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zugt werden und stets die ersten Plätze erhalten; es istja auch von größter Wichtigkeit, daß gerade die Fremdenalle Einzelheiten des wunderbaren Vorganges mit eigenenAugen sehen und prüfen können, um die Wahrheit des-selben in aller Welt bestätigen zu können.
Noch war niemand vom Volke in die Kapelle zu-gelassen, und so war es möglich, unter Führung desliebenswürdigen Priesters dieselbe aufs genaueste zu be-sichtigen. Im 17. Jahrhundert „von der dankbaren Stadtdem Bürger, Schutzpatron und Befreier geweiht, der sievon Hunger, Krieg, Pest und Feuer des Vesuv durchsein wunderthätiges Blut gerettet", zeigt sie den damalsherrschenden Stil und ist mit geradezu verschwenderischerPracht im Sinne jener Prunkliebenden Zeit ausgestattet.Was an kostbaren Marmorarten und edlen Metallen zumBau und Schmuck der Kapelle verwendet worden, besitzteinen fast unendlichen Werth; Fresken von der Handder besten Meister, wie Domenichino und Ribera, be-decken Wölbungen und Wände und geben dem BeschauerKunde von dem glorreichen Martyrium und der hohen Wunder-kraft des Heiligen. Hinter dem Hochaltar birgt ein wohl ver-schlossener Silberschrein die Monstranz mit den beidenBlutfläschchen, sowie das Haupt des Heiligen in einerlebensgroßen silbernen Büste. All das hatte uns unserFührer mit größtem Eifer gezeigt und erklärt; man sahes ihm an, mit welcher Liebe und Ehrfurcht er für dasHeiligthum beseelt war, und wie sehr ihm daran lag,auch unser Interesse dafür zu erwecken. Zuletzt führteer uns noch in die zur Kapelle gehörige Sakristei, derenSchränke die kostbarsten Weihegeschenke füllen; die fürdie Büste des hl. Januartus bestimmte Mitra allein istmit 3700 Edelsteinen besetzt, darunter viele von be-deutendem Werthe.
(Schluß folgt.)
-SÄMkS-
Die Drei-Kaiser-Elke.
Mit Bild.)
Im äußersten Südosten unseres Vaterlandes, da,wo die drei Kaiserreiche Deutschland , Oesterreich undRußland zusammenstoßen, liegt als letzte preußische Stationder Breslau und Krakau verbindenden Eisenbahn Mys-lowitz, eine gewerbthätige, lebhafte Stadt mit etwa 11,000Einwohnern. Von' den Hügeln, auf denen dieser Ortsich erhebt — den letzten Ausläufern des kohlenretchenTarnowitzer Höhenrückens - genießt man einen wettenAusblick nach Russisch-Polen hinein, das hier durch dieetwa 25 Meter breite Schwarze Przemsa , die sich nacheinem Laufe von zehn Meilen in die Weichsel ergießt,von Deutschland getrennt ist. Myslowitz unmittelbargegenüber erblickt man die russische „Stadt" Modrzejow,einen Haufen von elenden Holzhäusern mit etwa 600Einwohnern. Wem daran gelegen ist, das Treiben indiesem Orte zu beobachten, kann auch ohne den so-genannten Halbpaß (eine auf acht Tage ausgestellte Legi-timation für den Grenzverkehr) bis dicht an das russischeZollamt vordringen; die Holzbrücke, die Myslowitz undModrzejow verbindet, ist fortwährend von Fuhrwerkenbelebt. Auf dem Marktplatze, den man von ihr auszum größten Theile übersehen kann, herrscht stets einlebhaftes Handelstreiben, besonders mit Borstenvieh; imZollamt gehen unaufhörlich Leute aus und ein, undGrenzkosaken, die vor einem Schilderhause sitzend oder
stehend daS Ende der Brücke bewachen, lassen sich ohneScheu vor den Augen der Fremden von den Vorüber-gehenden kleine Geschenke zustecken.
Von dem am südlichen Ende der Stadt Myslowitz gelegenen Bahnhof gelangt man an einigen villenartigenHäusern vorbei, die von reizenden, bis an die Przemsasich herabziehenden Gärten umgeben sind, auf einen Weg,der nach dem nahe der Drei-Kaiser-Ecke gelegenen preußi-schen Dorfe Slupna führt, dessen Name (von slux^,Pfähle) schon die Lage an der Grenze andeutet. DerWeg zieht sich zunächst zwischen den schönen, saftigenPrzemsawiesen zur Linken, sowie einem hohen Bahndammzur Rechten entlang; letzterer ist in seiner ganzen Aus-dehnung mit Gebüsch bepflanzt, um ihm dadurch mehrFestigkeit zu verleihen, da er auf sogenanntem schwim-mendem Gebirge, einer unterirdischen wasserführendenSchicht, errichtet ist. Nach einem Spaziergang von einerknappen halben Stunde, der uns durch ein anmuthtgesBirkenwäldchen führt und besonders in seinem letztenTheile hübsche Ausblicke auf die Przemsa gewährt, diezwischen Weidengebüsch in sehr starken Krümmungen da«hinströmt, gelangt man nach Slupna. Hier lag einstdas im vorigen Jahre abgebrannte „Schloß" des fürst-lich Sulkowskischen Geschlechts, ein einstöckiger Holzbau,der sich in seinem Aeußern kaum von den Häusern derDorfbevölkerung unterschied. Um so merkwürdigere Dingeweiß uns der Geschichtskundige von den beiden letztenAbkömmlingen dieses Geschlechts zu berichten, von denender erste, Johann Sulkowskt, in der Zeit Napoleons I.an der Spitze eines Corps von zweihundert polnischenAufrührern der preußischen Regierung in Oberschlesien eine Zeit lang viel zu schaffen machte, bis er endlich vonder österreichischen Regierung, gegen die er ebenfalls eineEmpörung anzettelte, ins Gefängniß geworfen wurde, indem er starb. Noch ärger trieb es sein Sohn Max, derin seinem Hause jahrelang die schlimmsten Orgien feierteund schließlich eine seiner Kreaturen zur Ermordungseiner edlen Mutter anstiftete, noch heute aber von derirdischen Gerechtigkeit nicht ereilt ist.
Sobald man das letzte Haus des Dorfes hinter sichgelassen, hat man das ganze eigenartige Panorama derDrei-Kaiser-Ecke vor sich. Zwischen dem preußischen Ufer,das ziemlich hoch ansteigt, und dem der Nachbarstaaten,das von weithin sich erstreckenden Wiesen gebildet wird,eilt in heftiger Strömung die Schwarze Przemsa dahin,die zunächst die Grenze zwischen Deutschland und Ruß-land, sodann zwischen Deutschland und Oesterreich bildet;von Osten ergießt sich in sie die Weiße Przemsa , dieOesterreich und Rußland voneinander scheidet. BeideFlüsse tragen ihren Namen nicht mit Unrecht. DasWiffer der Schwarzen Przemsa sieht in Folge der vielenGrubenwässer, die es während seines Laufes aufnimmt,schmutzig trübe, das der Weißen, das einen sandigenUntergrund hat, hell und klar aus, und noch eine weiteStrecke unterhalb der Vereinigung sieht man deutlich dieGewässer beider Flußläufe durch eine scharf erkennbareLinie getrennt.
Während früher nichts die idyllische Ruhe der Drei-Kaiser-Ecke störte, bietet diese seit dem vorigen Jahre einbelebteres Bild, da die russische Regierung auf ihremAntheil, der mit einem spitzen Winkel in den Fluß vor-springt, eine Station zur Verladung der Kohlen ange-legt hat, die von den nahen Gruben auf einer Klein-bahn hicrhergeschafft werden. Außer einigen hölzernen