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jetzt bereits, zur Mittagsstunde, ein dichter Nebel vor demheftigen Winde einher, und im Nn sind die Spitzen des„Kaiser " bedeckt. Wir beeilen daher unsern Abstieg undnehmen einen andern Weg, den zum Weitenbauerhinab und hinans durchs Kaiserthal. — Dieser Wegist nun viel bequemer und bietet herrliche Einblicke in dastiefgeschnittcne Thal, das gegen Osten sich immer mehrund mehr zuspitzt und im hintersten Winkel dann amFuße des Stripsensochs, überragt von den mächtigstenFelskolossen, das hochromantisch gelegene Hinterbären-bad, dessen weiß-rothe Fahne lustig im Winde flattert,wie auf dem Präsentirteller uns darbietet. Nur ein hoch-gemutstes, alpines Touristenherz ahnt und fühlt dieSchönheit der Berge, aus denen — ein gutes Wirths-haus steht. Ja, hieher sollen unsere modernen Künstlerkommen — die Armen! Und hier sollen sie ihre Studienmachen, nicht nach Marquartstcin fahren, um eineGans abzumalen (schon eine mit Federn!), wie vor einigenJahren geschehen, oder nach Kiefersfeld en, die aushochgespanntem Stricke ausgehängte Wäsche eistes Cement-arbeiters, umrahmt von den lieblichen Waldbergeu derKiefer und überragt vom majestätischen Brünnstein.
Der Weg von der Neapelbank zur Sparchen-Mühle hinab ist wohl Manchem schon in lebhafter Er-innerung geblieben, zumal denen, die in modern gelb-ledernen Stiefelchen dahin tänzeln und glauben, je leichterdas Schuhwerk und je dünner die Sohlen, desto bequemerdas Bergsteigen. Jetzt ist aber die höchste Zeit, dasWetter läßt sich nicht mehr aufhalten und wegdisputiren,und über dem „Bölf" bis hinüber zum „Pentling "und hinaus zum „Brünnstein" haben sich die dichten,schwarzen Wolken bereits in langen Fetzen hinunter aus-gefranst, und „unendlicher" Regen ergießt sich da drübenin dicken Fasern herab auf die sattgetränkte Erde. Ineinem solchen Falle nimmt man gern den kürzesten Weg,und wir eilen deshalb wieder an die Ueberfuhr nachKiefersfelden und dem Bahnhof zu, vor dem unsnoch ein Gewitter erreichen sollte, das sich — und unsgewaschen hat. Wer die Moden mitmacht, der muß auchdie Folgen davon mit in den Kauf nehmen, und nichtden ersteren sich ergeben und über die letzteren jammern.
Wir aber nehmen gleichwohl die großartigsten Ein-drücke mit von all der Herrlichkeit, die wir gesehen, unddie der Schöpfer so verschwenderisch in der Natur nieder-gelegt, uns zur Freude, sich aber zur Ehre. — VonKiefersfelden aber — und das darf nicht verschwiegenwerden — nahmen wir noch ein angenehmes Bild mitnach Hause, denn da der Zug uns noch 1 Stunde Auf-enthalt gewährte, traten wir in die behagliche Schenkstubeder „Marmorindustrie Kiefer ", woselbst bald daraufeine Anzahl Marmorarbeiter zur „Jause" sich vereinigte,lauter jugendlich frische Gestalten in weißen Kitteln undweißen Mützen. Wir können nicht den Ausdruck unseresErstaunens unterdrücken über den Anstand dieser Leute,denen, wie es scheint, yuasi eine Aufsichtsperson beigeselltwar, die mit einem kaum vernehmbaren „st" zwei vonihnen, die in eine etwas lebhaftere Convcrsation verfielen,sofort wieder zur vorigen ruhigen und doch heiteren Unter-haltung brachte. Respekt vor solchen Männern im Arbeits-kittel und Respekt vor einer Direktion, die es versteht,einen solchen Ton unter ihren Bediensteten einzuführenund zu erhalten! Wir haben sehr bedauert, daß der Zug unsnicht länger gestattete, diese jungen Arbeiter mit Wohlgefallenzu betrachten, aber vergessen werden wir dieses Bild nicht.
Kirche und Fortschritt.
Von Ccn'dincilpnaias Vaszary von Ungarn .
In der Weltgeschichte gibt es keine Epoche, welchedas Banner des „Fortschrittes" so hoch geschwungen,die Kräfte der Natur mittelst der durch die Forschungder Vernunft erreichten Erfindungen so sehr beherrschtund ausgenützt hätte, wie unser Zeitalter.
Heute lesen wir gleichsam zweifelnd, daß man denGelehrten, der dem König Ludwig XIV. von Frankreich einen Plan vorlegte, wie Schisse durch Dampfkraft inBewegung gesetzt werden können, für wahnsinnig erklärte,und daß der über sein Jahrhundert hinaussehende Mechanikervergessen, verlassen im Spitale verschieden ist.
Heutzutage kann ähnliches nicht mehr geschehen;werden doch selbst unglaublich scheinende — von derMenge mit spöttischem Lächeln aufgenommene — Er-findungen durch die Fachgelehrten sofort studirt, undhat sich früher alles stufenweise, langsam entwickelt, sowird heute die theoretische These durch Experimente praktischnachgewiesen, eilig vervollkommnet und zur Förderungunserer materiellen Verhältnisse ausgenützt.
Eine Verdächtigung, welche nicht verstummt, lautekdahin, daß das Christenthum, insbesondere aber derKatholizismus, ein natürlicher Feind des materiellenFortschrittes sei, weil die alten, unabänderlichen Dogmender Religion im Widersprüche ständen mit dem neuen,stets sich ändernden und mehrenden Fortschritt.
Gegenüber dieser Anklage erklären wir, daß wirden materiellen Fortschritt nicht nur nicht mißbilligen,sondern im Gegentheile billigen. Denn der materielle Auf-schwung ist eins Bedingung und ein Erfordernis dergeistigen Kultur; haben doch Wissenschaft, Kunst undIndustrie nur bei solchen Nationen geblüht und blühennur bei solchen Nationen, welche sich eines höherenmateriellen Wohlstandes erfreut haben und erfreuen. Wirbilligen ihn aber auch deßhalb, weil er der Triumph derVernunft über die Materie ist, der Triumph der Vernunftüber die Lenkung und Ausnutzung der unabänderlichenGesetze der Natnrkräfte. Wir billigen ihn schließlich, weilwir von Tag zu Tag die Worte der heiligen Schrift sicherfüllen sehen: „Gott hat dem Menschen Macht gegebenüber das, was über der Erde ist."
Wie sehr wir aber auch den Werth unseres materiellenFortschrittes würdigen, blicken wir dennoch mit Bangig-keit auf jene traurigen Erscheinungen, welche sich in Be-gleitung unseres Fortschrittes unseren Augen offenbaren,und unwillkürlich müssen wir die Frage auswerfen: obnur die Wissenschaft und unser materieller Fortschritt dieBasis ist, auf welcher unser öffentlicher Wohlstand rnhenkann?
Baron Joseph Eötvös erkannte mit seinem Scharf-blick die Bedenken erregende Schwäche unseres Fortschrittes,als er die treffenden Worte sprach: „Unsere Zeit be-trachtet sich ausschließlich als praktisch und verwendet ihreThätigkeit auf die materielle Kultur; das, was hiemitnicht in Verbindung steht, würdigt sie gar nicht ihrer Be-achtung." Und er hatte recht. Denn wir kümmern unsin der That außer dem materiellen Fortschritt sehr wenigum anderes, und so führt der Pfad, aus welchem wirvorwärts schreiten, bei all unserer Wissenschaft, bei allunserem materiellen Fortschritt nicht zum gesellschaftlichenWohlstände. Im Gegentheil, dieser Fortschritt kann denverkehrten und naturwidrigen Zustand hervorrufen, daßnicht die Vernunft die Materie sich dienstbar macht, sondern