Ausgabe 
(17.11.1896) 95
Seite
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III.

Die brennenden Sonnenstrahlen fielen senkrecht aufdie üppigen Gartenanlagen, in denen exotische Pflanzenund stark duftende Blumen große Beete ausfüllten.Alles athmete hier Vornehmheit und wohlthuende Ruhe.Ein hohes, geräumiges Landhaus erhob sich wie einstolzes Feenschloß; eine breite Terrasse vor demselbenmit bequemen Schaukelstühlen oder Hängematten lud zurbehaglichen Ruhe ein. Eine breite Flügelthür führte indie inneren Räume des Hauses. Reichthum und Eleganzwaren hier vereint, um jedem einzelnen Gemach Bewun-derung abzugewinnen, und erinnerten an das MärchenvonTausend und eine Nacht".

In dem Schatten eines mächtigen Baumes lag einjunger Mann von ungefähr sechsundzwanzig Jahren indem weichen Grase hingestreckt. Mißmuthig schaute erden Ringeln seiner Ctgarette nach, dann schleuderte ersie unwillig von sich, sich aus seiner nachlässigen Haltungemporrichtend.

Halloh, alter Freund! Was fehlt Dir? Du stehstja aus, wie beständiges Negenwetter", ertönte plötzlicheine heitere Stimme dicht an seiner Seite, und ein jungerMann, einige Jahre älter wie der Freund. ThomasLambrecht, stand vor ihm auf dem weichen Rasen.DeinDiener wollte mich zuerst nicht einlassen, Du seist be-schäftigt, sagte er mir, aber ich drang doch vor und mußDich jetzt vor Langeweile schützen."

Thomas lächelte gezwungen. Sie waren die bestenFreunde der Welt, obgleich der eine ein junger Arztwar und nur mühsam den Kampf mit dem Leben auf-nehmen konnte, der andere hingegen der Sohn und Erbedes reichsten Mannes in Marydale. Aber RichardManners verstand es, sich in der Stadt populär zumachen, hatte sich in der kurzen Zeit seiner Praxis schoneinen Namen erworben, und darum sah er auch getrostund freudig der Zukunft entgegen.

Setze Dich zu mir und verplaudere mir die schlechteLaune", bat der reiche Freund,denn ich fühle mich ineiner Stimmung, die kaum zu beschreiben ist."

Warum denn?" fragte der Freund, sich behaglichin einer Hängematte ausstreckend.Gehen die Geschäftenicht mehr flott? Sind einige Deiner Schiffe gescheitert?"

Bah! An die Geschäfte denke ich gar nicht. Selbstwenn ich bedeutende Verluste erlitten, würde mir der Ge-danke keinen unruhigen Augenblick machen. Das Geld

hat für mich nicht den allergeringsten Werth, aber-

mein Vater macht mir Sorge."

Der junge Arzt fuhr bestürzt aus seiner nachlässigenStellung auf. Er hatte noch vor zwei Tagen den altenHerrn Lambrecht gesehen, und zwar in blühender Gesund-heit und vollkommener Manneskraft.

O, er ist ganz gesund", erwiderte Thomas aufdie unausgesprochene Frage seines Freundes,aber erbesteht auf der lächerlichsten Idee der Welt, und nichtskann ihn davon abbringen."

Darf man fragen, was das für eine Idee ist?"

Die ganze Stadt wird es ohnehin in wenigenTagen wissen er will eine Tochter adoptiren."

Der junge Arzt war höchst erschrocken; die Cigarreentfiel seinen Fingern, dann sah er ungläubig seinenFreund an.

Warum will er das thun?" fragte er sichtlich bestürzt.

Das wag der Himmel wissen ich weiß es nicht.Ein Mensch, der zweimal in seinem Leben verheirathet

war und stets mit der zweifelhaften Gabe einer Tochterverschont geblieben ist, sollte doch nach meiner Meinungallen Grund zur Dankbarkeit haben."

Ist sie noch sehr jung?"

O nein, sie ist längst erwachsen; wenigstens zwanzigJahre, vielleicht auch doppelt so alt. ES kam meinemVater ganz plötzlich.der lächerliche Gedanke, daß seinemHause eine Dame fehle; er schrieb deshalb an einenihm befreundeten Rechtsanwalt in Deutschland unddas Resultat ist die baldige Ankunft einer Dame. Bisvor einigen Tagen hatte ich von den Plänen meinesVaters gar keine Ahnung, und ich muß offen gestehen,wir hatten einen heftigen Wortwechsel sogar den erstenStreit in unserem Leben als ich davon hörte."

Will er sie denn als Tochter adoptiren?"

Was weiß ich davon", stöhnte Thomas, und seinAntlitz legte sich wieder in drohende Falten,ich sageDir ja, ich war in überreizter Stimmung und der schlech-testen Laune der Welt, daher sagte ich meinem Vater,er würde sie schließlich noch wohl heirathen wollen. Wassollte sie denn auch anders hier in unserem stillen, fried-lichen Hause ? Mein Vater war ganz empört und sagte, erhabe Fräulein von Bornfelds Mutter sehr gut gekannt,und die junge Dame solle die Stellung einer Tochter inseinem Hause ausfüllen."

Der junge Arzt schwieg. Er kannte die FamilieLambrecht sehr genau, war er doch als früh verwaisterKnabe in diesem reichen Hause erzogen und hatte Kindes-rechte dort genossen. Damals lebte noch die erste Gattinseines Wohlthäters, die er aus Deutschland mit herüber-gebracht hatte, und Thomas war noch ein kleiner Knabe.Doch der unerbittliche Tod riß allzu früh die treueLebensgefährtin von der Seite ihres Gatten und ver-nichtete mit grausamer Hand das häusliche Glück. AlsThomas dann größer wurde, schickte ihn der Vater zuseiner weiteren Ausbildung zuerst nach Deutschland , späterein ganzes Jahr auf Reisen. In dieser Zeit gab derreiche Kaufherr seinem Hause eine neue Herrin; sie wareine geistreiche, anmuthsvolle Dame und war drei Jahrehindurch die Freude und der Sonnenglanz des Hauses.Thomas hatte seine Stiefmutter nie kennen gelernt, dennals er nach längeren Jahren in die Heimath zurückkehrte,stand der Vater trauernd und tiefgebeugt an einemfrischen Grabeshügel, der sein Liebstes barg. Vater undSohn schloffen sich jetzt inniger aneinander denn je, unddieses Band der Liebe und Freundschaft befestigte sichvon Jahr zu Jahr. Es kam dem jungen Arzt selbstganz unerklärlich vor, daß dieses häusliche Glück durchdie Anwesenheit einer fremden Dame getrübt werden sollte.

Es ist vollkommener Ernst", nahm Thomas wiederdas Wort, denn er schien die Gedanken seines Freundeszu lesen,ich fürchtete anfänglich, der liebe alte Vatersei geistesschwach geworden. Ja, ich will Dir noch mehrsagen, er ist bereits nach der Kapstadt gereist, um seinenSchützling bei der Ankunft des Schiffes selbst in Em-pfang zu nehmen."

Nun, alter Freund", tröstete der Arzt heiter,wenn Du mit der neuen Hausgenossin nicht gut lebenkannst, so bist Du ja immerhin reich genug, um unab-hängig und allein zu leben. Du bist ja der Theilhaberim Geschäft Deines Vaters, da kannst Du doch wohnen,wo Du willst."

Warum sprichst Du Deine Gedanken nicht offenund ehrlich aus und sagst, ich solle heirathen?"