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1896.
„Augsburgrr PostMung".
Dinstag, den 24. November
Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg .
Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabberr in Augsburg (Borbesttzer Dr. Mar Huttler).
Im fremden Lande!
Erzählung von C. Borges.
(Fortsetzung.)
IV.
Thomas war nicht im Hause anwesend, als derVater mit seinem Schützling endlich das Ziel der Reiseerreichte. Rosalie fühlte sich wesentlich erleichtert, alsdie treue Verwalterin des Hauses den Ankommendenmittheilte, der junge Herr sei gestern auf die Jagd ge-gangen und würde wahrscheinlich erst nach acht bis vier-zehn Tagen heimkehren. Der alte Herr war über diesesrücksichtslose Benehmen sichtlich ungehalten, zu Ehren desGastes hätte er seinen Unwillen beherrschen und zumEmpfang bereit sein sollen, aber Rosalie versicherte lächelnd,es sei so besser, sie könne sich während der Abwesen-heit des jungen Herrn leichter in die neuen Verhältnisseeinleben.
Zwei luxuriös ausgestattete Zimmer waren fürRosa's speziellen Gebrauch hergerichtet.
„Es waren die Lieblingsziwmer meiner Gattin",sagte Herr Lambrecht mit weicher Stimme, als er dieneue Hausbewohnerin in dem geräumigen Hause unter-führte. „Sie sind seit ihrem Tode nicht wehr benutztworden; dies war ihr Piano, hier steht noch ihr Näh-tisch und ihr Arbeitskorb. Nur wenige Sachen sind inihren Zimmern neu hinzugefügt; es ist Dir vielleicht lieb,wenn so wenig wie möglich verändert wird."
, Rosalie fand ihre schönsten Erwartungen übertroffen,Herr Lambrecht überschüttete sie mit Liebe und Aufmerk-samkeiten. nur ein trüber Schatten verdunkelte ihr son-niges Leben — die Furcht vor der Rückkehr des jungenHerrn.
Dr. Manners war jetzt ein stets gern gesehener täg-licher Gast. Er bedauerte lebhaft, daß seine Frau zuleidend sei, um den weiten Weg vom Waldhof bisMarydale zurückzulegen, auch sei sie durch die Pflege derdrei Kleinen zu sehr an daS Haus gefesselt, um Rosaliezu besuchen. Sie ließe aber die Fremde, die ihr hoffent-lich bald eine liebevolle Freundin sein werde, bitten, nachdem Waldhof zu kommen und gleich den Nachmittag betihr zu bleiben.
„Ich hoffe, Sie werden hier glücklich sein", sagteer dann zu Rosalie gewendet in seiner offenen, ehrlichenWeise. „Meine liebsten Jugenderinnerungen haften andiesem Hause. Ich lebte hier viele, viele Jahre lang,
denn Herr Lambrecht war mein Vormund, aber er warmir stets ein treuer, liebevoller Vater."
„Haben Sie seine Gattin gekannt?"
„Ich liebte sie, wie ein Kind seine Mutter liebt.Aber sie war schwach und kränklich, und die treuesteLiebe und Pflege des Gatten vermochte nicht, ihr dieGesundheit und neue Lebenskraft wiederzugeben. Thomashat sie gar nicht gesehen; er war Jahre lang vom Hauseabwesend und fand bei seiner Heimkehr nur ein neuesGrab."
„ErzählenSie mir etwas von Thomas", bat Rosa leise.
Der junge Arzt lachte belustigt.
„Da ist wenig zu erzählen", versicherte er. „Erist ein überaus guter und ehrlicher Mensch; ich glaubekaum, daß er je in seinem Leben irgend einem Menschenein unfreundliches oder gar ein hartes Wort gesagt hat,aber — —"
„Aber er ist launenhaft und jähzornig", ergänzte Rosa.
„Guter Gott, nein! Kein Gedanke daran. Er istder beste und gutmüthigste Mensch der Welt; leider aberhat er bei den Damen kein Glück und kann auch nichtgut mit ihnen fertig werden."
Die erste Begegnung mit dem gefürchteten Thomasgeschah zu einer Zeit, da Rosalie es am wenigsten er-wartete. Sie war im Waldhofe. Htlda Manners freutesich so sehr über die neu gewonnene Freundin, daß No-salie gern täglich hinauswanderte. So saß sie auch heuteauf der Terrasse, das älteste der drei Kleinen, ein blond-lockiges Mädchen von kaum drei Jahren, saß auf ihremSchooße und spielte mit der glitzernden Uhrkette, dasjüngere Schwesterchen jauchzte vor Freude über die neuePuppe, die „Tante Rosa" mitgebracht hatte, und dasjüngste Brüderchen lag zur Seite in der Wiege im süßenSchlummer. Die junge Frau fühlte sich heute viel wohler,sie war selbst in der Küche, um die Zubereitung desKaffees zu überwachen, die sie zu Ehren des Gastes derDienerin nicht allein überlassen wollte. Da öffnete sichdas Gartcnthor, und er, den Rosa am meisten gefürchtethatte, trat mit schnellen Schritten der Terrasse und aufdie kleine Gruppe zu.
Rosalie war im Vortheil; sie hatte täglich seinPorträt in Lebensgröße im Hause ihres Onkels gesehenund war über seine Identität nicht im Zweifel. Thomashingegen hatte keine Ahnung, den Schützling seines Vatersvor sich zu sehen, und glaubte, die junge Dame sei eine„Stütze der Hausfrau", die Frau Dr. Manners bei