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aber auch wir einmal, wenn auch ohne kühne Ausrüstung,die Sache näher besehen.
Wir verlassen in Kiefersfelden , verletzten Stationvor Kufsteiu, den Zug. Die Ucberfuhr ist bald erreichtund ebenso jenseits des Jnns die sogen. Gallas-Schanze,von der aus etwas östlich der Steig zur Vorderkaiser-fellenalpe empor führt. — Es ist früh Morgens, und„der Berglust" weht uns frisch entgegen. Thau liegtallenthalben auf Gras und Feldern, und das Kaiser -gebirge steht noch voll und ganz im Schatten, währenddrüben die westlich gelegenen Spitzen und Bergtriften be-reits in den goldenen Strahlen der Morgensonne schwimmen;die alte Beste Geroldseck leuchtet im Frühroth herüberund der Thierberg mit seinem kleinen Küchlein vonwaldiger Höhe — es ist ein herrlicher Morgen, undbalsamische, stärkende Düfte und Lüfte von den nahenTannen her umwehen uns. Es geht frisch voran.Tannen, Birken, Buchen,
Schatten, Vogelfang,
Thau aus Gras und Blumen,Klosterglockenklang,
Mäher auf den Feldern,
Juchzer, Hüterbu' —
Alles winkt uns freudig„Guten Morgen" zu.
Hier ist der Platz, wo wir unser Befremden undunser Bedauern ausdrücken möchten darüber, daß so vieleSommergäste auf dem Lande die schönste Zeit, die er-frischendsten Stunden des Tages, den Morgen mit allseiner Pracht und seinen heilkräftigen Wirkungen nichtkennen, weil sie nicht ausstehen wollen und die dumpfenBauernstuben und die oft noch dazu sehr schlechten Bettenall dieser Schönheit vorziehen. Und wie weit sind wirschon gekommen und welch' erfrischende Morgenlüfte habenwir schon eingeathmct, während jene noch unter den schwerenFederbetten stöhnen. Begleitet von einer Bänrin im Arbeits-anzug, nämlich in großen, weiten Hosen, die die Mägdedort zu Land über ihre Röcke zur Feld- und Stallarbeitanlegen, biegen wir beim Haderbauer von der Straße abund nähern uns dem Berg, den wir trotz einiger Be-denken wohl zu bezwingen hoffen, „wenn amal a'n j'deKuah aufikimmt", wie uns ein Holzknecht beruhigendtröstete. Gleich am Fuß des Berges treten wir in Waldein und steigen auf schmalem Zickzaüweg steil empor, balddurch Tannen und Buchenholz, bald eine Wand um-gehend oder eine ausgetrocknete Wasscrrise querend, hieran Alpenrosen vorüber, dort über Stcinstufen und Holz-treppen empor, immer aber den kühlen Wald zur Seite,durch dessen Geäst: hindurch man stets weiter und weiterhinaus in's Land blicken kann auf die fernen Berge, dieweißen Dörfer, den glänzenden Jnnstrom, manchmalprächtig abgeschlossene Bilder, von grünem Laube um-rahmt. Um uns aber tiefe Stille; nur hie und da dasGekrächz eines aufgescheuchten Hähers, das Picken einesSp?chts am hohen Stamme. Weithin hallt unser Berg-stock auf felsigem Grund, und aus ferner Tiefe herauf er-schallt das Glöcklein von Ebbs : es ruft zum Gottes-dienst.
Der Pfad wird immer steiler, die Durchsichten ausdem Laub- und Nadclwerk immer umfassender, die Fels-partien immer schroffer, die Gräben immer tiefer, dieWindungen um die Steinkcgel immer enger, die Abstürzeam Steig immer jäher — es ist ein beschwerlicher zwar,doch just nicht gefährlicher Weg, von dem wir aber immer-hin behaupten möchten, man muß schon einige Vorübungenim Bergsteigen gemacht haben, um hier „einzusetzen".
Wenn wir den einundcinhalbstündigen Marsch zurückgelegthaben und aufderVorderkaiseralpe angelangt sind, sosind wir von dem Anstiegspunkt weder nach rechts noch nachlinks abgewichen und oben auf derselben Linie angekommen,auf der wir unten abgegangen, woraus sich von selbst er-gibt, daß der Weg sehr steil angelegt ist. Vorderkai fer-se llen ist erst berühmt geworden, seitdem ein Unterkunfts-haus mit Sommerbewirthschastung von der Alpenvereins-sektion Kufsteiu dort eröffnet worden, ein Gasthaus, daseiner Rast werth ist. Eine weite Aussicht auf das ferneJnnthal eröffnet sich unsern erstaunten Blicken: tief zuunsern Füßen zwischen zwei nahe zusammengeschobenenfinsteren Waldhöhcn leuchtet die „alte Kufsteiu", vongrellen Sonnenstrahlen umgössen, herauf, und dieKarthannenvon Geroldseck dröhnen an den Wänden der Berge hinwie zur Zeit Kaiser Maximilians, des „letzten Ritters",aber heute nicht zum blutigen Streit, sondern zu einemfriedlichen und lieblichen Feste, denn soeben zieht untender Cardinal Fürst-Erzbischof von Salzburg in ihre Mauernein — es ist heute FirmungStag. Von Kufstein hinaufverfolgen wir den mächtigen Jnnstrom, der als sonnen»beglänztes Band sich in graziösen Linien durch die mächtigen,zu beiden Seiten aufragenden Berge hindurchwindet, undgewaltige Schneeriesen, mit der beeisten Löffelspitze alsHauptpunkt, schließen das herrliche Bild ab.
Aber noch harrt die Naunspitzc unser, und nacheingenommenem Frühstück beginnen wir wieder die ^ stän-dige Wanderung, deren Weg übrigens besser markirt ist,wie der bisherige, der noch auf eine mitleidige Menschen-hand wartet. Die Naunspitzc ist die westlichste Spitzedes HintcrkaiserstockeS und von Norden aus, etwavon Niederndarf oder Ebbs , geradezu wie eine senk-recht aufstrebende Fclsennadel anzusehen, die auch von derSüdseite aus nicht ohne Schwierigkeit zu erreichen ist,da sie auch hier steil und felsig an einzelnen Partien ge-radezu zum „Kraxeln" herausfordert, waS besonders beimRückweg nicht gemüthlich ist. Eine kleine Gesellschaft, dieuns so die Felsen herabklettcrn sah, hat auch in Folgedessen den Vormarsch aufgegeben. Die Spitze bietet fürnur ganz wenige Personen Raum zum Stehen, und vonhier aus bekamen wir nun eine bescheidene Einsicht in dieZerrissenheit und Zerklüftung des Kaiscrgebirges. Schwindel-erregend schießt die Nadel nach Norden in einen unermeß-lichen Abgrund ab, und nur am Boden liegend werdendie meisten der Besteiger in die schauerliche Tiefe einenBlick zu werfen wagen, besonders wenn ein so heftigerWind weht, wie heute. Und das ist erst der „Zahme"Kaiser; der Rennplatz aber für die sogenannten Bergfexen,für die modernen Herren „Thoristen", der „Wilde" Kaiser,der in gigantischen, hinnnclanstrebendenFclsgcbildenherüber-starrt, ist noch weit halsbrecherischer als dieser, aber des-halb eben von der Mode ausgesucht, der so Wenige wider-stehen können und so Viele zum Opfer fallen.
Nachdem die Hauptstrapazen überstanden, in einemguten Untcrknnftshaiife ein gutes Mittagsmahl einnehmen,das ist köstlich, und bei gut österreichisch gekochtem Gulasch— gar so fett braucht es indessen nicht zu sein — undeinem Schoppen reinen Tirolers vom Vorder kaiser-fe llen Hanse aus in die zerklüfteten und zerrissenen Kämmedes „Wilden Kaiser " hineinsehen und dabei die Naun-spitzc behaglich verdauen, das ist ein Genuß! — Allemda das Wetter heurigen Jahres charaktervoll constant bleibtund nach 6 oder längstens 12 Stunden Erheiterung wiederseine alte mürrische Physiognomie annimmt, so treibt anch