Ausgabe 
(17.11.1896) 95
Seite
729
 
Einzelbild herunterladen

« 95.

189k.

Augsburger Postzritung".

Dinstag, den 17. November

Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg .

Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Gradherr in Augsburg lVorbefitzer vr. Max Huttler ).

Zm fremden Lande!

Erzählung von C. Borges.

(Fortsetzung.)

Meine Verwandten werden sich freuen, wenn ichihnen nicht wehr zur Last falle. Wohnt Herr Lambrechtdenn ganz allein?" fragte Rosalie weiter.

Er hat einen Sohn, der jetzt vierundzwanzig odersechsundzwanzig Jahre zählt. Aber bedenken Sie eswohl, mein Fräulein, Sie haben kein geselliges oderluxuriöses Leben zu erwarten; Herr Lambrecht ist eineinfacher, aber biederer Geschäftsmann, dem es vielleichtgar nicht in den Sinn kommt, Sie mit den vielenangenehmen Kleinigkeiten des Lebens zu umgeben, dieIhnen möglicherweise unentbehrlich geworden sind. Eineeinfache, bequeme Häuslichkeit, ein treues, liebevollesHerz mehr dürfen Sie keineswegs erwarten."

Dafür würde ich von Herzen dankbar sein", ver-setzte Rosalie, und ihre Stimme klang fast wie ein Jubel-ruf,es war für mich kein freudevolles Dasein, in einerkleinen Mansarde Tag ein Tag aus zu sitzen und dieGarderobe meiner Cousinen anzufertigen."

Nun, diese elende Beschäftigung hat ein Ende",lächelte der Notar.Wie bald könnten Sie also zurAbreise nach Afrika bereit sein?"

Nach Afrika ?"

Ach, ja! Ich vergaß, Ihnen zu sagen, wo HerrLambrecht wohnt. Er wohnt in Marydale in Afrika ,also weit genug von Ihrer Tante entfernt, um eineBegegnung nicht leicht möglich zu machen."

Aber die weite Reise!" seufzte Rosalie,sie würdegewiß viel Geld kosten."

Gewiß, aber das macht keinen Unterschied", trösteteder väterliche Freund.Sie bedürfen auch für dasheiße Klima dort drüben eine ganz andere Ausstattungwie hier zu Lande. Herr Lambrecht stellt Ihnen zudiesem Zwecke ganz unbeschränkte Mittel zur Verfügung.Leider bin ich ein Junggeselle und kann Ihnen daherkeinen Rath ertheilen, aber meine Schwester lebt beimir, sie hat Erfahrung in solchen Sachen und wirdIhnen gern helfend zur Seite stehen. Das Beste wäre,Sie blieben vorläufig ganz bei uns Ihre Tante dringtohnehin morgen auf eine Entscheidung seien Sieunser Gast, bis wir eine passende Reisebegleitung fürSie gefunden haben. Nun, was sagen Sie zu diesemPlane?"

Ich bin überglücklich, aber"

Kein Aber; die Sache ist abgemacht. Sie kom-men zu uns, so bald Sie wollen, dann überlegen wires mit der Reise in aller Ruhe."

Rosalie stand ganz verwirrt, aber sie brachte keinWort hervor. Vielleicht ahnte Herr Hollmann den Grundihrer Verlegenheit, denn er sagte in seiner jovialen Weise:

Sie werden noch Mancherlei bedürfen, wollen auchgewiß gern der Dienerschaft im Hause zum AndenkenGeschenke machen. Hier, es ist Ihr Geld. Herr Lam-brecht wünscht es so. Sagen Sie kein Wort, Siehaben noch eine große Summe bei mir stehen."

Er hatte ihr bei den letzten Worten mehrere Gold-stücke in die Hand gedrückt, und als sie jetzt nach län-gerer Zeit ins Freie trat, glaubte sie wirklich, ein schönerTraum hätte ihr neckend liebliche Zukunftsbilder vorge-gaukelt, nur das glitzernde Gold in der Hand rief siein die Wirklichkeit des Lebens zurück.

Es war schon sehr spät, die gewöhnliche Stundedes Mittagessens bei der Tante längst vorüber, deshalbbeeilte sich Rosalie auch gar nicht, ging in ein Restau-rant und ließ sich Essen vorsetzen. Hier sann sie überdie Ereignisse der letzten Stunden nach; ein glücklichesLächeln erhellte ihre Züge, als sie der Prophezeihung derZigeunerin gedachte, die gesagt hatte:Ehe der Voll-mond am Himmel steht, werden Sie Ihr jetziges Heimverlassen."

Es war drei Uhr des Nachmittags geworden, alsRosalie endlich ihre kleine Mansarde wieder betrat undEmilie sich gleich bei ihr einstellte.

Die Damen sind alle ausgegangen", berichtete siefreudestrahlend;soll ich Ihnen Ihr Essen Heraufbringen?"

Rosalie schüttelte das Haupt.

Morgen verlasse ich dieses Haus", jubelte sie,o,Emilie, Sie glauben gar nicht, wie leicht und glücklichich mich fühle."

Hoffentlich werden Sie es besser haben, wie Siees hier hatten", versetzte die gute Dienerin.Es istgut, daß Sie fortgehen; ich wundere mich nur, daß Siees überhaupt hier so lange aushalten konnten."

Am nächsten Morgen stand der kleine Koffer fertiggepackt. Mit leichtem Herzen ging Rosalie in das Früh-stückszimmer, und ihre Tante und Cousinen wundertensich, daß gerade heute das arme, geplagte Mädchen sozufrieden und glücklich aussah.