Ausgabe 
(17.11.1896) 95
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zaubert, die originelle Bauart der Stadt und die eigen»artigen Sitten ihrer Bewohner, all das macht Neapel zueiner der schönsten und merkwürdigsten Städte der Erde.Auch ich hatte mich gesehnt, diese Wunder zu schauen,doch sie waren nicht der einzige Grund, warum ich, meinenAufenthalt in Rom unterbrechend, nach Neapel zog. Wasmich vor allem dazu bewog, das war eine Thatsache,ebenso eigenartig und merkwürdig wie die Stadt selbst,trotz oder vielmehr wegen der konstanten Sicherheit, mitder sie sich stets wiederholt. Im Dom von Neapel , demheiligen Januarius geweiht, der als Bischof von Benevent im Jahre 305 zu Puteoli den Martertod erlitt, bewahrtman außer dem Leibe des Heiligen zwei Fläschchen mitdem Blute desselben auf. Solche Blutsläschchen findensich auch anderwärts, namentlich in Rom; denn die frommenChristen der ersten Jahrhunderte schätzten das Blut, dasihre Mitbrüder für ihren heiligen Glauben zu vergießengewürdigt waren, als eine kostbare Reliquie und suchtensich desselben, wo es immer anging, zu bemächtigen, in-dem sie dasselbe mit Schwämmen sammelten und inFläschchen ausdrückten. Auf solche Weise wurden auchdie beiden Blutsläschchen des hl. Januarius gewonnen undkamen bei der Uebertragung der Reliquien mit nachNeapel . Alljährlich nun, am 19. September, dem Festedes Heiligen, und am ersten Sonntag im Mai, dem Festeder Reliquienübertragung, geräth das Blut in Wallung,sobald es dem Haupte des Heiligen nahe gebracht wird,und wird flüssig, wie frisches lebendiges Blut. Dasneapolitanische Volk weiß diese Gnade, welche ihm einBeweis für die gnädige Gesinnung seines Schutzpatronesist, wohl zu schätzen, und mit der feurigen Begeisterungund der Prachtliebe des Südländers gestaltet es daswunderbare Ereigniß zu einem der großartigsten Feste.

Am Vorabend des Festes wanderte ich durch die lange,sanft ansteigende Domstraße, die in gerader Linie vom Meerbis zur portu 8. Ctennaro sich erstreckend die ganze Stadtquer durchschneidet und neben der Toledostraße die Haupt-verkehrslinie der Stadt bildet. Ich fühlte mich unbehag-lich inmitten des unbeschreiblichen Gewühles und desgrellen Lärmes, um dessentwillen Neapel fast sprichwört-lich geworden. Es gehören starke Nerven dazu, um beidem ewigen Wagengerassel, dem rasenden Peitschenknallen,den fürchterlichen Tönen der unzähligen Packesel, demHämmern der Schuster und Schlosser, dem zudringlichenGeschrei der Kutscher und Kleinwaarenverkäufer seinenGletchmuth zu bewahren. Unter den wandernden Waaren-verkäufern bemerkte ich viele, welche verschiedene Festan-denken feilboten: Statuetten des Heiligen, Bilder, aufdenen er stets dargestellt war, wie er mit der segnendenRechten den gefahrdrohenden Ausbruch des Vesuv unter-drückte, Beschreibungen des Festes und des wunderbarenVorganges und dergleichen. Allenthalben die ganzeStraße entlang waren eifrige Hände damit beschäftigt,Blumenguirlanden von einem Dache zum andern (überdie Straße) zu spannen, so daß sie gewissermaßen einengroßen farbenprächtigen Baldachin über der Straßebildeten: für das Auge des Fremden ein seltsamer Schmuck.Um der in der Restauration begriffenen Fassade desDomes während des Festes ein würdiges Aussehen zu ver-leihen, hatte man das Gerüst durch eine aus bemaltenBrettern und Teppichen hergestellte Scheinfassade verdeckt.Sie war nicht besonders künstlerisch; die schreienden Farbender Malerei machten einen unschönen Eindruck; alleingrelle Farben liebt der Neapolitaner über alles, und diese

kostspielige Arbeit wegen eines einzigen TageS war mirein neuer Beweis für den Eifer eines Volkes, das keinOpfer scheut, um das Fest seines geliebten Patrones mög-lichst glanzvoll zu gestalten. Als mich am Abend meinWeg wiederum an der Kathedrale vorbeiführte, bot sichmeinen Augen ein neues, über die Maßen prächtigesSchauspiel dar. Die ganze Straße, so weit das Augereichte, strahlte in einem wahren Meere von Licht, welchesHunderte von verschiedenfarbigen Lampen verbreiteten; dieaufgeregte, lärmende und heftig gestikulirende Menschen-menge, welche auf der Straße hin- und herwogte, ge-währte bei dieser Beleuchtung einen fast phantastischenAnblick. Auch in anderen Straßen, namentlich demMeere entlang, wiederholte sich das gleiche Schauspiel;denn der Italiener kann sich kein Fest denken ohne Illu-mination, sie bildet stets einen Glanzpunkt bei jederFeierlichkeit.

Am frühen Morgen des Festtages eilte ich mitmehreren Reisegefährten wiederum zum Dome, dessenweite Hallen bereits mit einer Menge Andächtiger gefülltwaren. Freilich war die Andacht dieser Leute nicht eineAndacht in unserem Sinne; denn sie benahmen sich miteiner Ungenirtheit und Lebhaftigkeit, als ob sie nichtwüßten, daß sie sich im Hause Gottes befanden. Alleinman thäte den Neapolitanern Unrecht, wenn man be-haupten wollte, sie besäßen kein religiöses Gefühl. DieLebhaftigkeit ist eben der Hauptzug im Charakter desNeapolitaners; sie begleitet ihn bei allem was er sprichtund thut; kein Wunder, daß sie ihn manchmal zu einemBenehmen hinreißt, das dem kühlen Nordländer wenigerpassend erscheint. Wie tief der religiöse Sinn im Herzendes neapolitanischen Volkes eingewurzelt ist, davon sahich selbst mehrere Beispiele. Die Beichtstühle im Domewaren von Beichtenden förmlich umlagert, und manchederselben, namentlich Männer aus den niederen Ständen,knieten ohne viel Umstände vor dem Beichtstuhl auf dasPflaster und beichteten statt durch das Gitter durch dieThüre. An einem Madonnenbild am Eingang des Domesging selten ein Neapolitaner vorbei, ohne demselben einenKuß zuzuwerfen; die Frauen thaten dies in der lebhaftestenWeise zu wiederholten Malen. Vor einem anderenMadonnenbild sah ich zahlreiche Votivgeschenke aufgehängt,darunter einige von ganz besonderer Art; es waren Dolcheund verschiedene Mordwaffen, die sicherlich zur Sühneeines in der Hitze der Leidenschaft verübten Verbrechensder Madonna waren geopfert worden.

Die Volksmenge wuchs von Minute zu Minute unddrängte sich dem Eingänge einer dem rechten Seiten-schiffe angebauten, mit einem Gitter verschlossenen Kapellezu; es war die eigentliche Schatzkapelle, der tesoro deshl. Januarius, welcher das wunderbare Blut des Heiligenbirgt und in der auch regelmäßig das Wunder vor sichgeht. Um womöglich unter den Ersten die Kapelle be-treten zu können, drängten wir uns ebenfalls an dasGitter heran, waren aber nicht wenig erstaunt, dieNeapolitaner, welche aufs heftigste miteinander um diebesten Plätze stritten, gegen die korastL (so heißt imVolksdialekte der korsstisrs oder Fremde) ungemein zuvorkommend zu finden. Noch größer war unsere Ueber-raschung, als plötzlich ein Canoniker der Kathedrale aufuns zukam und uns aufs freundlichste einlud, mit ihmin die Kapelle zu kommen. Von ihm erfuhren wir auchden Grund dieser Zuvorkommenheit. Es ist seit Jahrenüblich, daß die zum Feste erscheinenden Fremden bevor-