieb gewonnen, sie behielt ihren Zögling unentgeltlichnoch ein Jahr, bis das Lehrerinnenexamen gemacht war,und half ihr dann zu einer Stellung als Gouvernantebei einer reichbegüterten Familie.
Die arme, junge Erzieherin! Sie war so kleinund schwächlich, daß sie mit ihren achtzehn Jahren selbstnoch wie ein Kind aussah. Sie war talentvoll undstrebsam, leider mangelte ihr aber gänzlich die Aufrecht-haltung der Disciplin ihrer zwölfjährigen Schülerin gegen-über, und nach kaum sechs Monaten sah sie sich vonihrer Stellung entlassen. Die Pensionsvorsteherin nahmsie nun selbst in ihr Haus, um die jüngeren Zöglingezu unterrichten, aber hier ging's nicht besser, Rosaliewar selbst noch zu sehr Kind und konnte sich keine Au-torität verschaffen, und schon nach wenigen Monatenmußte sie das Anerbieten ihrer Tante annehmen, in derenHause sie jetzt Aufnahme fand.
„Bleibe dort, bis Du ein wenig älter gewordenbist", hatte ihre mütterliche Freundin beim Abschiedtröstend gesagt, „Du weißt, Rosa, Du siehst noch allzukindlich aus. Ein Jeder, der Dich nicht kennt, hält Dichkaum für fünfzehn Jahre alt."
Das war vor einem Jahre geschehen. Rosalie hatteim Hause ihrer Tante ein Heim gefunden, aber es warfür die arme Waise eine harte, traurige Zeit gewesen.Vom frühen Morgen bis zum späten Abend hatte sieeinen Tag wie den andern ununterbrochen in der kleinenMansarde gesessen und die Garderobe ihrer glücklicherenCousinen gemacbt. Sie hatte rastlos gearbeitet wie eineMagd für tägliches, kärgliches Brod und dabei täglichanhören müssen, daß sie nur „aus Mitleid" im Hausegeduldet wurde. Es war kein Pfennig in ihrer Tasche,sie hatte kein freundliches Wort von ihrer Tante nochihren drei Cousinen gehört.
Schnell entschlossen trat jetzt Frau von Bornfeldbei ihrer armen Nichte ein und befahl ihr kurz undbündig, sogleich mit dem Hausmädchen hinauszufahren,um im Forsthause an den Vorbereitungen zu der Fest-lichkeit zu helfen.
„Natürlich hilfst Du nur, ehe die Gäste erscheinen,
die Bedienung bei Tisch übernimmt Emilie allein", sagtedie Wittwe in ihrer hochmüthigen, herben Weise. „Duhältst Dich dann später in dem Hintergrund und kannstDich im Walde aufhalten, bis wir Deiner bedürfen."
Die arme Rosalie I Diese Demüthigung erschienihr unerträglich. Sie bat, flehte, von dieser Aufgabebefreit zu werden, ihre Tante war jedoch unerbittlich.
„Du solltest dankbar für dieses Vergnügen sein",fuhr die Tante entrüstet fort. „Im Walde ist's umdiese Jahreszeit jetzt ganz herrlich, und es wird Dirschon gut dort gefallen. So — nur schnell — Emiliewartet bereits auf Dich, thue nur ganz, wie sie sagt,sie hat die nöthigen Anweisungen."
Es blieb kein Ausweg. Mit Thränen in den Augenhalf sie Emilie, die hurtig und geschmackvoll die großeVeranda vor dem Forsthause in einen feenhaften Blumen-garten verwandelte und die Tische für die Gäste bereitete.
»Ist Frau von Bornfeld schon hier?"
Bei dieser unerwarteten Frage sah die arme Rosaerschreckt auf und sah vor sich einen jungen, breit-schulterigen Herrn stehen, der gewiß schon lange demTreiben auf der Veranda zugeschaut hatte und jetzt dieseFrage an die fleißigen Mädchen richtete. Es war derreiche Gutsbesitzer Wilmer. Er hatte sein Pferd an einenBaum gebunden und war unbemerkt dem Forsthause zu-geschritten.
„Meine Tante wird gleich hier sein", versetzte Rosaverlegen, „es ist Alles zum Empfang der Gäste bereit."
„Sind Sie eine Verwandte von Frau von Bornfeld?"
»Ich heiße auch Bornfeld", stammelte das jnngeMädchen.
„Sie sind gewiß zum Sommerfest gekommen", meinteer lächelnd und wunderte sich im Stillen, daß das jungeMädchen nur ein schlichtes, abgetragenes Wollkleid trug,und daß die Tante ihr zu diesem Tage kein neues Kleidangeschafft habe.
„O nein, ich wohne immer bet ihr."
„Aber ich sah Sie dort niemals", beharrte er weiter.
„Ich bin sehr beschäftigt. O, dort kommen dieWagen schon!" fuhr sie erschreckt fort, als in der Ferneeine Staubwolke sichtbar wurde. „Bitte, Herr Wilmer,bleiben Sie nicht hier, meine Tante möchte eS nicht gernesehen, wenn Sie bei mir sind."
Herr Wilmer war zu sehr Gentleman, um das jungeMädchen in diese Verlegenheit zu bringen, daher wandteer sich um, ihr noch die Worte zurufend: „Wir sehenuns beim Essen wieder."
Etwas entfernt von der Veranda stand Emilie, dasHausmädchen. Herr Wilmer kannte sie, und rasch aufsie zutretend, fragte er im Flüstertöne: „Wer ist diejunge Dame dort?"
„Sie ist die Nichte meiner Herrin, und das Blutkocht in meinen Adern, wenn ich ruhig mit ansehenmuß, wie schändlich das arme Ding behandelt wird",gab sie ebenso leise zurück. „Sie wird nur aus Mitleidim Hause gehalten, aber sie arbeitet unverdrossen fürdas tägliche Brod. Keine Magd würde sich das gefallenlassen, was dem armen Fräulein Rosa aufgebürdet wird!Man hat sie hierher gesandt, um mir zu helfen, obgleichsie viel besser ist. wie alle ihre Cousinen."
»Ist Fräulein Georgine nicht freundlich gegen diearme Cousine?"
Emilie zuckte verächtlich die Schultern. „Sie be-handelt sie wie eine Sklavin", gab sie bitter zurück, „ich