Ausgabe 
(13.11.1896) 94
Seite
723
 
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Stehe doch nicht wie eine Bildsäule da", rief sieheftig aus,kannst Du nicht antworten?"

Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll."

Ich will nicht hart und ungerecht gegen Dich sein",lenkte Frau von Bornfeld jetzt ruhiger werdend ein,denn Du bist Weine Nichte, und ich habe Dich ausBarmherzigkeit in meinem Hause aufgenommen. Aberdas Glück meiner Kinder darf durch Deine List oderBosheit nicht zerstört werden hörst Du wohl, dasdulde ich nicht! Wenn Du ein Glied unserer Familiebleiben willst, so mußt Du mir das feste Versprechengeben, niemals Comtesse Alice oder ihren Vetter, HerrnMlmer, wiederzusehen."

Comtesse Alice hat mich aber gebeten, sie zu be-suchen; ich darf jeden Sonntag zu ihr kommen und"

Schweig'!" unterbrach die Tante wieder heftigwerdend,Du bist für Comtesse Alice durchaus keinepassende Gesellschafterin. Nun, ich gebe Dir bis morgenBedenkzeit; wenn Du mir in oieruudzwauzig Stundennicht das gewünschte Versprechen gibst dann fort aus«einem Hause!"

Frau von Bornfeld hatte guten Grund, dem armengequälten Mädchen diese kurze Gnadenfrist zu gestatten,denn Comtesse Alice und Herr Wilmcr waren auf einigeTage verreist, Rosalie konnte also nicht zu ihnen, dannwar sie auch im Hause so sehr nützlich, sogar unentbehr-lich, denn keine bezahlte Näherin hätte so fleißig vornMorgen bis zum Abend bei der Arbeit gesessen, wiedie arme Nichte es that.

Rosalie war wieder in ihrem ärmlichen Mansarden-stübchcn. Sie nahm ihren Hnt und Mantel, und ohneJemandem ein Wort zu sagen, verließ sie unbemerkt dasHauS. Ihr Entschluß war gefaßt; sie wollte noch heuteHerrn Hollmnnn aufsuchen und irgend eine Stelle an-nehmen, dir er ihr bieten würde, sei dieselbe auch nochso niedrig und gering, selbst als Kinder- oder Haus-mädchen würbe sie sich glücklicher sühler, wie bet derTante, denn das Brod, nur aus Mitleid und Barm-herzigkeit gereicht, war doch zu bitter.

Es war ein weiter Weg, den Rosalie zurückzulegenhatte, dazu brannte die Sonne heiß und erschwerte denGang bedeutend. Mit einem Wagen würde sie in kurzerZeit ihr Ziel erreicht haben, aber daran war nicht zudenken, sie hatte ja keinen Pfennig in ihrer Tasche undmußte zu Fuß tapfer weiterschreiten.

Endlich war die Wohnung des NotarS erreicht.Rosalie wurde augenscheinlich erwartet, denn ein CommiSführte sie sofort in das Privntzirnmer seines Chefs.Herr Hollmaun war ein ältlicher Herr, sein Haar er-graute bereits, aber seine Züge waren wohlwollend undVertrauen erweckend.

Sie sind Rosalie von Bornseld?" begrüßte er siefragend und schob einen bequemen Sessel für feinen neuenSchützling herbei,und die einzige Tochter des Oberstenvon Bornseld und seiner Gattin Annette, geb. Groben?"

DaS junge Mädchen nickte bejahend; sie war vondem weiten, ungewohnten Wegs so erschöpft, daß sie kaumein Wort hervorbringen konnte.

Sie sehen Ihrer Mutter sehr ähnlich", fuhr deralte Herr freundlich fort,hoffentlich ist Ihr Koos einglücklicheres, wie das der so früh Entschlafenen."

Thränen traten in Rosaliens Augen; sie hatte dieMutter so früh verloren, daß sie sich ihrer gar nicht er-

innerte, und noch nie einen Menschen gefunden, der die-selbe gekannt hatte.

Haben Sie meine Mutter gekannt?" fragte siedaher schüchtern.

Ja, ich kannte sie, und ich bemitleidete sie. Dochlassen Sie uns jetzt von Geschäftssachen sprechen ichhatte kürzlich von einem meiner Clienten einen Brief,der nm in Ihrem Interesse geschrieben war."

Aber ich habe gar keine Freunde, die sich für michintcressiren, und Niemand nimmt Antheil an meinemGeschick, außer Fräulein Wald, meine frühere Pensions-vorsteherrn."

Ich war vor einigen Tagen bei ihr", wandte derNotar ein,sie gab mir die Versicherung, daß Sie jedenGedanken aufgegeben hätten, eine andere Stellung an-zunehmen. Sie hätte sich selbst bei Ihrer Tante er-kundigt, und diese habe gesagt, Sie seien sehr glücklichund zufrieden und dächten an gar keine Veränderung."

Wie konnte und durfte meine Tante das sagen?"flüsterte Rosalie.

Nun, ich muß gestehen, Sie machen mir geradenicht den Eindruck, als ob Sie einsehr glücklichesLeben" führten", lächelte der Anwalt,aber FräuleinWald glaubt es bestimmt."

Meine Tante will mich morgen fortschicken, wennich nicht das Versprechen gebe, niemals", sie hieltzögernd inne.

Niemals Ihren Geliebten wiederzusehen", ergänzteder Notar mit überlegener Miene.

Nein, ich habe gar keinen. Sie verbot mir, eineDame wiederzusehen, die sich meiner liebevoll angenom-men hatte. Aber meine Tante hält es schon für einVerbrechen, wenn ich eins Freundin habe; sie will michmorgen fortschicken oder ich muß das gewünschte Ver-sprechen geben."

Wohin sollen Sie denn geschickt werden?"

Ich Habs davon keine Ahnung."

Hm, das scheint mir doch eine fürsorgliche Tautezu sein", spottete der alte Herr sarkastisch.Nun, einPunkt ist mir ganz klar. ES ist der Wunsch meinesClienten, Ihnen nichts zu sagen, wenn Sie glücklich inIhrem Heim sind; aber nach dem, waS ich soeben vonIhnen gehört habe, darf ich ganz offen und frei mitIhnen reden."

Bitte, thun Sie das, Herr Hollmann. Ich willmich gewiß bemühen, meine Pflichten zu erfüllen, wennSie mir zu einer anderen Stellung verhelfen."

Der Notar sah das junge Mädchen prüfend an,dann nickte er befriedigt.

Das glaube ich Ihnen", sagte er kaum hörbar.Langsam nahm er einige Briefe aus seinem Schreibtisch,laS sie schweigend durch und wandte sich wieder seinemSchützling zu.

«Ich habe Robert Lambrecht schon als Kind ge-kannt; wir waren Schulkameraden; später trat er mitmir im Geschäfte meines Vaters ein", erzählte sinnendder Notar, leise wie im Selbstgespräch.Ich weiß nichtmehr, warum er plötzlich auswanderte. Vielleicht wares Ehrgeiz, und er strebte nach Reichthum. Das warvor ungefähr fünfundzwanzig Jahren oder auch länger.Ob er ein Millionär geworden ist, weiß ich nicht, jeden-falls lebt er aber in glänzenden Verhältnissen. Wirstehen noch immer miteinander in geschäftlicher Verbin-