Ausgabe 
(13.11.1896) 94
Seite
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umgekehrt die Materie die Vernunft, das Gemüth, dasHerz beherrscht. Und so kann es sich als wahr ergeben,was Rousseau und seine Gesinnungsgenossen schon vor einemJahrhundert verkündet haben:Das menschliche Geschlechthat durch die Kultur mehr verloren, als es gewonnen hat,und was wir Fortschritt nennen, ist eigentlich unsermoralischer Untergang."

Die Wissenschaft an sich ist nicht fähig, den gesell-schaftlichen Wohlstand zu sichern und zu erhalten; zurSicherung, zur Erhaltung dieses Wohlstandes ist die Mit-wirkung aller, oder zumindest der großen Mehrheit, noth-wendig. Es ist wahr, daß Verstand und Vernunft dasgemeinsame Eigenthum und der gemeinsame Schatz derganzen Menschheit sind; es ist aber auch wahr, daß heutenicht mehr jedermann die Früchte der Wissenschaft ins-besondere von deren heute schon so hohem und weitver-zweigtem Baume pflücken kann. Ich spreche nicht vonder Allgemeinheit der Wissenschaft, denn diese besitzt keinMensch in der ganzen Welt, sondern ich meine die einzelnenZweige der Wissenschaft, welche ebenfalls nur wenige er-reichen können, theils deßhalb, weil wir nach den Wortendes Evangeliums nicht gleichermaßen die Talente erhielten,theils deßhalb, weil wir mit Rücksicht auf unsere gesell-schaftlichen Verhältnisse unsere Zeit aus anderes verwendenmüssen. Der Gewerbetreibende, der den größten Theildes Tages in seinen Geschästslokalitäten oder in seinerWerlstätte zubringt, oder der Ackerbautreibende, der durchseine physische Kraft für uns das tägliche Brod beschafft,können sich nicht mit Wissenschaft besassen. Der großeKern der Menschheit war nie gelehrt, er ist es auch indem Zeitalter des heutigen staunenswerthen Fortschrittesnicht. Die Statistik nimmt die Zahl der auf Erdenlebenden Menschen auf sechzchnhundert Millionen au;supponiren wir, daß von diesen jeder hundertste Menschein Gelehrter ist, wenn er es ist! Neunundncunzig sindes nicht.

Vorausgesetzt, daß der größte Theil der Menschheitoder jedermann gelehrt wäre, oder sein könnte, bleibt nochimmer die Frage, ob die Wissenschaft zur Förderung desöffentlichen Wohlstandes genüge? Die traurigen Beispieleder Geschichte beweisen, daß Menschen von glänzendenFähigkeiten, aber düsterem Gemüthe wahrhaftige Geißelnfür die Gesellschaft waren. Die hohe Intelligenz undder materielle Fortschritt, welche wir in unseren Tagenso sehr anstreben und hinsichtlich welcher wir es zu einerhohen Stufe gebracht haben, besitzen wenig Werth, wennsie mit Vernachlässigung der Herzensbildung, ja sogarzum Nachtheile dieser erreicht werden.

Es wäre eine erschreckende und zur Verzweiflungbringende Erscheinung, wenn wir nach dem Beispieleeinzelner verschwundener Nationen in dem Maße, inwelchem wir materiell steigen, moralisch sinken würden.Wenn wir auch in moralischer Beziehung nur mit halbso viel Eifer gestrebt hätten, parallel mit der materiellenEntwicklung fortzuschreiten, würden auf dem Gebiete unseresgesellschaftlichen Lebens nicht so viel giftige Pflanzen wuchern,für welche es früher keinen Boden gegeben hat. Dermaterielle Fortschritt macht unser Leben wohl bequemerund genußreicher, er birgt aber auch zugleich die großeGefahr, daß "nahezu in jedermann unstillbares Verlangenerweckt wird. Daher kommt es, daß unserer Ansicht nachder Reichthum, den wir besitzen, ein geringer, die Größe,welche wir erreicht haben, eine niedrige, die Freiheit, inwelcher wir uns bewegen, eine beschränkte ist, und daß

wir nicht stufenweise, sondern rapid das Materielle an-streben, ohne hinsichtlich der Mittel wählerisch zn sein.

Wir blicken mit Bedauern und Theilnahme in dieVergangenheit, weil unsere Vorfahren die Vorzüge derGegenwart nicht gekannt und nicht genossen haben;deßbalb sind wir aber doch nicht zufrieden unsererAnsicht nach ist unsere Zeit auch heute noch arm, undin der Zukunft liegt alle Hoffnung. Und für diese ein-gebildeten. unübersehbaren, vielleicht unerreichbaren Genüsseund irdischen Güter werden nicht selten die unvergleichlichkostbareren moralischen Güter der Religion, des Gewissens,der Pflicht, das ist die Treue, das Vertrauen und dieFreiheit aufs Spiel gesetzt, wie dies schon Sallustiuserfahren hat:Ilbi äivitias oüarag stadoutur, ibioniML vilia ount: üägs xrostitas, xuäor, xuäioitia."

Nach Montesquieu ist die Basis des Staates dieTugend, ohne diese ist keine gemeinsame Thätigkeit derGeister, kein gemeinsames Fühlen der Herzen, nicht diezusammenhaltende Einheit der Gesellschaft denkbar, welchedie unüberwindliche Kraft der Nation, des Staates bildet.

DaS mächtige Gebäude der Kullur, welches Ver-minst, Fleiß, Geschicklichkeit und Kraft in so kurzer Zeitschufen, ist wohl eine ansehnliche und stolze Schöpfung,es wird aber nur dann bleibend und fest sein, wenn eSüber eine sichere Basis verfügt, wenn die Klammern starksind, welche seine Theile verbinden. Diese Basis: dieTugend, diese Klammern: die gegenseitige Liebe, Toleranz,Gehorsam, Wohlthätigkeit u. s. w., kann jedermann, gelehrtoder unwissend, arm oder reich, erwerben; ich sage nicht,daß er es leicht thun kann, denn da wäre es ja keinevirtus. Deßhalb leisten wir nach Epiktet dem Vater-lande nützlichere Dienste, wenn wir die Herzen seinerBürger veredeln, als wenn wir hohe Gebäude errichten,cZ ist vortheilhafter für das Vaterland, wenn große Seelenunter niederen Dächern wohnen, als wenn Sklavcnseelensich in hohen Gebäuden verbergen.

Die harmonische Bildung des Geistes und desHerzens ist der einzige Punkt, auf welchem das un-gestörte Gleichgewicht des Individuums wie der Gesellschaftruht. All unser Streben muß daher darauf gerichtet sein,daß die Mitglieder der Gesellschaft infolge der Bildungund Pflege der ihrer Stellung entsprechenden intellektuellenund moralischen Kräfte sich an eine lebenskräftige, geistigund moralisch zweckdienliche Thätigkeit Lcwöhnen unddurch einen edlen inneren Werth, sowie durch die hierausfließende edle Thätigkeit einer ernsten, nützlichen, heilsamenund ausdauernden Arbeitsamkeit fähig werden.

Die Gelteudmachung dieser Tendenz, welche die er-mulhigcnde Kraft unserer Zukunft, die mächtige Stützeunseres Bestandes und das sichere Unterpfand unseresBlühens und Gedeihens ist, möge, so wie sie es in derVergangenheit war, auch künftighin das Hauptbestrcbenund Hauptziel unserer Gesellschaft sein; das heißt, dieEntwicklung der Vernunft möge sich mit der Bildungdes Herzens derart vereinen, daß die zwei verschiedenenLichtstrahlen der Vernunft jener der natürlichen, wieauch der des Glaubens, das ist der übernatürlichen Vernunfteinander in einem Brennpunkte begegnen, und dieser Brenn-punkt sei der, welcher von sich sagte:Ich bin die Leuchteder Welt." Denn auch nach dem heiligen Thomas vonAquino :Die Wissenschaft Christi reißt die menschlicheWissenschaft nicht nieder, sondern erleuchtet sie."