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düng, und ich habe keinen Clienten, den ich höher achteals Robert Lambrecht."
Nosalte hatte den Worten des Notars aufmerksamgelauscht; der Name Lambrccht war ihr vollständig fremd,und sie wunderte sich im Stillen, in welcher Verbindungdieser Mann mit ihrem Schicksale stehen könne. Deralte Herr fuhr nach einer kurzen Pause sinnend fort:
„Vor einiger Zeit bekam ich einen Brief von ihm;er erkundigte sich nach Ihnen. Diesem Schreiben folgteein zweites und ein drittes, und schließlich läßt er Ihnendurch mich den Vorschlag machen, falls Sie bei IhrenVerwandten nicht glücklich sind, bei ihm die Leitungseines Hauses zu übernehmen. Er bietet Ihnen ein be-hagliches Leben und ein jährliches Gehalt von tausendMark.«
Rosalte sah ganz erstaunt, fast erschrocken auf.
„Ich verstehe gar nichts von der Haushaltung",gestand sie kleinlaut, „aber gewiß — ich würde mir diegrößte Mühe geben."
„Nun, wenn Sie auch die perfekteste Hausfrauwären, so würde Ihnen dort drüben Ihre Kunst garwenig nützen. ES ist eben dort eine ganz andere Lebens-weise, die Sie sich mit Leichtigkeit und gutem Willenbald aneignen werden. Herr Lambrecht muß auch be-denken, daß ein junges Mädchen von kaum zwanzigJahren nicht viel Erfahrung haben kann."
„Wie kam es nur, daß er an mich dachte?" fragteNosalte verwundert.
„Hml" machte der Notar nachdenklich, dann er-widerte er langsam: „Ich glaube zwar nicht, daß ichIhnen die Geschichte erzählen soll, aber es ist doch besser,wenn Sie die einfache, ungeschminkte Wahrheit wissen.Ihre Mutter, Annette Groben, war ein ungemein lieb-liches Kind, als sie im Alter von kaum vierzehn Jahrenplötzlich beide Eltern verlor und ganz allein — leidermittellos — in der Welt zurückblieb. Noch sehe ich sievor mir stehen in ihrer aufknospenden Schönheit und dementzückenden Hauch der Jugend und Anmuth. Die dun-keln Augen lagen halb versteckt unter langen, kohl-schwarzen Wimpern, und das üppige, krause Haar bildeteeinen prächtigen Rahmen für das Oval des rosigen Gc-sichtchens. Nun, genug davon. Sie stand allein in derWelt, freund- und schutzlos. Da nahmen sich RobertLambrechts Eltern der verlassenen Waise an und hegtensie wie ihr liebstes Kleinod. Kein Wunder, daß diesorgsamen Pflegeeltcrn diese zarte Menschenknospe fürihren einzigen Sohn Robert erblühen sehen wollten, be-sonders da das Herz des bereits gereiften Jünglings nurfür die liebliche Annette schlug. Aber, ach, kein Glückist vollkommen hier auf Erden, Annette weigerte sichentschieden zu dieser Verbindung und war eines Tagesaus dem Hause ihrer Pflegeeltern entschwunden. RobertsHerz war gebrochen; aber bald raffte er seinen Mannes-muth auf, fand ein anderes Mädchen, heirathete baldund wanderte aus. Annettens Loos war weniger glück-lich gewesen; früh genug erkannte sie ihr Unrecht, kehrtereuig zu ihren Pflegceltern zurück und erkannte jetzt,leider zu spät, daß sie dennoch den Pflegebruder geliebthatte. Nach einigen Jahren heirathete sie den Oberstvon Bvrnfeld, aber sie welkte sichtlich dahin, und baldnach der Geburt ihres einzigen Töchlerchens erlöste sieder Tod von einem Dasein, das ihr zur Last gewor-den war."
Nosalte seufzte. „Ah, jetzt verstehe ich", sagte sie
leise, „Herr Lambrecht liebte meine Mutter, und um ihret-willen will er sich meiner annehmen."
„So ist's", nickte der Notar. „Aber er betrachtetdie ganze Familie von Bornfeld wie seine natürlichenFeinde, weil der Oberst es nicht verstanden hat, seinejunge Frau glücklich zu machen. Daher wünschte erauch, daß Sie nicht mit den Verwandten Ihres Vatersin näherer Beziehung bleiben, wenn Sie seine Haus-genossin werden wollen." (Fortsetzung folgt.)
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Airs die NamWhe.
—- (Nachdruck »«rdoteu.I
Llx.I'. Die Mode ist tyrannisch, und die Zeit stellt immerhöhere Anforderungen an die Gebildeten und an die Un-gebildeten, ohne ihre individuellen Verhältnisse, besondersden Geldbeutel, zu berücksichtigen. Als wir Kinder waren,ist es noch keinem Menschen eingefallen, sich auf der Halt-spitze oder am Watzmann das Genick brechen zu wollen,und vor 30, 40 Jahren zogen nur sehr vereinzelte undnur ganz wohlsituirte Familien auf ein paar Wochenhinaus nach Tegernsee oder Schliersee . Heute geht man,ob arm, ob reich, ob gesund, ob krank, ob mit Vergnügenoder ohne Vergnügen auf's Land, denn heute ist, um unsvolkstümlich auszudrücken, Land: Trumpf, es ist Modegeworden. Aber auch das „wohin" ist nicht einerlei,auch darin gibt's Moden. Ist ein gutes Wirthshaus aufeinem Platz entstanden, oder sonst etwas Unvorhergesehenes,Ungeahntes Passirt, so drängt der Fremdenzug dorthin.Im Allgemeinen kann man in Folge dessen sagen, daß jetztTirol mehr zieht, wie unsere bayerischen Gebirgsorte.Allerdings hat der Tiroler viel Chic und Routine, mitFremden umzugehen, sind dort Reinlichkeit und Comfortin den Wirthshäusern (natürlich im Allgemeinen gesprochen,Ausnahmen gibts überall, hüben und drüben) wenigstensan den Tonristenstraßen weit überlegen manch' andernGebirgsländern, und mancher außertirolische Wirth dürftedort hingehen, um zu sehen und zu hören. Schon dernatürlich frische Anstand der einfach und propre gekleidetenWirthin und Kellnerin, wie der appetitlich zubereitete, mitallen nothwendigen Utensilien ausgerüstete MiitagSlisch,das saubere Tischtuch, die frisch gewaschene Serviette, dasreinlich gehaltene Salzgefäß, dies alles würde schon manchemWirthshaus, manchem Nachbarlande zum Muster dienenkönnen.
Und so ist Tirol auch viel umworben, aber auch dort— die Mode. Heuer war besonders daS Kaiserthalmodern, und es ist daher verzeihlich, wenn auch wiruns wenigstens einen oberflächlichen Ueberblick verschaffenwollen über diesen neuen touristischen Sportplatz, und vonoben hineinschauen in jene modern alpinistische Wahlstatt.Wenn wir auch nicht beabsichtigen, 40 Stunden im Schneezu sitzen, wie jener arme Schneider am Todtenkirchl, odereinen salto inortala zu machen von der Haltspitze nachSt. Johann hinunter, oder andere Thorheiten der Herren„Thoristcn" zu unternehmen, so müssen wir doch dieNaunspitze wenigstens von der Nordscite „nehmen",da sie auf der Südseite leichter, d. h. „blamabler", zuersteigen ist und wir doch auch etwas Ruhmwürdiges leistenwollen. Man möchte sonst, unwissend, wie man ist, wennman auf den Bahnhöfen und in den Zügen so viele Herrenmit Steigeisen und Eispickel begegnet, allerdings immerfragen: „Fehlt Ihnen etwas?" Allein die armen Patientenwürden ihren Zustand mit Nichten erkennen. Heute wollen