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wollte lieber die allergeringste Stellung in der Welt ein-nehmen, als dort im Hause eine arme Verwandte zu sein."
Herr Wilmer war nicht gerade verliebt in Georginevon Bornfeld, aber er war hoch in den Zwanzigern undzu dem Entschluß gekommen, möglichst bald zu heirathen.Georgine schien ihm eine praktische Hausfrau; ihr freies,offenes Wesen gefiel ihm, sie war gastfrei und mitleidiggegen Arme, und so glaubte er, mit ihr vereint glücklichdurch dieses Erdenleben zu Pilgern. Ja, er war sogarentschlossen, das bindende Wort noch heute bei dieserFestlichkeit von ihren eigenen Lippen zu hören, aber dieWorte der Dienerin machten ihn stutzig und gaben ihmzu denken. Nicht, daß er auf ein müßiges Geschwätzder Dienstboten irgend welches Gewicht legte, aber daskummervolle, bleiche Gesichtcken der armen Verwandten,das schlechte, abgetragene Kleid zeugten gegen die Fa-milie von Bornfeld. Er war ein häufiger Gast in demHause der Wittwe, hatte aber noch niemals die armeVerwandte gesehen, das war ein neuer Beweis einer un-gehörigen Zurücksetzung.
Aber Herr Wilmer war ein kluger Weltmann, derseine Gefühle geschickt zu verbergen verstand. Mit aus-gesuchter Höflichkeit begrüßte er seineWirthin, ohne den Eindruck werken zulassen, den er soeben empfangen hatte.
Frau von Bornfeld strahlte vor Freude,als sie ihn sah, besonders als sie dasliebliche Eriöthen ihrer Tochter Georginebeobachtete, die ihn geschickt an ih>eSeite zu fesseln verstand.
Lachend, scherzend und plauderndsetzte man sich zu Tisch; eine ältereDame ließ wohlgefällig ihre Blicke üverdie reichbesetzte Tafel schweifen, dannerbleichte sie jäh und stieß den heiserenSchreckensruf aus: „Ach, wir sinddreizehn!*
Man scherzte belustigt über die Angstund den Aberglauben der alten Dame;ein Jeder wußte von Beispielen zu er-zählen, wo diese gefürchtete Zahl Tisch-genossen vereint beim fröhlichen Mahlebeisammen gewesen, ohne daß ein Unglück eingetretensei. Herr Wilmer schlug vor, sich getrennt von der Gesell-schaft an ein Seitentisckchen allein setzen zu wollen, dochGeorgine widersetzte sich diesem Plane ganz energisch, denn !sie hielt ihn heute für ihr ganz spezielles Eigenthum. !Daher flüsterte sie ganz leise ihrer Mutter ins Ohr:
„Rosalie muß sich mit zu Tische setzen Du siehst,es ist keine andere Hilfe!"
Die arme Verwandte weigerte sich, aber ihre Wünscheblieben unberücksichtigt. Am Ende der Tafel wurde ihrder Platz angewiesen, und mit verschleierten Blickenschaute sie auf ihr dunkles Kleid herab, das einen schreien-den Kontrast zu den duftigen, reich mit Spitzen garnirtenSommerkleidern der anderen jungen Damen bildete.
Eine der reichsten und schönsten Damen des Festeswar Comtesse Alice von Rohberg, eine Cousine des Guts-besitzers Wilmer. Diesem gelang es, der gefeierten Schön-heit einige Worte zuzuflüstern, worauf sich dieselbe vonihrem Cavalier am Ende der Tafel an Rosa's Seiteführen ließ. Sie nahm sich der armen Waise so freund-lich und liebevoll an, scherzte und plauderte mit ihr wiemit einer alten Bekannten, und achtete wenig der zür-
Cardinal Prinz Hohenlohe ch.
nenden Blicke, die die Wirthin vom andern Ende derTafel der kleinen heiteren Gruppe -»schleuderte. HerrWilmer wich nicht von Georginens Seite, und auch nachbeendetem Mahle, als sich die jungen Leute im Waldeamüstrten, während die älteren zu einer kurzen Siestasich ins Forsthaus zurückzogen, wäre er gern in ihrerNähe geblieben, um jetzt die verhängnißvolle Frage ansie zu richten, wenn die junge Comtesse ihn nicht durcheinen bezeichnenden Wink an ihre Seite gebannt hätte.
„RosalieI" rief jetzt die Tante in herrischem Ton,„komm' sofort her, ich bedarf Deiner Hilfe."
„Bitte, lassen Sie die Kleine bei mir", nahmComtesse Alice das Wort, „sie hat noch nie hier diesenWald gesehen, und ich möchte mit ihr jenen Hügel dortbesteigen, von dem man durch eine herrliche Aussichtreichlich belohnt wird. Roland", wandte sie sich dannan Herrn Wilmer, „leiste Du in unserer AbwesenheitFrau von Bornfeld Gesellschaft, wir werden uns nichtallzu lange entfernen."
Bereitwillig und als liebenswürdige Wirthin ver-zichtete Frau von Bornfeld auf die Hilfe ihrer Nichte,ganz besonders da Herr Wilmer sich von den Damentrennte und jetzt auf ihren WunschGeorgine aufsuchte. „Es ist besser so",dachte die Mutter und zog sich dannauch zu einem ruhigen Schlummer-stündchen in das Forsthaus zurück.
Herr Wilmer durchstreifte eine kurzeZeit allein den Wald, dann sah er diehellen Gewänder der jungen Damendurch das dunkle Waldesgrün schim-mern, hörte ihr silberhelles Lachen, diewitzigen Scherzworte der sie umgebendenHerren, und als er, selbst unbemerkt,sah, daß Georgine den Mittelpunkt dieserkleinen Gruppe bildete, zog er sich schnellzurück, um von der anderen Seite denHügel zu besteigen, auf dem er seineCousine mit der armen Rosalie wußte.
Ein ganz unerwarteter Anblick botsich auf der Spitze des Hügels seinenBlicken dar. In seiner malerischen Trachtstand ein junges Zigeunermädchen den beiden Damenschweigend gegenüber. Jetzt nahm es die Hand der jungenComtesse und schaute prüfend hinein.
„Da komme ich gerade zur rechten Zeit", scherzteHerr Wilmer, „läßt Du Dir die Zukunft vorhersagen,Alice? Ich hätte doch nicht gedacht, daß Du an solchenUnsinn glaubst."
Die junge Zigeunerin warf dem Störenfried einenzürnenden Blick zu, doch ließ sie sich in ihren Beob-achtungen der Handlinien nicht stören.
„Sie haben anstatt Gold und Reichthum Liebe ge-wählt", sagte sie in ihrer weichen, melodischen Stimme,die nur den südländischen Zigeunern eigen ist, „Siewerden niemals Ihre Wahl bereuen, denn das Herz,dem Sie vertrauen, ist treu wie Gold."
(Fortsetzung folgt.)
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Goldkörner.
Ehrlich ist ein hohes Wort und bedeutet sehr viel. vielmehr, als die Meisten gewöhnlich dareinlegen. Arndt.
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