Ausgabe 
(13.11.1896) 94
Seite
722
 
Einzelbild herunterladen

722

langsam hinabstieg, richteten sich elf Augenpaare theilszürnend, theils verwundert auf die kleine Gruppe. No-salie erbleichte, denn sie wußte, daß die Taute die SchaledeS Zornes bald genug über sie ergießen würde. Schwei-gend setzte sie sich auf ihren Platz am Ende der Tafel.Herr Wilmer führte Georgine auf ihren Platz, undLieutenant Lilienbeck nahm seine reizende Braut jetzt fürsich in Anspruch.

Kaum nach beendeter Mahlzeit gab Emilie der nochimmer zitternden Nosalie einen Wink und flüsterte ihrzu, sofort mit ihr auf Wunsch der Herrin den Heimweganzutreten. Sie kannte Frau von Bornfeld genau undwußte eine Begegnung mit ihr zu vermeiden, wenn dieseaufgeregt war.

«Sie sehen ganz müde und erschöpft aus, FräuleinNosalie", sagte sie, als sie heimgekehrt waren.AnIhrer Stelle würde ich mich zu Bette legen, denn nacheiner solchen Festlichkeit kehren die Damen gewöhnlich inder schlechtesten Laune zurück, und wenn Sie in Ihremeigenen Zimmer sind, so entgehen Sie vielem Ungemach."

II.

Nosalie erwachte am nächsten Morgen mit dembangen Gefühl kommenden Unheils. Sie erinnerte sichan alle Einzelheiten des vorhergehenden Tages, diefreundliche Begegung mit Comtesse Alice, die Prophe-zeiung der Zigeunerin, dann den finsteren Blick derzürnenden Tante, und bei diesem letzten Gedanken färbtejäheS Roth ihre bleichen Wangen. Ein leises Klopfenan der Thür erschreckte sie aus ihren Träumereien, danntrat Emilie ein mit dem Frühstück in einer Hand undeinem Brief in der andern.

ES wird noch Stunden lang dauern, ehe dieDamen heute zum Frühstück erscheinen werden", begannsie gutwüthig,daher beeilen Sie sich gar nicht, Fräu-lein Rosa. Hier, eine Tafle heißen Kaffees thut Ihnengut, dabei können Sie in Ruhe Ihren Brief lesen."

Erstaunt, neugierig öffnete Nosalie daS Schreiben.Sie hatte in dem letzten Jahre, seitdem sie im Hauseihrer Tante weilte, noch keinen Brief erhalten, daherauch keine Ahnung, wer der Schreiber desselben seinkönne. Sie sah zuerst nach der Unterschrist, aber derNameI. Hollmann" war ihr gänzlich fremd, auchhatte sie denselben weder von der Tante noch den Cou-sinen gehört. Schnell überflog sie die wenigen Zeilen.Sie lauteten:

Geehrtes Fräulein! Ein alter Freund und einlangjähriger Client von mir wünscht Näheres überIhr Leben und Ihre Verhältnisse zu hören. WennSie im Hause Ihrer Tante glücklich und zufriedensind, dort Kindesrcchte genießen, so bleiben Sie ruhigdort. Wenn es aber wahr ist wie ich es gehörthabe daß Sie beabsichtigen, Ihr jetziges Heim zuverlassen, um eine Stellung anzunehmen, so kann ichIhnen dazu verhelfen. Sie treffen mich in denVormittagsstunden zwischen elf und zwölf Uhr. Er-gebenst I. Hollmann."

Die Adresse des Schreibers war oben auf demBriefbogen angegeben, und Nosalie ersah daraus, daßHerr Hollmann NechtSanwalt und Notar war. Der Ent-schluß stand in ihr fest, sobald als möglich zu ihm zugehen, denn obgleich Frau von Vornfeld der armenWaise niemals den Vorwarf ersparte, sie sei ihr eineLast im Hause, that sie doch keinen Schritt, eine ander-weitige Stellung für die Nichte zu verschaffen. Von

dem Briefs des Notars wollte sie nicht eher ein Worterwähnen, als bis sie mit ihm eine Unterredung ge-habt hatte.

Um zehn Uhr ging sie in das Frühslückszirrrmer,aber die Damen waren noch nicht erschienen.

Frau von Bornfcld erwartet Sie in einer halbenStunde", berichtete Emilie, die mit dieser Botschqft anNosalie beauftragt war.Stärken Sie sich aber vorher,hier bringe ich Ihnen ein gutes Frühstück, denn Siewerden Ihren ganzen Muth bedürfen. Ihre Tante hatgewiß schlechte Nachrichten oder irgend einen Aerger ge-habt, denn ich habe sie noch niemals so aufgebracht underregt gesehen."

Das war allerdings keine verlockende Aussicht fürdie arme Nichte, aber mit dem Brief des Notars in derTasche fürchtete sie das drohende Ungewitter nicht. HerrHollmann hatte ihr die Aussicht auf eine andere Stellungeröffnet, was lag also daran, ob die Tante in den letztenTagen ungehaltener wie gewöhnlich ward Hatte sie dochhier im Hause nichts anderes als die Stellung einesmodernen Aschenbrödels eingenommen, das gerade so wieihr Original im Märchenbuchs von der bösen Stiefmutterund von den älteren Schwestern, hier von der harther-zigen Tante und von den Cousinen, tyrannisirt wurde.In ihrem einsamen, freudeleeren Leben mußte sie stetsbemüht sein, den vielen Anforderungen zu genügen, diean sie gestellt wurden. Doch mit dem Briefe in derTasche hob sich ihr Muth wesentlich, und als sie jetzt indas Zimmer ihrer Tante gerufen wurde, zitterte ihr keinGlied, keine Wimper zuckte, furchtlos und unerschrockentrat sie ein.

Emilie sagte mir, Du wolltest mich sprechen, Tante."

Ja!" rief die Angeredete erzürnt,ich möchte dochwissen, welche Entschuldigung Du für Dein unverzeih-liches Benehmen hervorzubringen hast! O, stelle Dichnur nicht wie die heilige Unschuld an! Du weißt ebensogut, wie ich und wie wir Alle eS wissen, daß HerrWilmer gestern beim Feste Deiner Cousine seine Handangeboten haben würde, wenn Du mit Deinem schänd-lichen Betragen nicht fortwährend die Liebenden getrennthättest!"

Purgurgluth bedeckte bei diesen verletzenden Wortendie Wangen RosalisnS, dann wurde sie so bleich wieMarmor.

Du irrst, Tante", sagte sie aber unerschrocken,ich habe keineswegs versucht, Herrn Wilmer und Geor-gine zu trennen."

Ha, ha! Leugnest Du auch, daß Du den ganzenNachmittag eS verstanden hast, den jungen Herrn anDeine Seite zu fesselnd Alle meine Gäste machten dieseBemerkung, und man sprach über Dein unschicklichesBetragen."

Comtesse Alice nahm sich meiner so freundlich an.ES war doch nicht meine Schuld, daß Herr Wilmer sichuns anschloß?"

Es war vom Anfang bis zum Ende Deine Schuld",brauste jetzt die Tante auf, die ihren Zorn nicht längerbeherrschen konnte,und ich sage Dir, ein solches Be-nehmen dulde ich nicht länger, oder Du mußt unserHaus verlassen."

Nosalie sah die erregte Tante furchtlos an, aberum ihren Zorn nicht noch weiter hervorzurufen, ant-wortete sie nicht. Aber gerade dieses Schweigen brachteden Nnmuth der erzürnten Frau noch mehr hervor.