HL 94. Areitag, den 13. November 1896.
Für die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg .
Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas <L Grabberr in Augsburg (Borbesttzer vr. Max Huttler ).
Am fremden Lande!
Erzählung von E. Borges.
(Fortsetzung.)
„Wahrlich, Lieutenant Lilienbeck muß sich geschmei-helt fühlen", scherzte Herr Wilmer, denn so wenig man«n gesellschaftlichen Kreisen auch davon wußte, hatteComtesse Alice die Hand eines Grafen auSgeschlagen unddie eines armen aber braven jungen Offiziers angenom-men. „Ich bin doch gespannt, was Sibylla mir pro-phezeit! Fräulein Rosalie, wollen Sie Ihre Zukunftnicht ebenfalls gern enthüllt sehen?"
DaS junge Mädchen Hütte allzu gern sich diesesharmlose Vergnügen gemacht, doch ihre Börse war leer.Comtesse Alice schien diese Gedanken zu errathen, dennunbemerkt ließ sie ein Geldstück in die Hand der Zigeu-nerin gleiten und rief scherzend:
„Natürlich will sie daS gern. Ihr kennt nun beidemein LooS; da ist eS nur recht und billig, daß ich dasEuere erfahre; Ihr seid mir das schuldig."
Die Zigeunerin nahm die Hand des jungen Mäd-chens und prüfte sinnend die zahllosen Nadelstiche, diestumme und doch so beredte Zeugen ihrer täglichen Be-schäftigung waren.
„Jedes Menschenleben birgt bittere und frohe Stun-den", sagte sie dann langsam. „Sie haben früh inIhrem Leben die Bitterkeit des Lebens gekostet, aber eskommt bald eine Veränderung. Ehe der Vollmond amHimmel steht, haben Sie Ihr jetziges Heim verlassen.Sie durchleben vielleicht noch einige schwere Stunden,aber dann leben Sie glücklich in einem besseren Lande."
Rosaliens Glieder bebten; ein eisiger Schauer durch-lief ihre zarte Gestalt. Sie war kaum zwanzig Jahrealt, und so wenig Freude ihr das Leben auch gebrachtgälte, schauderte sie doch vor dem Tode zurück.
„Werde ich denn bald sterben?" fragte sie da-her bebend.
„Durchaus nicht", gab die Zigeunerin lächelndzurück. „Im Gegentheil, Sie haben ein langes Lebenvor sich und werden sich über das Glück Ihrer Kinderund Kindeskinder freuen. Sie stehen aber am Wende-punkt Ihres Lebens, und — beachten Sie wohl meineWorte — das Glück kommt Ihnen zu einer Zeit, inder die Rosen am Weihnachtsfeste blühen."
Keiner der drei Zuhörer sprach ein Wort; der Ernstder Zigeunerin schien sie im Banne zu halten.
„Sobald die Rosen am Wethnachisfeste blühen,
geht der Stern Ihres Glückes und Ihrer Liebe auf",fuhr die Zigeunerin ernsthaft, aber leise fort. „Sie wer-den nicht den ersten Mann heirathen, der um Ihre Handbittet, auch nicht den zweiten oder dritten, aber Siewerden die Gattin eines guten, edlen Mannes sein, eheein Jahr vergangen ist."
Dann, ohne Gruß, ohne Abschiedswort, wandte sichdie Zigeunerin um und stieg eilig den Hügel hinab.
Schweigend standen die Drei beisammen, Keineswagte die Stille zu unterbrechen. Endlich begann Com-tesse Alice:
„Roland — Fräulein Rosalie! Warum spricht dennNiemand? Ich fühle mich fast verzaubert — ganz wiein einem Märchenlande — ich kann mich gar nicht indie Wirklichkeit zurückfinden."
„Na, Alice", lächelte der Vetter, „es war doch nurdas Geschwätz einer Zigeunerin, wie kann Dich das alsoalteriren?"
„Aber ich verstand sie gar nicht", beharrte die Com-tesse, „Fräulein Rosalie, was denken Sie davon?"
„Ich bin ganz verwirrt und weiß gar nicht, waSgemeint ist", stammelte das junge Mädchen.
„Sie machte eine Ausnahme von allen Zigeu-nerinnen", bemerkte Herr Wilmer ernst. „Gewöhnlichsind die Prophezeiungen sehr allgemein, besonders inBetreff der Zeit; aber diese bestimmte den Zeitpunkt derVeränderungen ganz genau. Ehe der Vollmond amHimmel steht — also schon in acht Tagen — werdenSie Ihr jetziges Heim verlassen."
„Meinte sie auch nicht den Tod?" fragte Rosalienoch immer bebend.
„Sie werden sich verheirathen", lächelte ComtesseAlice, „und zwar vor Jahresfrist. Aber so lange brauchenSie nicht zu warten, um glücklich zu werden. Ihr Glückbeginnt um die Weihnachtszeit, also in sechs Monaten."
Die kleine Gruppe hatte so viel Interesse für daSkleine Abenteuer, daß Niemand bemerkt hatte, wie flüchtigdie Zeit dahingeeilt war. Rosalie hatte vollständig dieihr aufgetragenen Pflichten vergessen und gar nicht darangedacht, dem Hausmädchen zur Bereitung des Abend-essens behilflich zu sein. Emilie war auch so fleißig undgeschickt und hatte sich im Stillen gefreut, daß die armeWaise auf kurze Stunden die drückende Noth des täg-lichen Lebens vergessen hatte, und daher die Arbeit gernallein gethan.
Als nun nach geraumer Zeit daS Trio den Hügel